Abgründig 25

Gabriel schlief. Seine schwarzen Haare schimmerten matt im Licht, das von draußen durch die großzügige Fensterfront in das Loft einfiel. Ein paar Strähnen hatten sich aus dem Pferdeschwanz gelöst, den er wie üblich trug, und breiteten sich nun über Davids Beinen aus. Davids Hand ruhte noch immer auf Gabriels Schulter und ihm fiel erst nach einiger Zeit auf, dass er mit dem Daumen langsam kreisende Bewegungen ausführte. Als er sich dessen bewusst wurde, hörte er sofort auf. Er blickte in Gabriels schlafendes Gesicht und konnte in diesem Augenblick weder die spöttische Maske ausmachen, die der Maler sonst so häufig zur Schau stellte, noch die verbissene Sturheit, die David vor vielen, vielen Jahren, als sie beide noch Jungen gewesen waren, kennen gelernt hatte. In diesem Moment lag beinahe etwas Friedliches in dem Ausdruck des Malers. Welches dieser vielen Gesichter war der echte Gabriel?

David biss die Zähne aufeinander. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen. Gabriel schlief. Jetzt, nachdem tatsächlich das eingetreten war, was David sich vorgestellt hatte, gab es kein Zurück mehr. Vorsichtig fasste er Gabriels Kopf, hob ihn gerade so weit an, dass er seine Beine darunter hervorziehen konnte und schob ein Kissen an ihre Stelle, ehe er ihn vorsichtig wieder losließ. Ein Stück weit sank Gabriels Kopf in das Kissen ein, tiefer, als er auf Davids Beinen gelegen hatte, und der Maler gab ein leises Brummeln von sich, doch er wachte nicht auf. David hielt die Luft an, sein Herz klopfte wie wild und erst nach einigen Sekunden erinnerte er sich daran, weiter zu atmen. Noch war nichts geschehen, noch hatte er nichts gesehen. Er könnte sich einfach ein Glas Wasser holen, auf Klo gehen oder ganz nach Hause verschwinden. Nichts würde passieren.

Doch dazu war er nicht gekommen. David ließ seinen Blick durch den gesamten Raum schweifen. Es war ein Loft, das kaum versteckte Nischen oder Winkel bot. Ihm sprang die Treppe ins Auge, die auf die balkonartig eingezogene Zwischendecke führte. Er vermutete ja, dass sich Gabriels Schlafbereich dort oben befand. Das konnte er auf jeden Fall überprüfen.

David ging hinüber zur Treppe. Es handelte sich um eine solide Metallkonstruktion, doch auch Metall konnte Geräusche verursachen. Er musste vorsichtig sein, wenn er Gabriel nicht wecken wollte. Was er tun würde, sollte der Maler doch erwachen, darüber wollte er sich gerade keine Gedanken machen. Ansonsten würde mit einem Schlag die Panik zurückkehren.

Prüfend setzte er nun einen Fuß auf die unterste Stufe und verlagerte langsam sein Gewicht darauf. Es blieb alles ruhig. David machte einen tiefen Atemzug und stieg dann ohne eine Pause zu machen die restlichen Stufen hinauf.

Als sein Kopf auf Höhe der Zwischendecke war, sah er die Matratze, die tatsächlich Gabriels Bett zu sein schien. Sie lag ohne einen Rahmen oder ähnliches direkt auf dem Boden, der mit Reisstrohmatten ausgelegt war. Das Bettzeug war ordentlich gemacht. Eine kleine Stehlampe, neben der sich ein paar Bücher stapelten, befand sich am Kopfende der Matratze. Außer diesem Möbel und dem Bett selbst war nur noch ein weiterer Gegenstand hier oben zu sehen. Davids Blick fiel auf ihn, als er seinen Fuß auf die Strohmatten setzte. Instinktiv krampfte sich seine Hand am Geländer fest.

