Die Wagentüren schlugen in dem unterirdischen Raum viel lauter zu als gewöhnlich. An den leeren Betonwänden und der niedrigen Decke hallte das Geräusch wider. Das künstliche Licht der Neonröhren flimmerte, als Martin und der Lehrer nebeneinander auf den Aufzug zu gingen, der sie aus der Garage heraus nach oben bringen würde. Sie warteten einige Sekunden, bevor sich die Türen mit einem leisen Zischen öffneten und sie eintreten konnten. Martin sprach kein Wort, während der Fahrstuhl mit mäßiger Geschwindigkeit aufwärts fuhr und erst im siebten Stock wieder stoppte und die beiden hinaus ließ. Sie gingen über den Flur bis zu der vertrauten Wohnungstür mit dem Namen „Alexandre L. Weiss“ auf dem Klingelschildchen. Der Lehrer zog seinen Schlüsselbund aus der Tasche des braunen Jacketts, schloss auf und ließ Martin vorbei, bevor er selbst eintrat. Mit einem leisen Klacken fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Martin schaute sich um und stellte fest, dass sich seit dem letzten Mal, als er hier gewesen war, nichts verändert hatte. Wie immer war das Apartment ordentlich und aufgeräumt. Es lag weder ein überflüssiges Teil achtlos herum, noch stand ein Buch schief im Regal. Vor der Garderobe streifte er sich die Turnschuhe von den Füßen, warf seine Tasche und den Zeichenblock daneben und ging auf Socken weiter zur Couch ins Wohnzimmer. Mittlerweile wartete er nicht mehr auf eine Einladung.

Mit einem tiefen Seufzer warf er sich in die weichen Kissen und lehnte sich zurück. Zwar war er froh darüber, hier zu sein und nicht bei sich zu Hause, doch er fühlte sich nicht gut. Er empfand eine nervöse Beklommenheit, die er sich nicht erklären konnte und die schwer auf ihm lastete, war irgendwie ausgelaugt und ein Gefühl des Elendseins hatte ihn ergriffen.

„Hast du Durst? Was willst du trinken?“ Der Lehrer stand in der Tür zur Küche und schaute ihn fragend an. Martin zuckte nur mit den Schultern und brummelte eine unverständliche Antwort. Er wusste selbst nicht, was er im Moment wollte.

„Das hieß wohl ja? Eine Tasse Kaffee?“

„Bitte nicht. Alles außer Kaffee“, stöhnte Martin auf. Von diesem Gebräu hatte er für heute genug. Er sah, wie der Blick des Lehrers seine fleckige Hose streifte und wäre am liebsten im Boden versunken. Egal was er tat, er kam einfach nicht aus seiner Haut. „Kann ich ein Bier haben?“, fragte er dann nach einem Moment der Stille trotzig, rutschte tiefer ins Polster und erwiderte den Blick, indem er ohne zu blinzeln zurück starrte.

Die Augenbrauen des Lehrers hoben sich wissend und er schmunzelte. „Ein Bier?“ Er machte eine kurze Pause, in der er über diesen Vorschlag nachzudenken schien. „Na gut, wie du willst.“

„Kann ich vorher…?“ Martin machte eine unbestimmte Geste mit den Händen und deutete mit seinem Blick auf seine schmutzigen Klamotten.

„Natürlich. Du weißt ja, wo alles ist“, sagte der Lehrer mit einer mitfühlenden Selbstverständlichkeit, die Martin dankbar annahm, und fügte in leicht verändertem Tonfall hinzu: „Aber lass dir nicht allzu viel Zeit…“

Martin wandte den Blick ab, stemmte sich umständlich aus den weichen, seidenbezogenen Kissen hoch und schlurfte auf das Badezimmer zu. Hinter seinem Rücken verschwand der Lehrer in der Küche und machte sich dort zu schaffen.

