[…]

Schon wieder dieser Traum: Die eisige Kälte. Immer tiefer und tiefer sank er, fort vom Licht. Sein Körper ohne jegliches Gefühl, nur noch sein Verstand arbeitete. Die Gewissheit, dass dies das Ende war, jetzt zu sterben. Doch die Verzweiflung hatte nicht genug Zeit, sich zu entfalten. Schon wurden seine Sinne unscharf, die Erlösung. Alles schwarz.

Plötzlich, eine Hand in der Finsternis. Sie schien nach ihm zu greifen, ihn halten zu wollen. Er konnte sie nicht fassen, nur noch tatenlos dabei zuschauen, wie sie ins Leere griff. Aus der Wunde an der Hand floss Blut und färbte das schwarze Wasser rot…

Cain schreckte auf.

Schweißnass und mit klopfendem Herzen saß er in seinem Bett. Mit zitternden Fingern versuchte er, sich die Haarsträhnen aus seinem Gesicht zu wischen. Dieser Traum, was hatte er zu bedeuten? Und warum reagierte er heute so stark darauf? Seine Gedanken kreisten, doch er fühlte sich viel zu kraftlos, um sie zu ordnen. Was war los mit ihm?

Mühsam stand er auf. Er brauchte einen Schluck zu trinken, vielleicht half das ja etwas. Mit unsicheren Schritten durchquerte er das düstere Zimmer. Durch die Vorhänge drang Tageslicht. In einer Ecke entdeckte er den Schal, der sich halb von dem Schwert gelöst hatte. Für einen kurzen Moment überkam ihn ein Schreck. Musste er das heute noch zurückbringen? War er schon zu spät dran? Nein, erst morgen. Er atmete auf. Es war noch nicht Zeit. Aber heute… Cain überlegte. Einkaufen musste er, genau. Das hatte er gestern nicht mehr geschafft.

Vorsichtig holte er ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Leitungswasser. Er musste aufpassen, es nicht fallen zu lassen. Er stützte sich am Spülbecken ab und trank es gierig in einem Zug leer. Ein bisschen half es. Dann schaute er auf die Uhr. Schon Vormittag. Doch draußen war es genau so düster wie am vorigen Tag. Die grauen Wolken zogen von einem leichten Wind angestoßen über die Stadt hinweg.

Noch einmal füllte er das Glas mit Wasser und setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Der Einkauf konnte auch noch bis zum Nachmittag warten. Irgendwie war er immer noch nicht ganz auf der Höhe. Und das Kopfweh, das ihn schon den kompletten gestrigen Tag begleitet hatte, hatte nur unmerklich nachgelassen. Er trank einen Schluck.

Vielleicht, wenn er noch einmal kurz die Augen zumachte…

Es klingelte. Das Telefon? Verwirrt öffnete Cain die Augen. Das war nicht das Telefon. Er stemmte sich vom Sofa hoch und schlurfte zur Wohnungstür. Dabei stellte er fest, dass es mittlerweile schon fünfzehn Uhr war. Es klingelte erneut. Wer konnte das sein? Er drückte den Summer und öffnete die Wohnungstür. Schritte hallten durch das Treppenhaus nach oben. Er wartete. Vielleicht war es der Postbote, der ein Paket brachte. Aber doch nicht mitten am Nachmittag! Oder… waren es am Ende doch seine Verfolger, die ihn ausfindig gemacht hatten? Verdammt, er war zu unvorsichtig, hatte einfach so den Türöffner gedrückt, ohne zu wissen, wer da zu ihm wollte.

[…]

— zur Hauptseite

Advertisements