Er fühlte sich mies, wie ein Feigling und wie der größte Idiot auf Erden. Außerdem war er innerlich so unruhig, dass es kaum auszuhalten war. Den Tränen nahe lag Martin auf dem Bett und presste sein Gesicht in die Kissen. Er konnte jetzt nicht mehr sagen, was ihn vorhin nach der Schule geritten hatte, um ihn so aus der Haut fahren zu lassen, aber es war nun einmal geschehen – daran konnte er nichts mehr ändern. Keine Sekunde hatte er sich seitdem auf die Schularbeiten konzentrieren können; außerdem war ein verdächtig unangenehm aussehender Brief in seinem Briefkasten gelandet, den er sich noch nicht zu öffnen getraut hatte. Was hatte er nur getan, dass alles im Moment schief lief, was nur schief laufen konnte? Er schlang die Arme fester um das Kissen, sodass es ihm fast die Luft zum Atmen nahm. Dieses bohrende Gefühl von Unzufriedenheit, dessen er sich zum ersten Mal heute in seiner Traumwelt – der Name schien ihm jetzt völlig falsch, doch er hatte keinen besseren – bewusst geworden war, nagte unaufhörlich an ihm. Und obwohl er sich vorgenommen hatte, Alexandre zu hassen, ertappte er sich dabei, wie er seine Gedanken kaum von ihm fernhalten konnte. Unweigerlich kehrten sie immer wieder zu Alexandre zurück, zu seinem perfekten, von Schweiß glänzendem Körper, aber auch zu seinem Gesichtsausdruck auf dem Parkplatz, dessen Bedrücktheit, wie Martin sich eingestehen musste, nicht bloß gespielt, sondern echt gewesen war. Er hasste nicht Alexandre, sondern vielmehr sich selbst, seine eigene Dummheit.

Es war kurz nach sieben Uhr abends, als er zum ersten Mal seit langer Zeit den Kopf vom Kopfkissen hob und seine verschwommenen Augen die grün leuchtenden Ziffern des Weckers erblickten. Stirn runzelnd rappelte er sich hoch und tappte in die Küche auf der Suche nach etwas Essbarem. Seit knapp einem Monat hatte er sich nicht mehr die Mühe gemacht, irgendetwas aufzuräumen und sauber zu machen. Die Küche glich beinahe einer Müllkippe, in der Verpackungskartons, Tüten, Folien und ungewaschenes Geschirr sämtliche Ablageflächen und teilweise auch schon den Boden bedeckten. Es dauerte mit Sicherheit nicht mehr lange, bis er hier sowieso wieder weg war, also störten die Sachen ein paar Tage länger auch nicht mehr. Das Geld, das er sich mit Blumengießen und dem Ausführen des Hundes seiner Nachbarin verdient hatte, war mittlerweile fast komplett aufgebraucht. Er hatte also gar keine Wahl, als zu dem Ort zurück zu gehen, an dem er bisher in seinem Leben so viel Zeit verbracht hatte. Zumindest so lange, bis er volljährig war.

Nach einem tiefen Seufzer fand er eine Dose Ravioli, die er sich warm machte und setzte sich anschließend an seinen Schreibtisch vor ein weißes Blatt Papier und den Aquarell- und Acrylfarben. Der Abgabetermin für seine Kunstarbeit rückte unaufhaltsam näher und seine bisherigen Ideen hatte er allesamt wieder verworfen. „Ästhetik – Versuch einer Darstellung“, was sollte er denn mit diesem Thema anfangen? Lustlos begann er, Farben aus seinem Aquarellkasten wahllos auf die blanke Fläche aufzutragen; das Bild – er wollte es gar nicht so nennen – hätte genau so gut von einem Zweitklässler sein können. Bei diesem Gedanken verzogen seine Lippen sich zu einem zynischen Grinsen und er fühlte sich mehr denn je wie ein Versager. Und mit jedem Blatt Papier, das er auf diese Weise bemalte, wuchs die Bitterkeit in ihm wie ein Kloß in seinem Hals.

Die Hälfte der Portion Ravioli wurde kalt. Es war kurz nach dreiundzwanzig Uhr, als Martin aus seinem Dämmerzustand gerissen wurde, in den er nach einiger Zeit gefallen war; die Türklingel hatte ihn aufschrecken lassen. In einer automatischen Bewegung stand er auf und ging zum elektronischen Öffner; er zögerte kurz, bevor er den Knopf für die Gegensprechanlage drückte.

