Karl stand irgendwo am Rand, wo er nicht auffiel. Zwischen all den kreischenden Teenies kam er sich zehn Jahre älter vor, als er eigentlich war. Die Musiker waren gerade erst auf der Bühne erschienen und er beobachtete nun alles, was da oben vor sich ging, ganz genau. Er hatte sich natürlich vorab über die Musiker informiert, doch jetzt erlebte er das, worüber er bislang nur gelesen hatte, einmal selbst.

Wenn man über die Musik auch denken konnte, was man wollte, so zog die Band allein schon wegen ihres Auftritts die Aufmerksamkeit auf sich. Das „große Geheimnis“, wie Karl es in einem Bericht gelesen hatte, zog die Blicke auch derer an, die nicht unbedingt etwas mit der Musik anfangen konnten.

Karl blickte angestrengt auf die Bühne. Zuerst war der Schlagzeuger erschienen, Georg Küster, ein ganz normaler junger Mann. Kurze Haare, ordentlich rasiert, ein Ohrring, schwarzes Muskelshirt und schwarze Jeans, ein Halstuch und bequeme Turnschuhe. Es lag einfach in Karls Natur, auf diese Details zu achten. Das war ein Prozess in seinem Gehirn, den er gar nicht mehr zu steuern brauchte. Womöglich hatte Fred Recht damit, dass er vielleicht etwas viel arbeitete.

Samuel Schwarzer, der Bassist der Band, folgte. Karl hatte sich alle Namen und Gesichter eingeprägt, soweit es ihm eben möglich war. Samuel war hoch gewachsen und schlaksig, hatte Sommersprossen und trug wie der Schlagzeuger dunkle Kleidung. Sein Gesicht wies noch deutlich jugendliche Züge auf und wirkte ein wenig flegelhaft.

Nach dem Bassisten betrat der Gitarrist Frank Lichterstein die Bühne. Der Applaus des Publikums wurde jetzt stärker; offenbar war der Gitarrist der Gründer der Gruppe, was die Leute lautstark honorierten. Auf alle Fälle aber war er ein bunter Vogel, trug ein Jackett mit Pailletten, einen Schal, Schlaghosen, Lackschuhe und hatte die blonden Haare mit Gel zu einem lockeren Irokesen aufgestellt. Frank lachte, winkte den Zuschauern zu und trieb sie zu noch mehr Applaus an.

Dann kamen noch Dariusz Mazur und, worauf Karl besonderes Augenmerk legte, Kora. Dariusz spielte Cello, ein eher ungewöhnliches Instrument für solch eine Band. Er grüßte nur kurz ins Publikum. Karl hatte ihn als zurückhaltenden Menschen eingeschätzt und fühlte sich nun bestätigt. Dariuz trug einen dünnen Rollkragenpullover, eine Stoffhose und das schulterlange, helle Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er setzte sich ohne Umschweife auf seinen Stuhl und stellte das Cello vom Boden auf.

Kora war der Sänger und Pianospieler der Gruppe, schrieb die Liedtexte und war wahrscheinlich der Grund dafür, dass die Band derart erfolgreich war. Karl dachte nicht an sein Können – das konnte er wirklich nicht beurteilen – vielmehr war Kora das große Mysterium, um das sich unzählige Gerüchte rankten. Selbst Karl hatte den richtigen Namen des Sängers nicht herausfinden können. Und was noch merkwürdiger war und nicht nur ihn irritierte, war die Tatsache, dass scheinbar kein Mensch das Gesicht Koras jemals gesehen hatte. Der Sänger hatte dunkelbraune, leicht rötliche, lange Locken, trug einen schwarzen Mantel, Stiefel, und eine Maske. Genau erkennen konnte Karl das jedoch auch nicht, denn die Haare hingen dem Sänger tief ins Gesicht und er achtete beständig darauf, dass sein Gesicht immer im Schatten lag. Karl konnte diesen Typ nicht einschätzen und beobachtete ihn genau. Er war das wahre Phantom von Phantom. Kora verbeugte sich einmal als Antwort auf den frenetischen Applaus und nahm dann vor dem Flügel Platz.

Karl war gleich zu Beginn auf die Idee gekommen, dass diese Geschichte mit der Maske lediglich eine PR-Aktion war. Ohne so etwas hatte man es in der heutigen Zeit schließlich nicht leicht, bekannt zu werden.

Die Scheinwerfer auf der Bühne dunkelten ab. Karl hatte einmal kurz in ein paar Lieder der Band hineingehört, doch für die Musik an sich hatte er sich nicht sonderlich interessiert. Im abebbenden Beifall setzte nun, zunächst kaum merklich, die Musik ein. Die Zischlaute im Publikum, die eigentlich Ruhe verlangten, überdeckten beinahe die leisen, gezupften Töne des Cellos. Es war eine beruhigende Melodie, die sich allmählich über das Gemurmel hinwegsetzte. Karl war angenehm überrascht. Nach einiger Zeit setzte dann das Klavier ein, ebenso leicht, und formte zusammen mit dem Cello eine Harmonie, die über die Köpfe des Publikums bis in die hintersten Reihen drang. Karl hätte niemals mit solcher Professionalität gerechnet.

Die Melodie schwoll weiter an, bis sie plötzlich abbrach. Dann brach das Gewitter herein – Gitarre, Bass und Schlagzeug, die in wuchtiger Weise dieselbe Melodie fortführten. Das Cello setzte wieder ein, diesmal im Stringendo, dann das Klavier mit kraftvollen Anschlägen. Schließlich begann Kora zu singen:

They come to me every night…“

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