In dem kleinen Badezimmer warf Martin die Kleidung achtlos in eine Ecke, dann stieg er in die Duschkabine und zog den Vorhang vor. Der nasse Strahl prasselte auf seinen Körper und schon nach kurzer Zeit schwebten dicke Dampfwolken in der engen Kabine, denn er hatte das Wasser so heiß gestellt, dass er es gerade noch aushalten konnte. Er glaubte, dass Hitze das einzige war, das er im Moment spüren konnte, und jeder der winzigen Tropfen schmerzte ein wenig auf seiner Haut. Die pappigen Überreste des Kaffees, die durch den Stoff der Hose gedrungen und sich an sein Bein geklebt hatten, wurden fortgespült genauso wie ein wenig seiner schlechten Laune, von der er nicht genau wusste, woher sie gekommen war, und die er vor allem nicht an der einzigen ihm zugewandten Person auslassen wollte. Die grauen Wolken in seinem Kopf lichteten sich allmählich und als er nach ein paar Minuten, in denen er unbeweglich unter dem brennenden Wasserstrahl gestanden hatte, aus der Dusche trat, konnte er wieder freier atmen. Die Angespanntheit, die ihn noch vor wenigen Augenblicken beherrscht hatte, war von ihm abgefallen genau wie der Dunst nun aus dem Raum entwich, als er das kleine Fenster aufriss. Von einem Stapel mit sauberer Wäsche nahm er sich ein Handtuch und trocknete sich gründlich ab. Dann fiel sein Blick auf seine Kleidung und er verzog das Gesicht. Er konnte die Sachen jetzt nicht mehr anziehen. Allein schon bei dem Gedanken schüttelte er sich. Neben dem Stapel mit den Handtüchern lag in dem Regal noch ein sorgfältig zusammengefalteter Bademantel. Er nahm ihn heraus, schlüpfte hinein und band ihn fest um seine Taille. Barfuß ging er zur Tür, öffnete sie und tappte zurück ins Wohnzimmer.

Mit geschlossenen Augen saß sein Lehrer zurückgelehnt auf der Couch, die Arme nach links und rechts auf der Lehne ausgestreckt. Er hatte sich nicht umgezogen, trug noch immer das weiße Hemd und die feine Hose vom Vormittag. Lediglich das Jackett seines Anzugs hatte er abgelegt. Anzüge standen ihm wirklich gut, kam es Martin in den Sinn. Als er näher trat, lächelte der Mann und sagte ohne die Augen zu öffnen: „Bedien‘ dich.“ Martin erblickte die beiden Flaschen auf dem niedrigen Couchtisch. Er nahm sich eine davon und setzte sich neben seinen Lehrer auf das Sofa. Ein Arm fasste augenblicklich seine Schulter und zog ihn näher heran. Martin ließ es geschehen, blickte kurz auf die Bierflasche in seiner Hand und nahm einen tiefen Schluck, ehe er sie auf den Tisch zurückstellte und seinen Kopf gegen die Brust des anderen sinken ließ.

„Geht’s dir besser?“

Erst jetzt war Martin entspannt genug, um sich auf die sanft vibrierende Stimme konzentrieren zu können. Es tat so gut, sie zu hören und er wollte jede noch so kleine Schwingung in sich aufnehmen. Sie musste unbedingt weiter klingen.

„Ja.“ Seine Antwort kam ihm so rau und disharmonisch vor; er wollte nicht mehr sprechen.

„Das ist gut. Du bist ganz warm, weißt du das?“

Martin sah, wie die freie Hand des Lehrers mit ruhigen, gemächlichen Bewegungen den Knoten seines Bademantels öffnete. Er schloss die Augen, lauschte der Stimme und lauschte auf den Herzschlag an seinem Ohr.

„Wie gut du riechst…“ Eine Hand strich durch seine feuchten Haare. Die andere schob sich unter den Frotteestoff des weißen Mantels, schlang sich um seine Taille und zog ihn seitlich auf den Schoß des anderen. Martin legte den Kopf nach hinten, blickte nach oben und sah in das Gesicht des Mannes, der sich langsam, mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen, zu ihm hinab beugte und ihm einen langen, innigen Kuss gab. Martin schloss die Augen, genoss diesen Augenblick und verschwendete keinen Gedanken daran, dass es für den anderen wahrscheinlich überaus scheußlich nur nach Bier schmecken würde. Seine Finger krallten sich in das Hemd des Lehrers und er spürte dessen raue Wange auf seiner eigenen, glatten Haut. Es kitzelte. Erst nach vielen Sekunden lösten sich ihre Lippen voneinander und ließen ihm wieder Luft zum Atmen.

