Mit schnellen Schritten bog Martin um die Ecke des Flurs und steuerte auf seinen Spind zu. Schritte und Stimmen näherten sich von der anderen Seite, als er den Metallkasten aufsperrte und darin nach seinen Malsachen kramte. Er steckte den Kopf noch weiter hinein, hielt die Luft an und hörte, wie die kleine Gruppe von Schülern in einiger Entfernung stehen blieb. Noch mehr Spindtüren flogen auf und beruhigt atmete er nach einigen Sekunden wieder aus, als sich die anderen weiterhin vergnügt miteinander unterhielten. Zwischen seinem Mathebuch und den Sportschuhen fand er Farben, Pinsel und Zeichenstifte. Er stopfte sie ebenfalls in seine Schultasche und schloss anschließend den Spind. Dann machte er sich auf zu den Kunsträumen im Keller.

Auf dem Weg dorthin kam er an den Getränkeautomaten vorbei. Da er noch genügend Zeit hatte, bevor die nächste Stunde begann, beschloss er, sich einen Kaffee zu gönnen – wobei die braune Brühe, die der Automat bislang immer ausgespuckt hatte, kein wirklicher Genuss gewesen war. Er warf ein paar Münzen ein und wartete, dass der Pappbecher sich mit dem dampfenden, koffeinhaltigen Getränk füllte. Dann ging er weiter, während er vorsichtig an dem heißen Kaffee schlürfte. Obwohl es draußen eigentlich warm genug war, war das jetzt genau das Richtige für ihn.

Noch knapp zwei Stunden bis drei Uhr, dachte er und achtete in Gedanken versunken gar nicht mehr darauf, wo er hinging. So bemerkte er auch zu spät seine zwei Mitschüler, die ihm entgegenkamen.

Ein heftiger Stoß gegen die Schulter riss Martin herum. Erschrocken über seine Unachtsamkeit und noch bevor er irgendetwas tun konnte, schwappte der halbe Inhalt des Kaffeebechers über den Rand des Bechers und landete auf seiner Hose und mit einem platschenden Geräusch auf dem Boden.

„Ooooh, ‚tschuldigung, wirklich“, rief der Typ, der ihn angerempelt hatte, bestürzt, konnte aber das feixende Grinsen auf seinem Gesicht nur schwer unterdrücken. „Hab dich gar nicht gesehen.“

Der zweite hielt sich die Hand vor den Mund und das Lachen hörte sich darunter nach einem Grunzen an. Wie versteinert starrte Martin auf die braune Lache vor seinen Füßen und wollte schon eine mechanische Entschuldigung vorbringen, als der erste Typ, an seinen Kumpanen gewandt, weiter redete: „Ich glaube, der schläft immer noch, was meinst du?“

„Stimmt“, antwortete der zweite kichernd und wirkte bemüht, nicht auf der Stelle lauthals loszulachen. Martin rührte sich nicht. Er wollte etwas sagen, doch sein Mund klappte nur mehrmals auf und zu, ohne dass er einen Ton hervorbrachte. Er kannte die beiden, sie waren aus einem seiner Kurse, doch er hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihre Namen zu erfahren. Die Leute, die er kannte, waren doch alle gleich. Zumindest fast alle.

„Genau. Im Unterricht hält er auch immer Nickerchen, der Versager. Und nicht mal Strafarbeiten kriegt er dafür.“ Der Rempler wurde jetzt ernster und blickte Martin finster an. „Warum das, häh? Ich durfte schon zweimal nachmittags zum Nachsitzen hier antanzen. Hast du etwa `ne Sondergenehmigung für Schlafen im Unterricht?“ Drohend trat er einen Schritt näher auf Martin zu. „Was machst du dafür? Ich bin doch nicht blöd, der Pauker sieht das doch ganz genau, dass du jedes Mal vor dich hin schnarchst in seinem Unterricht. Was …?“

„Halt doch deinen Mund!“ Martin starrte dem Typ durchdringend in die Augen. Er trat einen Schritt zur Seite und wollte sich gerade umwenden und einfach weitergehen, als der andere ihm hinterher rief: „Ha! Hab ich da etwa ins Schwarze getroffen? Wahrscheinlich besorgst du’s ihm jeden Tag so richtig, oder? Vielleicht aber auch …“

„Halt den Mund!“ Ohne länger auf die zwei zu achten, stürmte Martin mit klopfendem Herzen an ihnen vorbei, um die nächste Ecke und verschwand hinter der erstbesten Türe. Er war auf dem Klo. Schwer atmend lehnte er an der Wand und spürte, wie sein Gesicht heiß war. Hoffentlich hatten die beiden nicht gesehen, dass er knallrot angelaufen war. Wie kamen die bloß auf solche Gedanken? War das etwa so offensichtlich?

