Es war kein schöner Anblick.

Frank hielt sich die Hand vor den Mund, nicht, weil ihm schlecht war, sondern mehr aus Reflex. Den anderen ging es wohl nicht anders. Er konnte nicht wirklich viel erkennen, doch das, was er sah, genügte. Die Leute des Clubs hatten alle Hände voll damit zu tun, die Zuschauer, die nach ihrem Konzertbesuch nicht sofort nach Hause gegangen waren, von der Tür zum Hinterausgang fernzuhalten. Einige waren allerdings schon auf die Idee gekommen, von der Straße aus in den Hof zu gelangen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Polizei eintraf.

„Mein Gott“, stöhnte Sam und rieb sich die Augen. „Wer kommt bloß auf die Idee, hier jemanden umbringen zu müssen? Warum hier, wenn wir da sind?“

„Sam, Sam, ist gut. Am besten, du gehst wieder rein.“ Frank war ein wenig erschrocken. Er hatte noch nie erlebt, dass Sam die Fassung verlor, aber in diesem Augenblick war sein Bandkollege sprichwörtlich fertig mit den Nerven. „Ich komm mit dir mit, okay?“

„Was soll das? Wer ist das überhaupt?“ Der Bassist schüttelte immer wieder den Kopf, starrte auf die Leiche, die dort neben ein paar Mülltonnen im Halbdunkel lag.

„Sam! Hier entlang.“ Frank packte ihn an der Schulter und bugsierte ihn durch die Menge der Schaulustigen. Die meisten der Leute machten ihnen Platz, obwohl sie nicht so recht wussten, wem sie gerade ihre Aufmerksamkeit schenken sollten.

„Bleibst du hier?“, fragte Frank leise, als er an Georg vorbei kam. Georg nickte und murmelte zurück: „Ich versuch rauszufinden, was da passiert ist. Die Polizei müsste jeden Moment eintreffen.“

„Alles klar. Ich hol unserem Sammy was zu trinken, wir sind dann hinten. Bis später.“

Frank war froh, dass wenigstens noch einer außer ihm einen kühlen Kopf behielt. In dem Tumult, der sich natürlich sofort nach der Schreckensnachricht gebildet hatte, hatte er Dariusz und Kora aus den Augen verloren. Er hielt jetzt zwar nach ihnen Ausschau, war aber mehr damit beschäftigt, Sam wieder hinter die Bühne zu bringen, ohne dass dieser blindlings gegen irgendwelche Gäste prallte, sodass Frank die anderen zwei nirgendwo entdecken konnte.

Der Weg glich einem Spießrutenlauf, doch es dauerte wahrscheinlich nicht so lange, wie es ihm in diesen Minuten vorkam, bis Frank endlich die Türe zu dem kleinen Aufenthaltsraum schließen konnte. Er drückte Sam in einen der Sessel und ihm gleich eine Flasche Limonade in die Hand, die noch ungeöffnet auf dem Tisch gestanden hatte.

„Ich muss mal schnell weg. Bitte beruhig dich ein bisschen und rühr dich nicht vom Fleck, okay? Bin gleich wieder da.“

„Ja, ja, klar, ja.“ Sam nickte etwas unkoordiniert und starrte die Flasche in seinen Händen an.

„Gut, bis gleich. Und nicht weglaufen.“

Frank musste auf die Toilette, dringend. Er hastete den Gang entlang, bis er bei der Tür mit dem schwarzen Männchen darauf angekommen war. Er riss sie auf und blieb überrascht stehen, als er Kora über eins der Waschbecken gebeugt sah. „Hey.“

„Hi.“ Der Sänger klatschte sich eine weitere Ladung Wasser ins Gesicht und ließ es langsam wieder von der Nasenspitze und über das Kinn abtropfen, während er sich mit den Armen am Rand des Beckens abstützte.

„Wie geht’s dir?“, wollte Frank wissen.

„Den Umständen entsprechend.“

„Natürlich. Ich hab Sam wieder nach nebenan gebracht, er muss sich ein wenig beruhigen. Georg ist am Hinterausgang geblieben, er versucht, sich so weit wie möglich ein Bild von der Lage zu machen. Hast du vielleicht eine Ahnung, wo Dariusz abgeblieben ist?“

„Soweit ich weiß, wartet er am Eingang auf die Polizei.“ Noch eine Ladung Wasser, die gegen Koras Wangen schlug.

„Okay, dann weiß ich Bescheid. Mann, was für ein Durcheinander. Ich muss unbedingt schnell pinkeln, bis gleich.“ Frank eilte zu den Pissoirs und erleichterte sich. In dem Tumult hatte er völlig vergessen, aufs Klo zu gehen.

Über die Schulter beobachtete er weiterhin Kora, der sich jetzt mit einem Handtuch das Gesicht abtrocknete. Frank sah ihn nicht direkt, aber im Spiegel über den Waschbecken hatte er einen Blick auf Koras Gesichtszüge.

„Bist du sicher, dass alles okay ist?“, fragte er noch einmal nach. Es reichte schon, wenn sie sich um Sam kümmern mussten. Einen weiteren Ausfall durften sie sich momentan nicht leisten.

„Ich brauch bloß kurz eine Pause.“

Kurz eine Pause? Alle Erhabenheit, die Kora auf der Bühne ausstrahlte, war in diesem Moment wie weggeblasen. Er sah nicht besser aus als Sam, wobei der Unterschied zwischen den beiden wohl darin bestand, dass Kora sich zu beherrschen versuchte. Sein Gesicht, das sonst eher blass war, war nun gerötet von dem kalten Wasser und dem Darüberrubbeln mit dem Handtuch. Koras Maske lag neben dem Becken, seine Augen waren geschlossen.

Frank wusch sich unter dem zweiten Wasserhahn die Hände und versuchte es noch einmal: „Ich bin mit Sam hinten im Zimmer. Du musst dich ja nicht ins Getümmel stürzen, die anderen regeln das schon. Wir haben mit der Sache ja im Grunde gar nichts zu tun.“

Kora nickte. Frank sah eindeutig, dass es ihm nicht gut ging. Auch wenn Kora, nicht zuletzt durch diese Geschichte mit der Maske, stets erpicht darauf war, nicht zu viel von sich als Mensch Preis zu geben, so war es in diesem Moment kein Problem für Frank zu erkennen, wie labil Koras Zustand gerade war. In der Öffentlichkeit bekam man ihn so wahrscheinlich nie zu Gesicht.

So seltsam es auch klang, aber Frank – und vermutlich ging es dem Rest der Band nicht anders – fühlte sich dadurch irgendwie geehrt. Denn nicht nur im Öffentlichen, auch im Privaten strahlte Kora immer etwas von dieser Unnahbarkeit aus. Nun zu sehen, dass er auch nur ein Mensch war, war also wirklich etwas Besonderes.

Womöglich bildete sich Frank das alles aber auch nur ein. Er sorgte sich nichtsdestotrotz.

„Also, dann bis gleich.“ Er trocknete sich die Hände.

„Gut.“ Kora warf ihm einen schnellen Blick aus müden Augen zu. Frank erwiderte diesen mit einem leichten Lächeln und wandte sich dann um.

 

Zweiundzwanzigster November

Keine guten Nachrichten. Ich bin mir nicht sicher, was da läuft, doch irgendetwas stimmt nicht mit Nina. Sie beachtet mich nicht. Ich muss herausfinden, was da im Busch ist. Keine erfreuliche Angelegenheit, nicht für mich.

Ende erstes Kapitel – nächstes Kapitel folgt bald…

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