„Ja? Wer ist da?“ Er wartete mit dem Finger auf dem Türöffner.

„Ich bin’s.“ Obwohl die Stimme durch die elektronische Anlage leicht verzerrt war, erkannte er sie sofort. „Entschuldige die späte Störung…“ Martins Herz schlug schneller. Mit zittriger Hand drückte er auf den Knopf, der die Tür ins Haus entriegelte. Dann wartete er – die Hand krampfhaft um den Türgriff gefasst, um das Zittern zu unterdrücken – auf den späten Gast. Schritte hallten durch das Treppenhaus, kamen näher und erst als sie direkt vor dem Eingang wieder verstummten, drückte er langsam die Klinke nach unten.

Erschrocken zuckte Martin zusammen, als er Alexandre erblickte. Einige Sekunden lang starrte er ihn wie versteinert an und brachte keinen Ton hervor. Der Mann sah völlig fertig aus, hatte ein blasses Gesicht, müde Augen, und die übliche Ordentlichkeit war nur noch zu erahnen. „Hallo, tut mir Leid, dass ich…“ Die Stimme, die einen beklommenen, abgehetzten Unterton an sich hatte, versagte; Alexandre stöhnte leise auf und Martin sah, wie er auf der Stelle zu schwanken begann. Erst da wurde er aus seiner Erstarrung gerissen und sprang im letzten Moment nach vorne, um Alexandre zu halten. Der Mann zitterte noch immer leicht, doch trotzdem brachte Martin es fertig, den schweren, scheinbar kraftlosen Körper auf sich gestützt in seine Wohnung und zur Wohnzimmercouch zu schleppen. Bis jetzt hatte er noch kein Wort gesprochen.

„Danke, Martin…“ Alexandre hob den Kopf und schaute ihn mit müden Augen an. Er versuchte zu lächeln.

Martin stand schweigend vor ihm; er war hin und her gerissen. Zwar hatte er den Vorfall vom Vormittag noch nicht vergessen und er wollte wütend sein, doch beim Anblick des Mannes spürte er wieder dieses Verlangen und der einzige, auf den er wütend war, war er selbst. Er wandte seinen Blick ab, denn er fürchtete, dass Alexandre sonst sofort merken konnte, was er gerade dachte.

„Was ist heute Vormittag geschehen?“, fragte Alexandre mit schwacher Stimme. „Du warst so wütend… warum?“

Martin überlegte kurz, ehe er etwas sagte. „Du weißt es echt nicht?“ Er setzte sich in einen Sessel schräg gegenüber und sah, wie Alexandre den Kopf schüttelte.

„Nein, tut mit Leid. Ich habe keine Ahnung.“

Wortlos dachte er über diese Antwort nach. Er konnte sich nicht helfen, doch er wusste, dass das die Wahrheit war. „Und warum hast du mich dann nach Hause geschickt?“

Nachdenklich blickte Alexandre zu Boden. Erst nach einer Weile antwortete er. „Es war nicht wegen dir – das heißt, eigentlich schon. Gerade wegen dir.“ Er stockte kurz, dann fuhr er fort. „Es ist nicht sicher, wenn ich alleine bin… Nicht sicher für dich…“

„Was meinst du damit?“ Martin hatte keinen blassen Schimmer, was er davon halten sollte.

„Nun ja, ich bin da in eine Sache verwickelt, auf die ich weiß Gott nicht stolz bin.“

„Was für…?“

Alexandre schüttelte den Kopf. „Es ist besser, du weißt nichts, glaub mir. Keine schöne Angelegenheit. Und leider konnte ich gerade nicht in meine Wohnung zurückkehren. Aber keine Angst, niemand weiß, wo ich momentan bin.“

Martin dachte über diese Geheimniskrämerei nach. Offenbar steckte Alexandre in ernsten Schwierigkeiten; was konnte das sein? Irgendetwas Illegales, ein Verbrechen? Hatte er ihn deswegen vergangenen Freitag so überstürzt hinausgeworfen? Martin verkniff sich irgendwelche Fragen. Er hatte kein Recht dazu, sich in Alexandres Angelegenheiten einzumischen.

