Es war, als ob Nebel heraufzog. Ein weißer Schleier, der in jede noch so kleine Ritze dringen konnte. Doch der Nebel war warm und vermittelte ein Gefühl von Geborgenheit. Zumindest empfand Martin es so.

Er saß in seinem Klassenzimmer, Grundkurs Geschichte, und lauschte der Stimme des Lehrers, die sanft und beruhigend in seinen Ohren widerhallte. Eigentliches Thema waren die Zustände der Bevölkerung im achtzehnten Jahrhundert, das hatte er zu Beginn der Stunde noch mitbekommen, doch er hörte nicht wirklich zu. Zwar waren seine Augen auf das aufgeschlagene Geschichtsbuch vor ihm auf der Schulbank gerichtet, doch sein Blick wanderte durch die Seiten hindurch. Er nahm weder die geschriebenen, noch die gesprochenen Worte wahr. Dabei mangelte es ihm grundsätzlich nicht an Interesse. Doch wie man dem aufziehenden Nebel nicht entkommen konnte, so konnte auch er der Stimme, die sich seiner bemächtigte, nicht entrinnen. Still saß er da und lauschte, nicht auf das, was gesagt wurde, nicht den Sinn hinter all den Sätzen suchend. Stattdessen ließ er diese Stimme in sich eindringen. Diese Stimme, die etwas in ihm bewirkte, die sich allmählich in seinen Gehörgang schlich und dort haften blieb, in jedem Winkel und jeder Nische. Er konnte nichts dagegen tun.

Der Lehrer blickte kaum in das Buch in seinen Händen, schaute die meiste Zeit auf seine Schüler und schritt vor der Tafel auf und ab, mit den Händen dezent das Erklärte untermalend, wobei seine Schuhe bei jeder Berührung des Bodens ein leises Geräusch verursachten. Bilder tauchten vor Martins Augen auf. Er wusste, sie entsprachen nicht der Realität und hatten auch nichts mit dem zu tun, was eigentlich besprochen wurde, doch sie waren wunderbar. Die Worte des Lehrers schienen sich für ihn zu verändern und ihre eigene Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die nur für ihn war. Er merkte, wie sein Blick immer verschwommener wurde, die Buchstaben auf den abgegriffenen Seiten sich auflösten und die Geräusche seiner Klassenkameraden – leises Gekicher neben ihm, gelangweiltes Blättern im Schulbuch eine Reihe vor ihm, oder das kaum wahrnehmbare Rascheln eines zusammengeknüllten Papiers, das den Kopf eines seiner Mitschüler traf – sich mehr und mehr entfernten. Lediglich die Stimme blieb und ließ ihn aus dem Klassenzimmer fort treiben in seine Welt, in seine Freiheit. Nach und nach sackte ihm das Kinn auf die Brust und sein Blick trübte sich.

Eine Landschaft schälte sich aus dem Grau heraus und Martins Gedanken drifteten nun endgültig aus dem Klassenzimmer davon. Die Wirklichkeit – beigefarbene Wände, verschmierte Tische und der überfüllte Parkplatz draußen vor dem Fenster – entglitt ihm vollends, stattdessen nahmen Bäume Gestalt an, ein Wald erstreckte sich unter ihm bis zum Horizont, wo die Sonne in einem Strudel aus Orange und Rot die Wolken färbte und langsam unterging. Martin flog über die Wipfel der dunkelgrünen Tannen und sog die frische Luft, die verspielt um seine Nase wehte, begierig in seine Lungen. Die Worte, die aus dem nichts zu kommen schienen, formten immer mehr Details und ließen ihn das Geräusch des Windes vernehmen, der über sein Gesicht und durch die Haare strich. Der riesige Vogel, in dessen Federn er sich gekrallt hatte, stieß einen kratzigen Schrei wie zur Begrüßung aus und stieg im nächsten Moment noch ein wenig höher. In der Ferne tauchte das Glitzern von Wasser auf, ein See, der halb schon im Schatten der Bäume ringsum und halb noch im letzten Licht des Tages lag.