„Alexandre“, flüsterte Martin unwillkürlich und wünschte sich, der andere hätte nicht aufgehört. „Bitte… hilf mir, bring mich fort…“

Willenlos, aber voller Vertrauen, sank er in die Arme des Lehrers, die sich nun unter seinen Nacken und seine Kniekehlen schoben und ihn dann langsam hochhoben. War er wirklich so leicht? Sofort schüttelte er diesen störenden Gedanken wieder ab.

„Für dich tue ich alles“, klang die geheimnisvolle Stimme an seinem Ohr und jagte ihm einen Schauer durch den Körper. Der Mann trug ihn ins Schlafzimmer, schob die Tür mit dem Fuß zu und legte ihn vorsichtig auf das große Bett. Ruhig blieb Martin liegen, wartete und beobachtete, wie der Lehrer sein Hemd aufknöpfte, es in einer eleganten Bewegung abstreifte und darunter der schlanke, aber durchtrainierte Oberkörper, die wohlgeformten Schultern und die starken Arme zum Vorschein kamen, die ihm mittlerweile so vertraut waren.

Ich tue alles für dich, schoss Martin der letzte Satz durch den Kopf. Er lächelte zufrieden. Alexandre kam näher, setzte sich neben ihm auf die Bettkante und schaute ihm lange in die Augen. Und dann, scheinbar vollkommen gelassen, wanderte der Blick des Mannes weiter nach unten über seinen nackten Körper, den der geöffnete Mantel preisgab. Martin war das schon lange nicht mehr unangenehm. Noch nie war der andere grob oder unsanft geworden, noch nie.

Während sich Alexandre nach vorne beugte, schwang er beide Beine aufs Bett und kniete nun über Martin, der wie von selbst den Atem anhielt und sich nach der nächsten Berührung sehnte. Bedächtig senkte Alexandre den Kopf, öffnete den Mund ein wenig und fuhr mit Lippen und Zunge, angefangen beim Hals, über Martins Körper in Richtung Bauchnabel. Martin seufzte auf, spürte seinen Herzschlag stärker werden und als sich der weiche Mund des anderen um seine Brustwarze schloss, zuckte er merklich zusammen. Seine linke Hand krallte sich in die Matratze und sein rechter Arm langte nach oben, bis er die Schulter Alexandres zu fassen bekam. Immer tiefer glitt die Zunge über seine empfindliche Haut und hinterließ an jeder Stelle, die sie berührt hatte, ein angenehmes Prickeln. Als sie an seinem Bauchnabel angelangt war, hielt Martin es nicht mehr aus und wand sich auf den weißen Laken, bog sich dem anderen entgegen und warf den Kopf in den Nacken. Eine Aufforderung. Die aufwallende Hitze in seinem Körper verlangte nach mehr. Er spürte, wie ihm behutsam der Bademantel abgestreift wurde. Ein Arm schob sich in den Freiraum zwischen Matratze und seinem Rücken und drehte ihn auf die Seite. Instinktiv zog Martin seine Beine an, bevor er in eine sitzende Position hochgezogen wurde. Ein fester Griff um seine Hüften zwang ihn weiter nach hinten, bis er mit dem Kopf gegen Alexandres kräftige Brust stieß, die mittlerweile ebenfalls erregt bebte. Die Hände ließen kurz von ihm ab und er hörte das raschelnde Geräusch von fallen gelassener Kleidung. Sein Körper zitterte und ein Keuchen drang aus seinem Mund, als er den stoßweisen Atem des Mannes von hinten an seinem Hals spürte und Alexandres lange, schlanke Finger behutsam, in leicht massierenden Bewegungen an den Innenseiten seiner Oberschenkel näher hin zu seinem Körper strichen. Eine Hand legte sich um seine Brust und presste ihn stärker an den Oberkörper des anderen. Martin hatte das Gefühl, als wäre sein Herz kurz davor zu zerspringen.