In einem Zug trank er den immer noch heißen Rest seines Getränks und warf den Becher in einer wütenden Geste in den Papierkorb. Den Tränen nahe und mit zitternden Händen tappte er zum Waschbecken und wusch erst den klebrigen rechten Arm, an dem der Kaffee herunter tropfte, und versuchte dann, den Fleck aus seiner Hose irgendwie wegzubekommen. Ohne Erfolg.

Er warf einen Blick auf seine Uhr: noch eine Minute. Jetzt war doch eh alles egal. Mit nassem Hosenbein riss er die Türe auf und rannte fast schon in den Keller zu dem Zimmer für die Kunst-AG. Diesmal begegnete ihm niemand, wofür er dankbar war.

In letzter Sekunde, kurz vor dem Läuten, erreichte er sein Ziel und hetzte durch die sperrangelweit offen stehende Türe. Die Kunst-AG bestand nur aus sieben Mitgliedern, doch heute waren außer ihm bloß noch zwei Mädchen da, die ihm jeweils einen flüchtigen Blick zuwarfen, als er das Zimmer betrat, und sich dann wieder eifrig diskutierend einander zu wandten. Lautlos ging er zum Schrank, in dem sein Skizzenblock war, und setzte sich auf seinen Platz in der Ecke.

Eine geschlagene halbe Stunde lang stierte er auf das weiße Papier vor sich, setzte immer wieder mit dem Stift an, brachte jedoch keinen Strich zustande. Er hatte in Thema, zu dem er Ende des Monats eine Arbeit abliefern sollte, doch im Moment war er mit seinen Gedanken ganz woanders und konnte sich nicht darauf konzentrieren. Das Geschnatter der zwei Schülerinnen, die auch mit etwas Wichtigerem beschäftigt zu sein schienen als zu zeichnen, lag ihm unerträglich in den Ohren. Er hielt es nicht mehr aus. Wieso kam er eigentlich jede Woche hierher, wo er doch auch zu Hause daran arbeiten konnte?

Zu Hause … Ja, das sagte man doch so, wenn man von dem Ort sprach, an den man für gewöhnlich jeden Abend zurückkehrte.

Ruckartig stand er auf, vielleicht darauf hoffend, dass dieser Gedanke dadurch in irgendeinen möglichst weit hinten liegenden Winkel seines Gehirns geschüttelt wurde. Den Block wollte er schon achtlos zurück in den Schrank werfen, doch dann nahm er ihn mit und eilte zur Türe und aus dem Raum. Die Mädchen beachteten ihn gar nicht.

Raus hier, bloß weg. Martin schaute auf die Uhr. Er war viel zu früh dran, fast eine ganze Stunde, aber das machte nichts; dann wartete er eben. Er kehrte nicht zu seinem Spind zurück um die Kunstsachen abzuladen, sondern lief vom Keller direkt zum Ausgang der Schule und dann auf einem schmalen Kiesweg um das Gebäude herum zum hinteren Parkplatz. Die frische Luft tat ihm gut und der braune Fleck auf seiner Hose war, wie er feststellte, mittlerweile vollständig eingetrocknet. Auf dem Parkplatz, der fast komplett von Bäumen umringt und struppigem Gebüsch eingewachsen war, standen nur wenige Autos. Der Platz gehörte nicht speziell zur Schule und für die meisten war der Weg vom Auto etwas abseits des Gebäudes bis zum Eingang auf der anderen Seite wohl zu weit, weshalb sie lieber auf dem großen, geteerten Platz direkt davor parkten. Was seinen Lehrer dazu veranlasste, sein Auto hier abzustellen, wusste Martin nicht, aber es war ihm doch deutlich lieber hier zu warten, wo normalerweise niemand hinkam, als auf dem häufiger besuchten großen Platz. Er entdeckte das dunkle Fahrzeug an der üblichen Stelle, ganz am Rand neben ein paar trockenen Büschen, und ging langsam darauf zu. Ein wenig hatte er gehofft, dass der Lehrer schon da war, doch er war alleine. Vorsichtig stellte er seine Tasche auf dem Boden ab, den Block daneben und lehnte sich dann gegen den Wagen, seine Augen fest auf den Weg gerichtet, den er gekommen war. Die Zeit verstrich nur langsam und auch das ständige auf die Uhr Schauen änderte nichts daran. Lediglich am Weiterwandern der Schatten, die die Bäume auf den Kiesplatz warfen, konnte er sicher sein, dass sie nicht stehen geblieben war. Es war zermürbend, das Warten. Von irgendwo her klang Motorenlärm, der sich mit dem Gezwitscher der Vögel in den Bäumen vermischte. Obwohl es hier doch recht friedlich war, erinnerte nichts an das Gefühl, das er in seiner Traumwelt gehabt hatte. Dort war er frei, richtig frei, und glücklich. Warum konnte er nicht für immer an jenem Ort bleiben?

