Fünfzehnter November

Es ist eine gute Zeit, ich bin glücklich. Zumindest denke ich das. Nina ist wunderbar, auch wenn ich nicht genau weiß, was sie von mir denkt. Es soll möglichst lange so bleiben, das ist mein Wunsch.
Diesmal nur ein kurzer Eintrag, bis bald.

Lisa war wirklich aufgeregt. Schon zu Hause konnte sie es kaum erwarten, dass ihr Vater endlich von der Arbeit kam. Er war fünf Minuten zu spät, als sie dann sein Auto in der Auffahrt hörte. Sie riss die Haustüre auf, sprang nach draußen und hechtete auf den Beifahrersitz. Auf der Fahrt zum Club konnte sie nicht stillsitzen. Sie klappte die Sonnenblende herunter und prüfte in dem darin eingearbeiteten Spiegel, ob ihr Make-up noch an Ort und Stelle war, besonders, ob der Lidschatten nicht zu sehr herausstach, und ob ihre Frisur, eigentlich ein einfacher Pferdeschwanz, noch richtig saß. Wenn sie in der ersten Reihe stand, musste sie unbedingt tadellos aussehen.

Sie hatte schon seit Wochen nichts anderes mehr im Kopf als das Konzert von Phantom, ihrer neuen absoluten Lieblingsband, heute Abend im Black Silver Night.

Diese Band war echt der Wahnsinn. Selbst die Jungs an ihrer Schule diskutierten vor dem Unterricht und in den Pausen, welches Lied das beste sei, wie gut der Gitarrist sein Handwerk verstand oder wohin es die Musiker von Phantom in Zukunft noch bringen konnten. Das war wirklich erstaunlich und zeigte ihr, dass mehr an dieser Band dran sein musste als nur ein vorübergehender Hype, dem lediglich die hysterischen Mädels, zu denen sie sicher auch zählte, folgten.

Und es war nicht nur so, dass alle Mitglieder der Band richtig gut aussahen – sie wusste natürlich von fast jedem Name und Alter, Körpergröße, und was man eben so erfahren konnte – sie machten auch noch wirklich gute Musik. Ihr persönlicher Lieblingssong war eindeutig >Hunting the Ghosts of my Mind<. Dieses Lied war in ihren Augen einfach nur ergreifend. Jede einzelne Note verpasste ihr eine Gänsehaut, die Melodie war wunderschön und die Stimme des Sängers Kora war, getragen von den Instrumenten, wie ein Sturm und eine leichte Brise zugleich, die ihr bis in die Knochen kroch und sie tief im Herzen berührte. Noch nie hatte sie so etwas gehört, auch wenn sie nicht richtig in Worten beschreiben konnte, was die Musik der Band tatsächlich in ihr auslöste. Doch sie wusste, es ging nicht nur ihr so.

Lisa wurde mit jeder Minute, die die Anzeige im Auto aufwärts in Richtung zwanzig Uhr zählte, ungeduldiger. Sie hoffte inständig, dass Caroline schon da war, denn jetzt noch vor dem Eingang warten zu müssen, wäre die reinste Qual. Immer wieder wanderte ihr Blick von der Uhr zu ihrem Vater und aus dem Fenster. Wirklich, dieses Konzert würde echt der Hammer werden.

Lisas Vater hielt nicht direkt vor dem Club, denn sie konnten beide schon von Weitem erkennen, dass dort die Hölle los war.

„Also, pass auf dich auf. Nach Hause kannst du ja mit Carolines Mutter fahren, oder?“ Frank war beim Anblick der Menschenmasse ein paar Schritte weiter ein wenig unwohl.

„Ja, ja, klar. Ist so ausgemacht.“ Lisa hingegen war eher ungeduldig und konnte es nicht mehr erwarten, sich in diese Meute zu stürzen. „Ich hoffe, drinnen ist es noch nicht zu voll. Also dann…“ Blitzschnell schob sie die Autotür auf und sprang nach draußen.

„Lisa, ich versuche wach zu bleiben. Falls ich doch eingeschlafen sein sollte, wenn du Heim kommst, dann weck mich doch bitte, okay?“

„Ja, ja, mach ich.“ Lisa wollte endlich los.

„Gut, dann viel Spaß.“

„Tschüss.“ Das Mädchen warf die Türe zu und lief los.

Es waren tatsächlich schon ziemlich viele Leute da, doch wie es aussah, war noch kein Einlass. Lisa blickte sich um auf der Suche nach Caroline, was bei der Vielzahl an Menschen jedoch gar nicht so einfach war. Sie hatten ausgemacht, sich vor dem Club zu treffen, doch das war jetzt leichter gesagt als getan. Noch während sich Lisa langsam suchend durch die Leute zwängte, wurde sie mehrmals angerempelt, bis ihr jemand dann absichtlich auf die Schulter tippte.

„Lisa!“, hörte sie es laut an ihrem rechten Ohr und drehte sich um. Hinter ihr war Caroline, die sie offenbar zuerst gefunden hatte, aus dem Getümmel aufgetaucht. „Komm kurz mit, ein bisschen an den Rand.“

„Hä? Ja…“ Sie konnte kaum ein Wort verstehen und folgte Caroline wieder ein wenig aus dem größten Tumult.

„So, hier ist es besser. Mann, ich bin so aufgeregt.“ Caroline war genau so hibbelig wie sie selbst.

„Ich auch, das wird so cool. Wir müssen unbedingt bis ganz vorne durchkommen, hörst du?“

„Klar. Aber ich wollte dir bloß noch mal kurz sagen, dass, falls wir uns da drin irgendwie verlieren sollten, wir uns einfach nach dem Konzert da drüben bei dem Baum treffen, okay? Ich weiß ja nicht, wie viel hier nach dem Konzert noch los…“

„He, schau! Die ersten Leute werden rein gelassen. Los, komm mit, wir müssen gleich am Anfang mit rein!“ Lisa packte Caroline am Handgelenk und zog sie hinter sich her auf den Eingang zu. „Hast du deine Karte?“ Caroline nickte, kramte das Ticket zum Beweis aus ihrer Tasche und auch Lisa hielt das rechteckige Stück Papier, das sie die letzten Tage wie ihren Augapfel gehütet hatte, bereit, während sie sich einfach neben ein paar Leute am Beginn der Schlange quetschte.

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