„Aah… Alexandre…“, entfuhr es ihm. Seine Stimme zitterte. Er wollte noch mehr Nähe, eine Steigerung all dessen, wonach sein Körper bettelte. Heftige Atemzüge drangen an sein Ohr, jagten ihm einen wohligen Schauer über die Haut, und eine Hand packte seinen pochenden Penis. Er keuchte auf, sein Herzschlag beschleunigte sich. Während Alexandre ihn zunächst sanft, dann immer intensiver streichelte und drückte, spürte er die harte Erektion des anderen an seinem Rücken. Er rieb sich daran und konnte an nichts anderes mehr denken, als daran, ihn in sich zu spüren. Ein Finger berührte seine Lippen, schob sich in seinen Mund, und er leckte daran, umspielte ihn mit seiner Zunge und stellte sich vor, es wäre der harte Schaft, der sich in seinen Rücken bohrte.

Mit einem Mal drehte Alexandre ihn herum, drückte ihn wieder auf die Matratze und langte mit der einen Hand unter seinen Hintern. Alexandre kniete bebend, mit glänzenden Augen über ihm, während sein nasser Finger sich in Martin schob. Zunächst war es nur die Fingerkuppe, die in ihn drang, dann glitt der Finger ganz hinein. Martin zuckte zusammen, biss die Zähne aufeinander, doch er erwiderte den fragenden Blick des anderen mit einem flehenden Laut, der sich aus seiner Kehle löste.

Alexandre gab ihm einen Kuss, während sich ein zweiter Finger neben den ersten schob und sanft die Öffnung dehnte. Dann grinste er Martin kurz an, kurzatmig und mit Schweiß bedeckter Haut, ohne einen Hehl daraus zu machen, wie erregt er selbst war.

„Bist du bereit?“

„Mmh“, presste Martin hervor und wand sich schon jetzt auf der Matratze. Allein der Gedanke an das, was gleich kommen würde, trieb ihn weiter an.

„Na dann.“ Alexandre zog seine Finger wieder aus Martin, drückte dessen Beine weiter auseinander und hob seinen Unterleib an. Mit halb geschlossenen Augen, den Kopf in den Nacken gelegt, brachte er sich in Position, rieb seine harte Erektion an Martins Hintern und stieß dann in einer kraftvollen Bewegung in Martin. Beide stöhnten laut auf.

Martin verspannte sich, zwang auch Alexandre kurz dazu, inne zu halten, bis der erste Schmerz nach wenigen Sekunden verklungen war. Dann bewegten sie sich, zunächst langsam, dann immer schneller und fordernder. Alexandre keuchte hörbar, während er sich rhythmisch ein wenig zurückzog, nur um gleich darauf wieder gierig in Martin einzudringen. Martin beobachtete wie gebannt die geschmeidigen Bewegungen des anderen, doch schon nach kurzer Zeit hatte er nur noch sein eigenes pochendes Glied im Kopf. Er umfasste seinen Penis, spürte sofort eine neue Woge, die ihn weiter fort riss, und passte seine Bewegungen intuitiv dem vorgegebenen Rhythmus an. Alexandre trieb ihn immer weiter, und Martin gab sich ganz hin. Seine Umgebung verschwand komplett aus seinem Sichtfeld. Er warf den Kopf in den Nacken, krümmte sich wieder zusammen, krallte sich in die Schultern des anderen. Er war so erfüllt, Alexandre war einfach überall. Er konnte spüren, wie sich sein Verlangen konzentrierte, sich irgendwo in seinen Lenden zusammenballte, um sich gleich darauf…

„Alex…!“

In vollkommener Ekstase bog er seinen Rücken durch. Mit einem krächzenden Ausruf explodierte etwas in Martin, befreite sich aus seinem tiefsten Inneren und brach sich tosend an der Oberfläche. Und nur einen Moment später durchfuhr auch Alexandre ein heftiges Zucken, das Martin durch seine verschleierten Augen fasziniert betrachtete, ehe er befreit ausatmete.

♦♦♦

„Du möchtest nicht nach Hause?“ Alexandre stützte sich auf die Ellenbogen und schaute ihn eindringlich an. Martin blickte nicht zu ihm hin, sondern starrte weiterhin an die Decke und schüttelte den Kopf.

„Warum sollte ich dorthin wollen?“ Er machte eine kurze Pause, in der keine Antwort kam, dann fuhr er fort. „In dieser Wohnung, die du mein Zuhause nennst, ist nichts, was mir wichtig ist oder mir irgendetwas bedeutet. Ganz im Gegenteil…“ Er stockte und sprach nicht weiter, schloss stattdessen die Augen, als er merkte, dass sie feucht wurden, und drehte sich auf die Seite, weg von Alexandre. Er wollte nicht wie ein sentimentaler Schwächling wirken. Alexandre seufzte leise neben ihm und legte einen Arm um ihn, der ihn wieder auf den Rücken drehte. Vor diesem Mann konnte er einfach nichts verheimlichen, doch die Umarmung tat wirklich gut.