Fast genau gegenüber dem Treppenaufgang lehnte ein Bild an der Wand, das David sofort erkannte. Ihm blickte sein eigenes Konterfei entgegen. Es war das Bild, das Gabriel neulich innerhalb von wenigen Minuten gezeichnet hatte. Nun, es war nicht genau dieses Bild. Das Kunstwerk, das David gerade anstarrte, war feiner ausgearbeitet, zeigte aber das gleiche traurige Lächeln – sein Lächeln. Sich selbst so zu sehen, auf diese Weise einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, war merkwürdig, denn er wusste, dass das Bild die Wahrheit zeigte. Unwillkürlich verzog sich Davids Mund zu demselben Lächeln, das ihm sein Leinwand-Ich entgegenbrachte. Es erstarb in dem Augenblick, in dem er sich fragte, warum Gabriel ein Bild von ihm direkt neben seinem Bett stehen hatte. David schloss die Augen und presste seine Lippen aufeinander. Es spielte keine Rolle. In diesem Moment spielte es keine Rolle. Er machte die Augen wieder auf, spähte kurz über das Geländer hinunter zum immer noch schlafenden Gabriel und suchte dann noch einmal dessen Schlafbereich nach etwas Auffälligem ab, das nicht sein Porträt war. Es gingen von hier keine Türen ab, nur die Treppe, die nach unten in den großen Wohnbereich führte, wohin David nun zurückkehrte. Was hatte er erwartet? Es war doch klar, dass dort oben, so offen wie der Schlafbereich in den gesamten Raum integriert war, nichts zu finden sein würde. War es einfach nur Neugierde gewesen?

Zum wiederholten Mal wendete sich Davids Aufmerksamkeit Gabriel zu. Im Schlaf wirkte der Maler so harmlos wie ein Hundewelpe. Vielleicht war es Neugierde gewesen, dass er dort hinaufgegangen war, aber nicht nur. Es war vor allem Angst – wieder einmal. Angst, etwas zu finden, sich entscheiden zu müssen. David war ein Meister darin, Sachen zu verdrängen oder sie, so gut es ging, hinauszuzögern. Auf die Arbeit traf das natürlich nicht zu, denn sie war unpersönlich und Korrektheit dabei das oberste Gebot. Doch sobald es persönlich wurde, sobald etwas ihn direkt betraf, war sein erster Impuls stets die Flucht. Zumindest heute, zumindest jetzt durfte er nicht fliehen. Noch nicht. Es war nur ein Raum in Gabriels Wohnung übrig, den er noch nicht betreten hatte. Wenn sich hier tatsächlich ein Hinweis auf den Verbleib des Mädchens befand, dann in diesem Raum.

David riss seinen Blick von Gabriel los, drehte den Kopf und fasste die Tür in der Nähe des Eingangs ins Auge, hinter der er bisher eine Abstellkammer für all das Zeug vermutet hatte, das man in einem Haushalt eben so hatte und für das kein bestimmter Platz vorgesehen war. Eine seltsame Macht schien jetzt, da das der einzig übriggebliebene Raum war, von der Tür auszugehen. Eine Macht, die ihn gleichzeitig anzog und dort an den Boden fesselte, wo er gerade stand. Er biss sich auf die Unterlippe und hob dann in einer schier endlosen Sekunde das Bein, um einen ersten Schritt auf besagte Tür zuzumachen. Ein zweiter Schritt folgte, ein dritter und noch ein paar, bis er schließlich vor der Klinke stand. Durch das Sonnenlicht, das durch die große Fensterfront einfiel, zeichnete sich sein eigener Schatten auf der Tür ab. David warf einen schnellen Blick über die Schulter hin zu Gabriel um sich zu vergewissern, dass der Maler noch schlief, packte dann die Klinke und drückte sie, ohne noch einen weiteren Gedanken an irgendetwas zu verschwenden, nach unten. Die Tür war abgesperrt.