Er ließ sich neben seiner Tasche zu Boden sinken, den Rücken an das Auto gelehnt; die Hose war eh schon dreckig, also was sollte das jetzt noch machen. Auf diese Weise hatte er zwar keine Sicht mehr auf den Weg zur Schule, denn ein anderes Auto versperrte sie ihm, aber er würde die knirschenden Schritte schon hören, wenn sie näher kamen. Halb drei.

Martin seufzte nach einem weiteren Blick auf seine Uhr und schloss die Augen. Er merkte, wie er zu dösen begann und versuchte sich wach zu halten, indem er nach einer Idee für sein Kunstprojekt suchte, doch die Hitze tat ihren Teil und so glitten seine Gedanken allmählich von bunten Formen hinüber in eine graue, farblose Welt.

„Was machst du denn da auf dem Boden?“

Martin blinzelte mehrmals und schaute sich verwirrt um. Jetzt bin ich doch eingeschlafen, schoss es ihm durch den Kopf.

„Na komm erst mal hoch.“ Mit einem fürsorglichen Gesichtsausdruck reichte ihm der Lehrer seine Hand, doch Martin rappelte sich ohne dessen Hilfe selbstständig, wenn auch etwas umständlich, auf. Wie immer fehlten ihm die Worte und so klopfte er wortlos seine Kleidung ab und nahm die Tasche und den Block vom Boden auf.

„Wartest du schon länger hier? Ich hoffe, du hast die Kunst-AG nicht geschwänzt“, bemerkte der Lehrer augenzwinkernd, während er um das Auto herum zur Fahrerseite ging und es entriegelte. Martin schüttelte nur den Kopf, öffnete die Beifahrertür und stieg ein. „Wir hatten früher Schluss“, fügte er hinzu, um wenigstens irgendetwas gesagt zu haben. Dann sah er schweigend aus dem Fenster. Der Wagen fuhr los und er spürte die Blicke, die der Mann ihm immer wieder zuwarf, doch er tat so, als nahm er sie nicht wahr.

„Was ist los mit dir?“, fragte der Lehrer nach einer Weile, als sie an einer roten Ampel halten mussten. „Du machst ein Gesicht, als ob …“

„Ich glaube, sie wissen Bescheid“, entfuhr es Martin auf einmal. Zögernd wandte er den Kopf und wartete auf eine Reaktion. Die Ampel schaltete auf Grün und das Fahrzeug setzte sich wieder in Bewegung.

„Wer weiß über was Bescheid?“ Die Stimme des Lehrers klang in keinster Weise beunruhigt, sie war so sanft und wohlklingend wie immer.

„Meine Mitschüler“, antwortete Martin, „über … uns.“ Das letzte Wort kam nur widerwillig über seine Lippen, es klang so dumm, so endgültig. Der Lehrer lachte leise auf, lachte nicht über ihn, sondern über das, was er gesagt hatte und meinte dann amüsiert: „Keine Sorge. Wenn du ihnen nichts ins Gesicht gesagt hast, wissen sie nichts. Sei also bitte beruhigt, denn wenn du weiterhin so schaust, fange ich noch an, mir Sorgen um dich zu machen.“ Dann wurde sein Gesicht ernst. „Hast du inzwischen denn etwas von deinen Eltern gehört?“

„Nichts.“ So einfach war das. Seine Eltern, eigentlich Pflegeeltern, waren vor fast drei Monaten ohne irgendeinen Hinweis auf ihren Verbleib über Nacht verschwunden. Er wusste nicht, wie und warum, doch er konnte es sich denken: Sie hatten ihn satt gehabt und wollten ihn loswerden.

Lange Zeit hatte er im Heim gelebt. Immer wieder war er, nachdem er von einer Pflegefamilie aufgenommen worden war, letztlich dorthin zurückgekehrt, um Monate später erneut jemanden zu finden, der ihn aufnahm und kurz darauf wieder abschob. Schon oft hatte er den Grund dafür gesucht, dass es jedes Mal so ausging, ihn aber nicht gefunden. Und jetzt hatte er nicht vor, dass dieses Spiel von Neuem begann. Außer seinem Lehrer wusste niemand davon, dass seine Eltern abgehauen waren und ihn mit der Wohnung und vielen ihrer Sachen allein gelassen hatten. Das sollte sich auch nicht ändern. Er ging weiterhin normal zur Schule und Freunde, denen möglicherweise etwas auffallen konnte, hatte er keine. Bis zu seinem achtzehnten Geburtstag in einigen Wochen wollte er unbedingt noch durchhalten.

„Mach dir keine Gedanken. Du kommst doch ganz gut alleine zurecht.“ Das ermutigende Lächeln wirkte nur bedingt, denn Martin war trotz dieses Zuspruchs noch nicht überzeugt. Doch bevor er etwas erwidern konnte, fuhr das Auto in die Tiefgarage des Wohnblocks ein, in dem sich das Apartment des Lehrers befand.

— Ende des zweiten Kapitels.

Weiter zum dritten Kapitel

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