„Erzähl mir etwas, einfach irgendetwas“, flüsterte Martin kaum hörbar. „Bitte, lass mich deine Stimme nur lange genug hören.“ Er streifte die blauen Augen, die nachdenklich auf ihm ruhten, doch er hatte nicht die Kraft, ihnen standzuhalten. „Bitte…“ Er umklammerte den Rand der Bettdecke und presste sein Gesicht gegen Alexandres Brust, die sich unter ruhigen Atemzügen gleichmäßig hob und senkte. Martin wollte nur so weit weg wie möglich von der Realität, die er so sehr hasste und die ihn doch früher oder später unausweichlich wieder einholen würde. Für immer konnte er nicht hier bleiben, aber ein bisschen Zeit, während der es ihm möglich war, frei zu sein und alles andere zu vergessen, stand ihm wohl zu.

Für kurze Zeit herrschte Stille im Raum, dann jedoch erklang das tiefe, warme Timbre von Alexandres Stimme, das sich zärtlich in seinen Gehörgang schlich. Die Worte formten Bilder in seinem Kopf, die so lebendig waren, dass er darin versank. Er tauchte ein in eine Welt voller Sorglosigkeit und Schönheit.

Martin war barfuss, versank fast bis zu den Knöcheln im weichen Sand, der von der Sonne aufgeheizt zwischen seinen Zehen kitzelte. Zu seiner Linken lag das Meer, ein riesiger, im Sonnenlicht glitzernder Spiegel, der bis an den Horizont reichte und dessen Wellen in regelmäßigen Abständen den Strand hinauf gekrochen kamen wie ein steter Herzschlag und die Luft mit einem an- und abschwellenden Rauschen erfüllten. In der Ferne erkannte er eine Ansammlung von Häusern, augenscheinlich ein Fischerdorf, das auf einem kleinen Hügel lag. Die Nachmittagssonne warf schräge Schatten einiger kleiner Felsbrocken auf den Boden. Nach rechts hin stieg das Land immer mehr an und der Sand wurde von Grasbüscheln und einigen Sträuchern abgelöst. Keine Menschenseele war in Sichtweite und leichten Herzens begann Martin, von dem sanften Wind im Rücken geleitet, am Meer entlang über den Strand zu schlendern. Mit jedem neuen Schritt, den er machte, verschwand hinter ihm ein alter Fußabdruck und nach und nach die ganze Spur, sodass der Sand so unberührt dalag wie zuvor.

Die Sonne sank schnell – viel schneller als in der Realität, hatte er das Gefühl – und so dämmerte es bereits, als die Gruppe kleiner Holzhäuser in greifbare Nähe rückte. Obwohl sie einfach gebaut waren, sahen sie einladend aus und erweckten den Eindruck von Gemütlichkeit und Wohlbehagen. Der Himmel glühte orangerot, färbte das Holz der Häuschen und die Wolken in derselben Farbe, und es schien, dass die Sonne sich den Nachmittag über nur so beeilt hatte, um jetzt mehr Zeit für dieses wunderbare Schauspiel zu gewinnen. Martin erreichte das kleine Fischerdorf in dem Moment, als sie letztendlich doch vom Meer verschluckt wurde und allmählich den Sternen, die zunächst noch ganz blass erschienen, den Vortritt ließ. Das Wasser rauschte währenddessen ungebrochen und von diesem Vorgang unberührt weiter.