Als würde das Metall der Klinke mit einem Mal heiß glühen, machte David einen Satz zurück. Das Blut rauschte in seinen Ohren und sein Herzschlag hämmerte in seiner Brust wie nach einem Kurzstreckensprint. Entgeistert starrte er auf die Hand, die eben noch die Türklinke umfasst hatte. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Was hätte er denn gemacht, wenn in dem Raum tatsächlich etwas gewesen wäre? Was hätte er denn, nüchtern und realistisch betrachtet, wirklich getan? David taumelte, das Loft schien sich immer schneller um ihn zu drehen und er spürte, wie die altbekannte Panik ihm langsam aber sicher die Kehle zuschnürte. Er hatte Mühe zu atmen, ja Mühe, mit beiden Beinen auf dem Boden stehen zu bleiben. In einem Anflug von Geistesgegenwart drehte er sich etwas und ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand neben der zugesperrten Tür plumpsen. Mit den Händen auf die Knie gestützt fixierte er einen Punkt auf dem wabernden Boden und wartete. Dabei zwang er sich, in regelmäßigen Abständen ein- und auszuatmen; er zählte sogar die Sekunden zwischen den Atemzügen, um Ordnung und Kontrolle über seinen widerspenstigen Körper zurückzuerlangen. Wenn es wirklich nur sein Körper wäre … David spürte, wie eine Schweißperle seine Schläfe hinab rann. Minuten vergingen, wie viele, das konnte er nicht sagen. Irgendwann hatte er sich so weit beruhigt, dass er den Kopf wieder gefahrlos heben konnte, ohne dass ihm schwindlig wurde. Halb erwartete er, dass Gabriel ihn vom Sofa aus mit einem süffisanten Grinsen bedachte, doch er musste feststellen, dass sich der Maler noch immer im Land der Träume aufzuhalten schien. Damit war es also immer noch an ihm, sich zu entscheiden.

Eine Abstellkammer war für gewöhnlich nicht abgesperrt, außer vielleicht, der Besitzer schämte sich wegen einer eventuellen Unordnung. Das konnte sich David beim besten Willen nicht vorstellen, wenn er einen Blick hinüber zu Gabriels Arbeitsbereich warf. Vielleicht befand sich also tatsächlich etwas in diesem Raum, das es sich einzusperren lohnte. Wo aber war der Schlüssel?

Nicht sehr zuversichtlich spähte David durch das Loft. So übersichtlich der Grundriss im Prinzip auch war, es gab dennoch mehr als genügend Möglichkeiten, einen Gegenstand von der Größe eines Schlüssels zu verstecken. Hatte es überhaupt einen Sinn, irgendwo zu suchen anzufangen? Es hatte wohl auch keinen Zweck, wenn er überlegte, wo er denn den Schlüssel ablegen würde, denn er war nicht Gabriel. Allerdings … Er hatte den Maler als jemanden kennen gelernt, der nichts gern dem Zufall überließ. David dachte dabei an ihre erste Begegnung im Café, an die Einladung hierher ins Atelier oder an Gabriels Offenbarung. Gabriel behielt gern die Kontrolle, darin waren sie sich gar nicht so unähnlich. Auch wenn Gabriel das besser auf die Reihe zu bekommen schien als er. Insofern war es aber wohl gut möglich, dass der Maler den Schlüssel am eigenen Körper trug, um ihn so ständig bei sich zu haben.

Das war vermutlich das beste Versteck, das er hatte wählen können, wenn David derjenige war, der den versteckten Gegenstand aufspüren sollte.

In Davids Kopf flogen die Gedanken schon wieder kreuz und quer. Zwischendurch hatte er, wegen all seiner Fragen bezüglich des Bilds, die Gewissheit gehabt, dass Gabriel genau wusste, worauf er hinaus wollte. Dass er über das Mädchen Bescheid wusste – oder zumindest Bescheid zu wissen glaubte. Womöglich war er sogar der einzige Mensch, abgesehen von Gabriel, der einen Verdacht hatte. Doch nun schlief Gabriel hier einfach so seelenruhig unter Davids Anwesenheit vor sich hin. War das Glück? Vielleicht traute Gabriel ihm auch gar nicht zu, irgendetwas zu wissen, geschweige denn, irgendetwas zu unternehmen.

Vielleicht war ja am Ende überhaupt nichts los. Vielleicht bildete er sich alles nur ein und er war in Wahrheit noch zehnmal verdrehter als der Maler. Vielleicht …

