Im Zimmer war es still, beinahe totenstill. Das Fenster hing gekippt in den Angeln und ließ einen schwachen Luftzug herein, der den Saum des geöffneten Vorhangs sanft anstieß. Es war eine klare Nacht, doch sowohl das Licht der Laternen am Straßenrand als auch das der vielen, unendlich weit entfernt scheinenden Sterne drang nur spärlich in den Raum, da es von dichtbelaubten Bäumen, die vor dem Fenster wuchsen, abgeschirmt wurde. So war es fast ebenso dunkel wie ruhig im Zimmer bis auf die bunten LED-Lämpchen der elektronischen Geräte, die ohne Unterlass blinkten und leuchteten. Der kleine, runde Tisch vor dem Fenster war leer, nicht einmal Blumen befanden sich darauf.

Langsam löste sich ein Schatten aus einer der dunklen Ecken des Zimmers. Bedächtig, ohne die Stille im Raum zu brechen, näherte er sich dem Bett in der Mitte, um das die blinkenden Geräte aufgebaut waren. Nicht einmal Schritte waren zu hören. Es schien fast, als schwebe er lautlos wie der Wind über den Boden.

Für ein paar Sekunden verharrte der Schatten neben dem Bett ohne sich zu bewegen. Dann beugte er sich in einer fließenden Bewegung nach unten und flüsterte etwas: Worte, so sanft wie ein Windhauch im Frühling, unverständlich, aber doch von solcher Intensität, die einen tief im Herzen berührte. Es war das erste lebendige Geräusch, das seit Einbruch der Finsternis zu hören war.

Als am nächsten Morgen die Krankenschwester das Zimmer betrat, wanderte ihr Blick wie gewohnt zuerst zum Patienten. Mit einem kurzen Seufzer nahm sie zur Kenntnis, dass sich an dessen Zustand nichts verändert hatte, weder zum Guten noch zum Schlechten. Er lag da und schlief seinen langen Schlaf, wie lange nun schon? Eine kurze Überraschung bereitete ihr lediglich die Blume, die auf dem Fensterbrett lag. Eine weiße Lilie. Die Kollegin vom Vortag hatte es wohl versäumt, sie in eine Vase zu stellen. Die Krankenschwester nahm sich vor, nach ihrer Morgenrunde ein Gefäß für die Blume zu holen und kehrte mit ihren Gedanken in den von Routine beherrschten Alltag zurück.