In den quadratischen Fenstern der meisten Häuschen waren die Vorhänge zugezogen und ließen gedämpftes Licht durch die Scheibe nach draußen dringen. Während er sich umschaute, glaubte Martin, schemenhafte Bewegungen durch den Stoff wahrzunehmen und musste unwillkürlich an glückliche Familien denken, die zusammen friedlich um den Abendbrottisch saßen und sich bei Kerzenschein von der Arbeit und den Ereignissen tagsüber erzählten. Sein Blick blieb an einem der Fenster hängen, durch das ebenfalls schummriges Licht fiel, und ohne zu zögern ging er auf die Türe dieses Häuschens zu. Er klopfte nicht an, sondern drückte vorsichtig gegen das Holz, das sofort nachgab und einen immer breiter werdenden Spalt ins Innere offenbarte. Martin öffnete die Tür weiter und sah sich einem kleinen, flackernden Feuer gegenüber, das unter der Kochstelle munter vor sich hin loderte und den Raum mit seinem Schein erhellte. Er entdeckte einen Holztisch in der Mitte, darum zwei Stühle, einen Schrank an der einen und eine weitere Türe an der Wand rechts von ihm. Es war niemand da, das Häuschen war für ihn. Natürlich war es das. Mit einem Lächeln trat er ein, schloss die Tür und fühlte sich gleich wie zu Hause.

Das orangefarbene Flackern löste sich auf, genau wie die übrige Einrichtung des Raumes und zuletzt das Holzhäuschen selbst. Die Bilder verschwommen zu einem tristen Grau und ließen ein leises Gefühl der Leere zurück. Martin schlug die Augen auf. Er blinzelte ein paar Mal und setzte sich dann auf – sein Gesicht spiegelte kurzzeitige Verwirrung wider, während er seine Gedanken ordnete. Er war wieder zurück in Alexandres Apartment, zurück in der Wirklichkeit. Er stieß einen leisen Seufzer aus und presste die Handflächen an seine feuchte Stirn; der kurze Stich in seinem Herzen war sofort abgeklungen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Alexandre nicht mehr länger neben ihm war, sondern in dem Sessel nahe dem Bett saß. Sein Gesicht lag im Schatten und Martin konnte nur das Blitzen der Augen wahrnehmen, die unverwandt auf ihn gerichtet waren. Warum hatte er nur aufgehört, weiter mit seiner Stimme eine Traumwelt für ihn zu weben? Er hatte doch gesagt, dass er alles für ihn täte…

„Es wird Zeit…“ Der Ton der Stimme hatte sich nur leicht verändert. „Du kannst nicht hier bleiben. Ich fahre dich nach Hause.“

„Ich…“ Martin wusste nicht, was er sagen sollte; natürlich konnte er nicht bleiben. Aber warum so plötzlich? Resigniert nickte er, richtete sich auf und fand seine Kleidung sauber und ordentlich zusammengelegt neben sich. Schweigend zog er sich an. Als er fertig war, sagte er leise: „Du brauchst mich nicht zu fahren. Ich nehme den Bus.“

„Die letzte Linie ist vor fünf Minuten abgefahren“, erwiderte Alexandre mit einem Schmunzeln um die Mundwinkel und erhob sich von dem Stuhl.

„Dann lauf ich halt. Das ist sowieso…“

„Kommt nicht in Frage.“ Der Mann schnitt ihm das Wort ab und trat um das Fußende des Betts vor ihn. „So ein hübscher Junge ganz allein unterwegs, noch dazu bei Dunkelheit…“, hauchte er und streifte mit dem Handrücken Martins Wange. „Also keine Widerrede. Gehen wir.“ Er wich wieder einen Schritt zurück und ließ Martin den Vortritt aus dem Zimmer. Im Vorübergehen entdeckte Martin auf dem Couchtisch seine angetrunkene Flasche Bier, die noch so da stand, wie er sie hinterlassen hatte. Es wäre doch pure Verschwendung des Inhalts, wenn er jetzt einfach so ginge…

Kurz entschlossen leerte er die Flasche in einem Zug und spürte das warme Gefühl des Alkohols seinen Hals hinab bis in den Magen rinnen. Dann drehte er sich um und ging zurück zur Garderobe, wo er in seine Schuhe schlüpfte und sich seine restlichen Sachen schnappte, den leeren Zeichenblock und die Schultasche. Alexandre kam aus dem Badezimmer, nahm die Wohnungs- und Autoschlüssel von dem kleinen Tischchen und bedeutete Martin mit einem Nicken aufzubrechen.

