„Karl, ich mach dann Feierabend.“

„Geht klar, ich werde noch eine Weile hier bleiben.“

Karl winkte seinem Kollegen und stieß sich auf seinem Bürostuhl vom Schreibtisch ab, zog sich wieder zur Platte und wiederholte diese Prozedur. In ihrem engen Büro, das von ihm und seinem Kollegen Fred, blieb ihm nicht viel mehr an Bewegung.

Fred blieb in der Tür stehen und schmunzelte. „Geht dir der Fall von damals immer noch nicht aus dem Kopf? Dein Sinn für Gerechtigkeit in allen Ehren, aber die Ermittlungen haben einfach nicht genügend Beweise geliefert. Du solltest deine Zeit und deine Kraft auf aktuelle Angelegenheiten verwenden. Damit würdest du mehr Menschen helfen.“

„Es ist schon nach Dienstschluss, also bin ich vollkommen privat hier, aber danke für deinen Rat.“ Karl fühlte sich in keinster Weise angegriffen. Er wusste wohl, dass Fred es nur gut meinte.

„Das ist meine Meinung, Karl. Letztendlich musst du natürlich selbst entscheiden, was du tun möchtest. Es ist nur…“

„Musst du nicht deine Tochter um sieben zu diesem Konzert fahren?“ Karl unterbrach seinen Kollegen nur ungern, doch er konnte sich Lisa schon lebhaft vorstellen, wie sie ungeduldig auf und ab lief und dabei über ihren unpünktlichen Vater vor sich hin schimpfte. Schließlich hatte sie sogar Karl erst vorgestern von diesem Konzert und natürlich von dieser Band in den höchsten Tönen vorgeschwärmt. Da konnte ihr Vater sie also doch nicht warten lassen.

„Um Himmels Willen, natürlich. Also Karl, ich muss dann los! Ade!“

„Ciao, bis morgen. Richte Lisa schöne Grüße von mir aus.“

„Mach ich, okay. Bis morgen.“

Fred eilte durch das Gebäude, hinaus über den Parkplatz und zu seinem Auto. Er hatte es wirklich beinahe vergessen, dass Elisabeth zu Hause auf ihn wartete. Sie hatte es ihm mindestens zwanzig Mal gesagt und ihn noch öfter ermahnt, auf keinen Fall zu spät zu kommen. Sie wollte auf alle Fälle einen Platz in der ersten Reihe, direkt vor der Bühne.

Fred warf sich in seinen Wagen und brauste los. Wenn nichts Unvorhergesehenes passieren sollte, würde er es noch rechtzeitig nach Hause schaffen.

Karl fuhr in seinem Büro immer noch auf dem Stuhl vor und zurück. So sehr er sich auch für Freds Tochter Lisa freute, eine Karte für das Konzert, das sie so unbedingt erleben wollte, ergattert zu haben, er war nicht sonderlich glücklich darüber. Das flaue Gefühl in seinem Magen konnte ihn doch nicht derart täuschen. Selbst sein Verstand sagte ihm, dass er nicht falsch lag. Es sprach einfach nichts gegen seine Theorie.

Er griff in eine Schublade neben sich und zog ein Foto hervor. Die Aufnahme war eigentlich einwandfrei, weder verwackelt noch ungünstig belichtet, aber dieses eine Gesicht war einfach nicht zu erkennen. Karl konnte nicht sagen, wie lange er dieses Bild in den vergangenen Wochen nun schon angestarrt hatte. Und es war nicht nur diese eine Fotografie. Er hatte sich wirklich jedes noch so kleine Bildchen angesehen, doch immer war es das gleiche: keine klaren Gesichtszüge. So etwas konnte doch nicht möglich sein. Das einzige, das er hatte, war ein Name und eine im Sande verlaufene Ermittlung.

Karl dachte an Fred und Lisa und kam plötzlich auf eine Idee. Es war zwar nicht sein Musikgeschmack, doch für diesen Abend hatte er sowieso nichts anderes mehr vor. Mit Marke konnte er leicht in den Club gelangen. Er legte das Foto zurück und griff sich seinen Mantel.

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