Der Vogel schwenkte ein wenig nach links, schlug ein letztes Mal mit seinen weit gespannten, braun gemusterten Schwingen und sank dann allmählich tiefer und tiefer. Dicht über dem Wald steuerte er auf das Gewässer zu. Martin beugte sich etwas zur Seite und schaute an dem Kopf des Vogels vorbei nach vorne auf den See, der jetzt durch die vielen Baumkronen fast vollständig verdeckt war. Gerne wäre er noch weiter geflogen, doch die Geschichte war, wie sie erzählt wurde, und so überflog er die Naht, an der die Bäume unter ihm durch das klare Blau des Wassers abgelöst wurden. In weiten Kreisen verlor der Vogel weiter an Höhe und steuerte knapp oberhalb der Wasseroberfläche auf das mit saftig grünem Gras bewachsene Ufer zu. Die Landung war kaum spürbar, und nach ein paar trabenden Auslaufschritten kam das vogelähnliche Wesen zum Stehen. Martin glitt von dem gefiederten Rücken und bedankte sich bei dem Tier, indem er kurz dessen Hals streichelte. Der Vogel krächzte leise und schritt dann mit seinen vier Beinen, die ihn auf der Erde einem Pferd ähnlich werden ließen, auf das Wasser zu. Das Gefieder des Tieres glänzte in den letzten Sonnenstrahlen in leichten Goldschattierungen und Martin beobachtete es dabei, wie es seinen Kopf senkte und den gebogenen, hakenartigen Schnabel ins Wasser tauchte. Er setzte sich ins Gras und wartete gedankenverloren, bis die Dämmerung fast vorbei und es dunkel um ihn geworden war. Der Vogel hatte sich inzwischen wieder in die Lüfte erhoben und ihn am Ufer des Sees zurückgelassen. Doch Martin fühlte sich nicht einsam. Das hier war ein wunderbarer Ort, der sich nur für ihn allein in seiner ganzen Schönheit zeigte. Eigentlich war er kein Träumer, doch in diese eine Traumwelt, in der niemand ihn störte oder schlecht über ihn redete, kehrte er jedes einzelne Mal gerne zurück. Es gab nur eine Person, die ihn von dort losreißen konnte, und das war die gleiche Person, die es ihm überhaupt erst ermöglichte, den Weg dorthin zu finden.

Eine Weile betrachtete Martin das Wasser, das sich leicht unter dem Wind kräuselte und in sanften Wellen gegen die Steine am Rand schlug. Doch als der Mond und die ersten Sterne blass am Himmel erschienen, wurde die Wasseroberfläche zu einer glatten, schwarzen Scheibe, und er erhob sich langsam wieder. Einen letzten Blick warf er über den See, dann wandte er sich um und ging die leichte Anhöhe vom Wasser hinauf auf den Wald zu. Etwas bewegte sich vor ihm zwischen den Bäumen, als er näher kam. Er hörte es mehr, als dass er es wirklich sah. Ein Schatten, der sich aus dem Gebüsch löste und auf ihn zu schritt.

Martins Herz machte einen Sprung, als er das Wesen erkannte, das vor ihm stand. Es war einer seiner Freunde. Im weit entfernten Klassenzimmer gab es dagegen niemanden, den er als solchen bezeichnet hätte. Traurig war er darüber aber nicht, denn bislang war er auch so gut zurecht gekommen.

Auf lautlosen Pfoten schlich das Tier auf ihn zu, das man im ersten Augenblick für einen Tiger halten konnte. Doch bei Licht, und da genügte schon der fahle Schein des Mondes, wurde das silbergraue Fell mit den weißen Streifen sichtbar. Vielleicht war es ja ein Tiger, ein Fantasie-Tiger.

Darüber machte Martin sich keine Gedanken, stattdessen schwang er sich, einer nickenden Kopfbewegung des Tieres Folge leistend, behände auf dessen Rücken und hielt sich mit den Händen im Fell über den Schulterblättern, die sich bei jedem Schritt kraftvoll und gleichmäßig bewegten, fest. Der Tiger verfiel in einen leichten Trab und sprang dann mit einem gewaltigen, aber trotzdem sehr leichtfüßigen Satz zwischen die Bäume und verschwand zusammen mit dem Mensch auf seinem Rücken in der Dunkelheit des Waldes.

Es war anders als das Fliegen vorhin, doch auch jetzt überkam Martin ein Gefühl der Freiheit, während er durch den Wald preschte, der kräftige, warme Körper unter ihm. Obwohl das Tier mit großen Sprüngen dicht an den Bäumen vorbei kam, schlug ihm nie ein Ast ins Gesicht und er wusste, dass er das auch nicht zu befürchten brauchte. Einer nach dem anderen rauschten die mächtigen Stämme an ihm vorüber und irgendwann – Martin hatte hier kein Gefühl für die Zeit – stieg der Boden an und der Tiger trug ihn einen kleinen Berg hinauf ohne ein Anzeichen von Müdigkeit zu zeigen. Natürlich war er nicht müde, denn die Geschichte war so festgelegt, dass er niemals erschöpft wurde. Ein letzter, großer Sprung, dann wurde das Tier langsamer, trabte aus und blieb schließlich stehen. Wie bei dem Vogel vorhin wusste Martin, dass es nun Zeit war, abzusteigen.