Der Aufzug brachte sie erneut in die Tiefgarage, sie stiegen ins Auto und fuhren los. Martin war mit den Gedanken woanders, im Nirgendwo. Er meinte zwar, kurze, flüchtige Seitenblicke zu bemerken, doch sagte weiterhin nichts und ließ die verschwommenen Lichter der Straßenlaternen still an sich vorbeirauschen. Er hätte gerne noch länger so weiterfahren können, doch nach einer guten Viertelstunde war die Fahrt vorbei und der Wagen stoppte. Alexandre drehte sich jetzt offen in seine Richtung und blickte ihn mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. Er schien etwas sagen zu wollen, doch kein Laut kam über seine Lippen. Das Auto stand direkt am Straßenrand unter einer Laterne, deren gelbliches Licht schummrig ins Innere drang. Der Lehrer beugte sich nach vorne – seine Augen spiegelten den Glanz von draußen -, packte mit einer Hand Martins Kopf von hinten und presste seine Lippen gegen die Martins. Martin schloss die Augen, spürte, wie die Zunge des anderen in seinen Mund drang und hielt die Luft an. Der Kuss löste ein seltsames Gefühl in ihm aus, ein Gefühl des Abschieds, und er merkte, wie seine Stimmung immer weiter bergab ging.

Nach einigen Sekunden ließ Alexandre wieder von ihm ab und blickte nach vorne durch die Windschutzscheibe. „Gute Nacht.“

„Nacht“, murmelte Martin, während er die Autotür öffnete und mit seinen Sachen aus dem Wagen stieg. Ohne ein weiteres Wort knallte er sie hinter sich zu, ging vor dem Auto über die Straße auf den Fußweg zu seinem Wohnblock zu. Als er auf dem schmalen Weg war, hörte er hinter sich das Auto losfahren. Er schlenderte noch ein, zwei Schritte weiter und blieb dann stehen.

Er hatte nicht vor, in seine Wohnung zurück zu kehren. Überhaupt fragte er sich schon seit längerem, wann wohl das erste Beschwerdeschreiben wegen nicht bezahlter Miete oder Stromrechnung ins Haus flattern würde. Es konnte doch unmöglich so weitergehen.

Zögerlich wandte er sich um, starrte eine ganze Weile auf die Straße und setzte sich dann langsam in Bewegung. Schritt für Schritt entfernte er sich immer mehr von seiner Wohnung. Ab und zu fuhr ein Auto neben ihm vorbei, doch sonst begegnete ihm niemand. Er wusste nicht, wohin er ging, wohin er gehen konnte, doch alles war besser, als an den Ort zurückzukehren, der ihm wie ein Käfig vorkam.

Martin durchquerte das Wohnviertel, vorbei an Gartenzäunen und beleuchteten Fenstern und näherte sich dann der Innenstadt. Hier hielten sich Leute auf, die das gute Herbstwetter ausnutzten, um auch spät abends noch draußen vor den Restaurants zu sitzen. Aber er wollte niemanden sehen und er war müde; vielleicht auch ein wenig angetrunken, denn er wusste, dass er nicht viel vertrug. Ohne nachzudenken ging er immer weiter, bis er erst im Stadtpark wieder realisierte, wo er sich befand. Die großen Bäume schirmten das Mondlicht ab und ließen nur die Laternen den Weg erhellen. Da war eine Bank am Rand des Weges. Er brauchte eine Pause, also ging er darauf zu und setzte sich, die Tasche und den Block ließ er ungeachtet zu Boden gleiten. Er starrte vor sich in das undurchdringliche, schwarze Gebüsch und wurde immer schläfriger, je länger er dasaß. Auch der kühle Wind konnte daran nichts ändern. Seine Augenlider wurden schwer, er konnte sie kaum mehr offen halten, und sein Kopf sackte nach vorne auf die Brust. Etwas raschelte neben ihm und er schrak auf. Im spärlichen Licht erkannte er einen kleinen Schatten über den Weg huschen, irgendein Tier, nichts, worüber er sich Sorgen machen musste. Es verschwand in der Dunkelheit. Erneut fielen ihm die Augen zu und nur noch halb bei Bewusstsein zog er seine Beine an und ließ sich zur Seite auf die Bank sinken. Zusammengerollt lag er auf der harten Sitzfläche mitten im Park, den Kopf mit seinen Händen umschlossen, während sein Geist allmählich in völlige Finsternis abdriftete.

— Ende des dritten Kapitels.

Weiter zum vierten Kapitel

Advertisements

Ein Gedanke zu “lesson 3

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s