Die folgende, kurze Geschichte habe ich auf meinem PC gefunden, mit dem Datum 23.06.2009 versehen … Da es bei meinen anderen Projekte gerade wegen einer unaufschiebbaren Angelegenheit (vielleicht bald mehr dazu) etwas hängt, kann ich euch gerade nur diese alte Geschichte aus der Kategorie „Selbstgeschriebenes“ anbieten. Sie ist irgendwie ziemlich depri, wie mir gerade beim erneuten Lesen aufgefallen ist.


Draußen regnete es in Strömen. Sie saß am Fenster und blickte hinaus.

Auf der Scheibe zeichneten die Tropfen feine Muster und Linien, sodass es nicht leicht war, Umrisse zu erkennen. Doch sie wusste, wie die Straße aussah, dass der helle Schein von einer Straßenlaterne stammte, oder dass gleich gegenüber ein alter Spielplatz war. Sie saß oft hier am Fenster.

***

Sie wollte nur kurz ihr Zimmer verlassen, um auf die Toilette zu gehen.

„Mach mir etwas zu essen, ich bin müde!“

„Jawohl, Mutter. Sofort.“

Sie stieg die Treppe nach unten und ging in die Küche. Dort öffnete sie die Kühlschranktüre und steckte den Kopf hinein. Es war nicht viel darin, niemand war einkaufen gegangen. Sie klapperte mit den Töpfen, als sie im Schrank nach der Cornflakes-Packung suchte. Sie schüttete eine Hand voll in eine Schüssel und goss den Rest Milch aus der Pappkartonverpackung darauf. Sie faltete die Schachtel und steckte sie zu den anderen in den Müllbehälter. Dann zog sie ein Messer aus der Schublade, wusch einen verschrumpelten Apfel und schnitt ihn in Achtel, wobei sie das Kerngehäuse sauber entfernte. Die brachte das Essen ihrer Mutter.

„Bring noch den Müll nach draußen! Und morgen nach der Schule geh einkaufen! Es ist ja nichts mehr im Haus.“

„Jawohl.“

Sie kehrte in die Küche zurück, hob den Sack mit den Abfällen aus dem Plastikbehälter, knotete ihn zu und ging zur Haustüre. Der Regen prasselte ihr auf den Kopf, als sie zur Mülltonne eilte. Wieder im Haus hörte sie auf dem Weg zur Treppe den Fernseher aus dem Wohnzimmer. Sie stieg die Stufen hinauf.

***

Sie war unsichtbar. Auf der Straße, in der Schule, überall. Niemand hob den Kopf für sie, keiner begegnete ihrem Blick. Im Unterricht saß sie am Rand, ihre Mitschüler flüsterten miteinander, kicherten, arbeiteten mit. Die Lehrer blickten über sie hinweg.

Der Mann an der Supermarktkasse sagte „Hallo“, doch er benahm sich wie ein Roboter, er musste  mit ihr sprechen. Sie gab ihm das Geld, packte die Einkäufe in eine Tüte und war im nächsten Moment wieder Luft, noch bevor sie den Laden verließ.

***

Vor dem Zubettgehen bürstete sie ihr Haar. Es war lang, glänzte im Licht, und glitt durch ihre Finger wie Wasser. Dann schlüpfte sie in ihr Nachthemd und schaltete das Licht aus.

Im Bett war es warm. Sie lag unter der Decke, auf der Seite, und starrte an die Wand. Unten lief der Fernseher, er war durch den Türspalt zu hören.

Irgendwann verstummte er, die Treppe knarrte, Schritte auf dem Flur, dann fiel eine Türe ins Schloss. Sie wartete noch, ehe sie aufstand, vorsichtig die Türe etwas weiter öffnete, lauschte, und dann die Treppe hinab schlich. Sie machte den Fernseher an, setzte sich ganz nah davor hin und drehte die Lautstärke so leise wie möglich.

Die Bilder flatterten vor ihren Augen, anders als der Regen durch die Glasscheibe. Sie wusste nie, was als nächstes kam. Mit der Fernbedienung schaltete sie die Programme durch, immer wieder von vorn, verweilte ab und zu auf einem Sender und drückte dann doch auf weiter.

Fasziniert starrte sie auf den Bildschirm, die bunten Welten, die vor ihren Augen vorbeizogen.

Die ganze Nacht durch.

Jede Nacht.

***

Wieder regnete es, ein Unwetter, sie konnte es von draußen durch die Wände hören. Ihre Mutter schlief, und sie saß vor dem Fernseher. Die Zeit verstrich, die Bilder drangen in ihren Kopf, formten ganze Welten, und während der Sturm außerhalb immer heftiger wurde, wurde es in ihr immer ruhiger. Sie bemerkte es nicht, sehnte sich nur nach diesen fremden Welten, bis sie einschlief und ihr Herz aufhörte, für sie in dieser Welt zu schlagen.

Am nächsten Morgen spiegelte sich das Sonnenlicht auf ihrem Haar, das durch das Fenster fiel.

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4 Gedanken zu “invisible – unsichtbar

  1. Hi Michaela! The picture frame does not depress me but leaves me a sense of tranquility and invisibility, sometimes I need to reflect. Of course I’m just talking about the picture as the beautiful story is sad and I recognize it. I share on my blog with your permission 😉 ❤

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