Vielleicht ist das auch der Grund für die Fehler in der Traumwelt, überlegte er und dachte dabei an seine eigene Ideenlosigkeit im Zusammenhang mit dem Kunstprojekt. Die Sache mit seinen Eltern, ihr plötzliches Verschwinden, beeinflusste ihn mit Sicherheit, und auch Alexandres Probleme hatten sich wohl unterbewusst über dessen Stimme mit auf die Illusion der Traumwelt übertragen. Und schließlich konnte Alexandre nicht bewusst steuern, was seine Stimme bei Martin bewirkte. Martin schien das die einzige Lösung zu sein; sie klang plausibel.

„Warum bist du dann hierher gekommen?“, wollte er wissen. „Es gibt doch sicher genug andere Leute, zu denen du hättest gehen können.“

Alexandre blickte auf und sah ihn lange Zeit schweigend an, ehe er sagte: „Kannst du dir das nicht denken?“ Keine Sekunde bewegte er seine Augen von Martin weg. Der Blick war so durchdringend, so intensiv, dass Martin es nicht mehr aushielt und mit klopfendem Herzen seinen Kopf zur Seite drehte.

„Ich hol was zu trinken“, murmelte er, sprang auf und wollte an der Couch vorbei in die Küche. Fast im gleichen Augenblick erhob sich Alexandre und stellte sich ihm in den Weg.

„Du hast keine Ahnung, wie schwierig das ist. Wie sehr ich mich zurückhalten muss, oder?“, fragte Alexandre immer noch mit diesem eindringlichen Blick. „Sobald ich dich nur sehe…“

Martin schaute an der Schulter des Mannes vorbei ins Leere, seine Kehle war wie zugeschnürt. Was war denn jetzt auf einmal los? Er kam sich so unbeholfen vor. Ihm war warm und kalt gleichzeitig. „Du brauchst dich nicht zurück zu halten…“ drang es leise krächzend aus seiner Kehle hervor. Langsam richtete er seine Augen nach oben und schaute Alexandre an. Martin wusste sofort, dass ihm diese Worte ohne zu überlegen herausgerutscht waren und er spürte, wie seine Wangen rot anliefen. Er bereute sie aber nicht, sondern hoffte nur, dass er Alexandre nicht komplett falsch verstanden hatte. Etwas änderte sich an Alexandres Gesichtsausdruck, eine gewisse Anspannung fiel ab und Martin glaubte sogar, die Andeutung eines Lächelns erkennen zu können. Nichtsdestotrotz täuschte das nicht über den schlechten Zustand des Mannes hinweg, dem kalter Schweiß auf der Stirn stand. Was sollte Martin jetzt tun?

„Ich… äh… Vielleicht…“, stotterte er.

„Martin?“ Alexandre unterbrach ihn. „Das, was du gerade gesagt hast, war das… Ugh“

Alexandre zuckte zusammen und hielt sich mit schmerzerfülltem Gesicht die Seite. Erschrocken fuhr Martin auf: „Was ist los? Bist du…?“

„Alles okay, das ist nichts, nur…“ Plötzlich brach Alexandre zusammen. Martin sprang nach vorn, doch diesmal war er nicht schnell genug, um ihn noch auffangen zu können, obwohl er doch nur einen Schritt entfernt gestanden hatte „Alexandre!“ Er ließ sich auf die Knie fallen und schaffte es gerade noch zu verhindern, dass der Mann mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Alexandre schien bewusstlos zu sein.

Martins Herz schlug ihm bis zum Hals, das war alles zu schnell gegangen. Ob Alexandre verletzt war? Hatte er vielleicht nicht bemerkt, wie miserabel es ihm wirklich ging? Womöglich war das seine Schuld, er hätte nicht zulassen dürfen, dass er sich zu sehr anstrengte. Falls er verletzt war, musste er etwas tun…

Martin hatte nicht die Kraft, den Körper alleine vom Boden auf eine weichere Unterlage zu bringen, dafür war er einfach zu schwer. Es blieb also nichts anderes übrig, als ihn so zu lassen, wie er war. Vorsichtig beugte er sich über Alexandre, knöpfte zuerst dessen Jackett auf und dann – jeden Moment auf einen grausigen Anblick gefasst – das Hemd. Mit zitternden Fingern machte er sich am Kragen zu schaffen, aber er brachte es einfach nicht fertig, den kleinen Knopf richtig zu fassen zu kriegen. Tränen stiegen ihm in die Augen – er musste sich doch beeilen.