Er war jetzt nicht mehr direkt im Wald, sondern stand auf einem großen, länglichen Felsen, der vom höchsten Punkt des Berges waagerecht abstand, über allen Wipfeln. Seinen Rücken dem geschützten Weg nach unten zugewandt ging Martin langsam geradeaus über den Felsen auf dessen Ende zu. Der Mond verbreitete inzwischen ein klares, helles Licht, sodass er erkennen konnte, dass der Fels vollkommen in der Luft zu hängen schien. Unter ihm, vor ihm und ringsherum, überall war Wald. Soweit sein Blick reichte – und die Aussicht war selbst bei Nacht gewaltig – war der einzige unbewaldete Fleck dieser merkwürdig geformte Brocken Stein, der alles zu überragen schien. Der See war von hier aus nicht mehr zu sehen.

Staunend stand Martin eine Weile da, drehte den Kopf von links nach recht und ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. Dabei wunderte er sich, ob Mondlicht wirklich so hell sein konnte, wie es im Moment schien, oder ob das bloß ein weiteres, fantastisches Element dieses speziellen Traumes war. Aber eigentlich war das unwichtig. Das Tappen von Pfoten näherte sich von hinten und der Tiger stupste ihn sanft mit seiner Schnauze an der Hand. Martin sah zu ihm hinab, schaute in die Augen, die weißlich leuchtend den Glanz des Mondes widerspiegelten und verstand.

Er wich ein paar Schritte von der Spitze des Felsens zurück, obwohl er wusste, dass ihm nie etwas passieren konnte, setzte sich auf den Stein und wartete, bis der Tiger sich neben ihm zusammengerollt hatte. Dann legte er seinen Kopf auf das weiche Fell, das sich bei jedem Atemzug leicht hob und wieder senkte, streckte seine Beine aus und starrte in den von Sternen übersäten Himmel, der nur von einigen Schleierwolken durchzogen war und dachte an nichts. Alle Probleme wurden bedeutungslos, denn sie spielten hier überhaupt keine Rolle. Sein Kopf wurde frei und er genoss die Atmosphäre der Ruhe. Ganz und gar ließ er den Eindruck dieses wundervollen Traumes in sich einwirken, während er völlig entspannt auf dem Felsen lag, der kein bisschen rau und unbequem war. Eine leichte, warme Brise strich über ihn hinweg.

Der Gong ertönte; schrill und aufmüpfig plärrte er durch das Gebäude und riss Martin zurück in die Realität. Das Geplapper im Klassenzimmer nahm an Lautstärke zu, Stifte klapperten und Bücher wurden hektisch geschlossen. Der Lehrer hatte aufgehört zu reden und blickte mit einem leichten Ausdruck der Verwunderung auf seine Armbanduhr.

„Tatsächlich“, murmelte er mit einem Lächeln und schaute wieder in die Klasse. „Das war’s für heute. Lest bitte das Kapitel bis Montag zu Hause zu Ende. Ihr könnt gehen.“

Stühle rückten über den Boden, Rucksäcke wurden lautstark geschlossen und ohne sich zweimal darum bitten zu lassen stürmten die meisten Schüler ausgelassen aus dem Zimmer. Das Wochenende stand vor der Tür. Nur Martin blieb an seinem Platz sitzen und starrte mit leerem Blick nach vorne. Erneut hatte ihn die Wirklichkeit mit all ihren Komplikationen und Schwierigkeiten eingeholt.

„Nun, worauf wartest du?“ Freundlich schaute ihn sein Lehrer an.

„Ich …“, nuschelte Martin ohne zu wissen, was er sagen sollte. Schnell senkte er den Blick, denn er konnte den Augen des Lehrers nicht standhalten, und fegte kurzerhand seine Sachen von der Schulbank wild durcheinander in seine Tasche. Dann stand er kraftlos auf, warf sich die Tasche über die Schulter und schlurfte die Tischreihen entlang nach vorne in Richtung Tür, die nur leicht offen stand, sodass er die anderen Schüler auf den Gängen zwar hören, aber nicht sehen konnte. Sein Blick blieb an den sauber polierten Schuhen des Lehrers hängen, der in einer lässigen Pose am Pult lehnte, zwischen Martin und der Tür, und ihn beobachtete. Während er sich ihnen näherte, den Blick starr zu Boden gerichtet, bewegten sie sich leicht, verursachten dabei das gleiche, leise Geräusch wie während des Unterrichts, und als er schließlich auf gleicher Höhe war und sich nach rechts zur Türe drehen wollte, machten sie einen Schritt vom Pult weg genau auf ihn zu. Ein Arm legte sich um seine Taille und drehte ihn herum. Mit einem Lächeln zog der Lehrer ihn zu sich hin und meinte leise: „Mach doch nicht immer so ein Gesicht. Das steht dir nämlich überhaupt nicht.“