David stöhnte auf und presste seine Fingerspitzen links und rechts gegen die Schläfen. Es hatte keinen Zweck. Was auch immer in diesem Raum war, er hatte das Gefühl, dass er, wenn er es nicht schaffte, einen Blick hinein zu werfen, definitiv neben der Spur bleiben würde. Er stieß sich von der Wand ab und tappte eilig, bevor der Anfall von eingebildetem Selbstbewusstsein vorüber war, zur Couch und dem schlafenden Gabriel hinüber. Mit zusammengekniffenen Augen beugte er sich über den Maler. Auch jetzt wollte David sich nicht ausmalen, wie er reagieren würde, sollte Gabriel ihn in dieser merkwürdigen Pose erwischen. Dadurch, dass Gabriel ein lockeres, ärmelloses Hemd, das nur lässig zugeknöpft war, trug, konnte David erkennen, dass keine Kette um den Hals gelegt war. Insbesondere konnte also auch kein Schlüssel an dieser nicht vorhandenen Kette hängen. David starrte auf die dezent gebräunte Haut. Er war sich sicher, neben dem Kehlkopf und den Sehnen, die sich darunter abzeichneten, auch die Male von Händen, die sich einst mit stählernem Griff um diesen Hals gelegt hatten, zu erkennen. Als er jedoch blinzelte, waren die Male nicht mehr zu sehen. Er blinzelte nochmals, doch es blieb dabei, es war nichts Sonderbares, abgesehen von einem leichten Bartschatten, zu sehen.

So war es immer. Irgendeine Kleinigkeit, die gar nicht existierte, verunsicherte ihn, brachte ihn bisweilen auch vollkommen aus dem Konzept. So wie jetzt. Mit Mühe riss er sich von Gabriels Hals los und ließ den Blick über den Körper des Malers tiefer wandern. Wirklich, wenn Gabriel jetzt aufwachte, musste er auf falsche Gedanken kommen.

Das Hemd hatte keine Taschen, wohl aber die Hose, eine dünne, helle Jeans. David konnte förmlich spüren, wie ihm das Herz in die eigene rutschte. Er konnte doch nicht … Oh Mann, das konnte er nicht tun. Gabriel lag auf dem Rücken, allerdings ein wenig schief, sodass er leicht nach rechts gedreht war. Das hieß, die linke Hosentasche zu erreichen war kein Problem, wohl aber die rechte. Gabriel war Rechtshänder, soweit David sich in diesem absurden Moment richtig erinnerte, und somit wäre der Schlüssel wohl auch eher in der Hosentasche auf dieser Seite zu finden – falls er überhaupt in einer der Taschen war. Oh Mann …

David fixierte die linke Hosentasche, ihm blieb ja erst mal nichts anderes übrig. Langsam streckte er seinen Arm aus, langsam, richtig langsam. Der Augenblick schien still zu stehen und David hätte tatsächlich geglaubt, dass er festgefroren war, wäre da nicht das Beben in seinen Fingern gewesen. Er hielt die Luft an, hörte seinen Herzschlag in den Ohren dröhnen und näherte sich in Zeitlupentempo Gabriels Seite. Das war doch nicht zu glauben, das war doch … Ein Schauder durchfuhr ihn, als er den Stoff der Hose berührte und sich vorstellte, dass Gabriels Haut nur wenige Millimeter von seinen Fingerspitzen entfernt war. Wenn er jetzt aufwachte …

Er schob die Hand tiefer, spürte dabei überdeutlich den warmen Körper unter seinen eigenen, eiskalten Fingern. Tiefer, ohne zu sehr zu drücken oder zu sehr am Stoff zu ziehen. Es war alles andere als einfach. Es war alles andere als angenehm. Und doch stand er hier und hatte seine Hand in jemand anderes Hosentasche. Und er fühlte etwas Hartes.

David ließ mit einem Mal alle Luft, die er unbewusst einbehalten hatte, aus seinen Lungen weichen. Es hörte sich beinahe wie ein Japsen an und er blickte erschrocken zu Gabriels Gesicht, um zu schauen, ob der Maler davon aufgewacht war. War er nicht. Mit zittrigen, beinahe tauben Fingern tastete David nach dem metallenen Gegenstand. Er bekam ihn zu fassen und hielt wenige Augenblicke später einen stinknormalen, silbrigen Schlüssel in Händen. Einfach so.

David taumelte, doch er bekam die Sofalehne rechtzeitig zu fassen. Er wartete, eine Minute, zwei, bis das Hämmern in seiner Brust auf ein erträgliches Maß abgeklungen war. Er betrachtete den Schlüssel in seiner Handfläche. Sein erster Diebstahl. Ein resignierendes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Vielleicht bekam er ja mildernde Umstände. Seine Finger schlossen sich um den kleinen Gegenstand und mit mehr Willenskraft, als er je in sich verspürt hatte, wankte er zurück zum versperrten Raum.

Abgründig

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