Plötzlich regte sich Alexandre, ein leichtes Zucken durchfuhr seinen Körper, und dann legte sich ein Arm von hinten um Martins Schulter und drückte ihn nach unten. Völlig davon überrascht befand sich sein Gesicht schon im nächsten Moment nur noch wenige Zentimeter von dem Alexandres entfernt. Als ob nichts gewesen wäre schlug der Mann seine Augen auf und flüsterte lächelnd: „Ich sagte doch, mir fehlt nichts. Kein Grund zu heulen.“

„Aber…“ Martin wusste nicht, was er sagen sollte.

„Ich frage dich noch einmal: Hast du das vorhin wirklich ernst gemeint?“

„Ich… äh… weiß nicht so recht.“ Der Arm war noch immer fest um seine Schultern gelegt und er konnte spüren, wie Alexandres Körper angespannt unter ihm zitterte. Wo war eigentlich das Problem? Warum konnte er nicht einfach sagen, was er dachte und wollte?

„Zu spät.“ Alexandre schlang jetzt auch seinen anderen Arm und ihn und presste ihn so fest an sich, dass Martin Alexandres Herz an seiner eigenen Brust schlagen fühlte. Langsam kam Martin zur Ruhe; die Umarmung war voller Wärme und in diesem Augenblick das einzige, was zählte. Aber er wusste auch, dass das nicht genug war. Bei dem Gedanken daran, dass sie sich irgendwann wieder lösen mussten, wurde das Verlangen in ihm stärker und er klammerte sich noch fester an Alexandre, denn er glaubte nicht, dass er das Gefühl der Einsamkeit danach ertragen könnte. Seine Traumwelt war von nun an kein Fluchtort aus der Realität mehr, das wurde ihm bewusst. Alles, wonach er sich sehnte und was er brauchte, war dieser Mann. Nicht nur dessen Stimme und die Trugbilder, die diese erzeugte, sondern die blanke Wirklichkeit mit ihm. Er war nicht allein und wollte das, so lange und so oft es ging, auch spüren.

Regelmäßige Atemzüge drangen an Martins Ohr und erst, als die Umklammerung, in der er sich dankbar hatte gefanden nehmen lassen, ein wenig lockerer wurde, stellte er fest, dass Alexandre eingeschlafen war. Zuerst wusste er nicht, ob der Boden dafür der richtige Ort war und ob er Alexandre nicht lieber wecken sollte, doch er brachte es nicht über sich aufzustehen und so schloss er ebenfalls seine Augen, blieb liegen und lauschte dem gleichmäßigen Ein- und Ausatmen und genoss die Wärme des anderen Körpers.

Ende

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7 Gedanken zu “lesson 5

  1. Ich mag deinen Schreib- und Erzählstil. Die Geschichte liest sich flüssig, ist blumig mit viel Liebe zum Detail ausgeschmückt und regt die Fantasie an. Auch für mich als Mann – oder eben gerade erst recht deswegen – absolut lesenswert. Bravo zum gelungenen Werk!

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  2. Ich schließe mich meinem Vorredner an: Dein Stil ist absolut entzückend und sehr gut in Kopfbilder umzusetzen. Obwohl Du detailreich schreibst, verlierst Du Dich nicht in den Details.
    Das einzige Wermuthströpfchen welches ich hier anführen muss (nein ich will es eigentlich nicht aber ich muss), ist das Gefühl, das die Geschichte eigentlich noch nicht zuende war, sondern hier erst richtig losgehen würde. So viele unaufgelöste Geheimnisse, so viele offene Fragen 😉
    Ich hoffe also, Du findest irgendwann die Motivation zu einer Fortsetzung ….

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      1. 🙂 Na, Du hattest ja vorab gewarnt das Ende sei offen…..leider las ich das erst nach dem Genuß Deiner Zeilen. Übrigens, ich danke Dir auch für die Likes an meinen Rollenspielberichten.

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