Schweigend hob Martin den Kopf und blickte nun doch in die blauen Augen. Für einen kurzen Moment vergaß er zu atmen. Er und der Lehrer, sie waren fast gleich groß, sodass er seinen Kopf nur ein wenig anheben musste. Er wusste, was jetzt kommen würde und senkte in einer Erwartung, die er sich nur ungern eingestand, die aber ohne Zweifel vorhanden war, seine Lider. Das Gesicht des anderen kam näher an sein eigenes, er spürte leicht dessen Atem; doch im letzten Moment, bevor die fremden Lippen seine eigenen berühren konnten, drehte er den Kopf zur Seite.

„Nicht hier. Was, wenn jemand …?“, flüsterte er, aber er wehrte sich nicht weiter, als der Lehrer langsam statt seines Mundes die Seite seines Halses berührte. Er spürte die feuchte Zunge des Mannes und musste mit aller Kraft ein Seufzen unterdrücken. Ein Kribbeln lief durch seinen Körper und seine Beine fühlten sich mit einem Mal wie gelähmt an. Sein Verstand schien es ihnen gleich zu tun, denn für einen Moment verlor er sich ganz in dieser Umarmung.

Draußen schien die Sonne und das Licht fiel durch die Fenster auf den Boden des Klassenzimmers. Millionen winziger Staubkörner schwebten in der Luft, die jetzt aber, als Martin leise aufstöhnte, durch seinen Atem durcheinander gewirbelt wurden. Seine Gedanken kehrten sogleich ins Klassenzimmer zurück. Er wurde zurück gedrängt, bis er mit den Oberschenkeln von hinten gegen einen der Tische in der ersten Reihe stieß, spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte und lange, schlanke Finger sich am Kragen seines Hemds zu schaffen machten.

„Musst du dann nicht …“ – Der oberste Knopf sprang auf – „… zur Kunst-AG?“ Die Stimme des Lehrers klang ruhig und gedämpft. Martin riss seinen Kopf nach hinten und sog scharf Luft durch seine Nase und den halb geöffneten Mund ein, als die warmen Lippen von der Vertiefung unterhalb seines Kehlkopfes langsam seine Brust hinunter wanderten. Er merkte, dass seine Arme, mit denen er sich an der Tischkante abstützte, zu zittern anfingen und nachzugeben drohten. Die Schultasche war ihm schon längst von der Schulter gerutscht.

„Besser, du beeilst dich ein wenig …“

Der Druck gegen die Tischkante ließ nach und der Griff um seinen Körper löste sich. Er blinzelte und erkannte die beiden himmelblauen Augen direkt vor seinen eigenen. Dann richtete sich der Lehrer wieder zu seiner vollen Größe auf, machte lächelnd einen Schritt von ihm weg und sagte: „Weißt du, ich muss jetzt noch zu einer Lehrerkonferenz.“ Bei dem Ausblick darauf verzog er das Gesicht und setzte eine gelangweilte Miene auf.

„Wie lange …?“, fing Martin an zu fragen, während er sein Hemd wieder zuknöpfte und den Blick des Lehrers konsequent mied.

„Um drei auf dem hinteren Parkplatz“, kam die Antwort ohne Zögern. Martin nickte, schnappte sich seine Schultasche und stolperte eilig zur Türe. Als er noch einmal kurz inne hielt, sah er den Lehrer – die Hände in den Hosentaschen seines Anzugs – gedankenverloren aus dem Fenster schauen. Das Zimmer lag im ersten Stock, sodass man von außen nicht viel von dem erkannte, was drinnen vor sich ging. Er konnte jedoch das Spiegelbild des Mannes mehr als deutlich in der Glasscheibe erkennen und im letzten Moment, bevor er aus dem Raum verschwunden war, trafen sich darin ihre Blicke.

— Ende des ersten Kapitels.

Weiter zum zweiten Kapitel

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