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Der Schein der Taschenlampe tanzte vor ihm an Boden und Wänden und er konzentrierte sich darauf, auf den bröckelnden Betonstufen nicht auszurutschen. Die Treppe war nicht lang und so stand er gleich darauf in einem Gang, der in zwei Richtungen weiterführte. Von irgendwoher hörte er Wasser plätschern. Den Gestank, den er nun für eine Weile ertragen musste, versuchte er so gut es ging zu ignorieren.

Einer Eingebung folgend wandte sich Diego nach links und betrat ohne zu zögern das unterirdische Labyrinth der Kanalisation. Dass es möglicherweise verboten war, störte ihn im Moment nicht. Eine Zeit lang ging er wie von einer inneren Stimme geführt durch das Gewirr aus triefenden Gängen, bis er irgendwann das Gefühl hatte, dass er seinem Ziel schon ganz nahe war. Bis jetzt hatte er Glück gehabt und war weder in die dreckige Brühe gefallen, die neben ihm in einer Rinne floss, noch von einer tollwütigen Ratte gebissen worden. So weit war also alles in Ordnung. Mit seiner Taschenlampe bewaffnet bog er ein letztes Mal nach rechts ab. Vor Schreck wäre sie ihm anschließend beinahe aus der Hand geglitten. Dort vorne lag das Mädchen, oder was von ihr noch übrig war, ihre Leiche. Ein Bündel aus Kleidung, Körperteilen und Haaren.

„Ach du heilige Scheiße“, entfuhr es ihm und er kniff seine Augen zusammen. Doch auch als er sie wieder geöffnet hatte, war alles wie vorher. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und näherte sich dem Ding auf dem Boden. „Das… ist doch unmöglich“, murmelte er dabei. „Die Polizei war doch schon längst da, die Spurensicherung, Pathologie oder wer weiß sonst noch alles.“ Unruhig bewegte sich der Lichtschein seiner Lampe hin und her. Diegos Herz raste und ihm stand der Schweiß auf der Stirn, doch trotzdem konnte er nicht stehen bleiben. „Wieso liegt sie noch immer da herum, in der Finsternis?“ Unwillkürlich beleuchtete er den Kopf der Leiche. Außer Haaren konnte er nur das Blut erkennen, das darin verklebt war. Vermutlich von einem Aufprall. Ihn schauderte es und er spürte einen unwillkommenen Drang in seiner Magengegend, dennoch konnte er den Blick nicht abwenden. Die Haare der Leiche bewegten sich leicht, verursacht von einem Luftzug. Diego runzelte die Stirn. Nein, er konnte nicht den leisesten Windhauch verspüren. Die Luft stand still und war drückend. Wieso also…? Er ahnte, was jetzt kommen würde und war doch nicht gefasst darauf. Er schrie auf, als er beobachtete, wie die Leiche den Kopf langsam drehte, unmenschlich weit drehte, und ihn mit einem Auge anstarrte. Das zweite fehlte ganz einfach. Wie vom Donner gerührt stand Diego da, konnte sich nicht mehr rühren. Der Blick durchbohrte ihn, drang in seinen Kopf ein und ein lautloser Film begann, sich dort abzuspielen.

Scheinbar sinnlose Bilderfetzen erschienen und verschwanden sofort wieder. Er sah verschiedene Personen, ein Auto, Bäume. Diego stand nur da und konnte nichts unternehmen, konnte es nicht stoppen. Die Bilderfolgen wurden immer schneller und schneller, als würde sich ein Film im Zeitraffer abspielen. Zum Schluss war nichts mehr zu erkennen, nur noch die Worte ‚Hilf mir’, dann war es vorbei.

Was war geschehen? Diego hatte nicht die geringste Ahnung. Unbeweglich stand er da. Nach und nach drang der Schein der Taschenlampe, die den Kanalschacht spärlich ausleuchtete, wieder in sein Bewusstsein und sein Blick klärte sich.

Natürlich, er redete jeden Tag mit Leichen, warum auch nicht? Das war doch ganz normal. Wer tat das nicht? Er hätte loslachen können, so unsinnig war das. Auch, dass das Mädchen nur halb gewesen war, war doch ganz okay. Ein halber Mensch, ein Arm hatte gefehlt, ein Bein, ein Auge, völlig in Ordnung. Und jetzt war sie verschwunden, als wäre sie nie da gewesen.

Nur schleppend verschaffte sich Diegos Vernunft wieder Oberhand, auch wenn sie keine Erklärung für das ganze hier fand. Er musste weg hier, und zwar schleunigst. Angst wallte in ihm auf und als er wieder vollkommen Herr seiner Sinne war, rannte er los. Immer dem Lichtschein hinterher, weiter, irgendwohin. Er musste ins Freie, brauchte Luft. Wo war er nur hergekommen? So viele Abzweigungen… Die Angst schnürte ihm die Kehle zu und er musste husten. Aber immer weiter, nicht stehen bleiben. Irgendwo kam Licht her, von oben.

Diego kam schlitternd zum Stehen, leuchtete mit der Taschenlampe über seinen Kopf und erspähte kreisförmig angeordnete Lichtpunkte am Ende eines Schachts, der senkrecht nach oben führte. Auf Brusthöhe entdeckte er seitlich neben sich Steigeisen, die den Schacht hinauf führten. Er überlegte nicht lange, steckte sich die Taschenlampe in den Hosenbund und kletterte nach oben. Er befand sich nun tatsächlich direkt unter einem Kanaldeckel. Durch die Löcher im Deckel erkannte er, dass das Licht von einer Straßenlaterne, die sich fast genau über ihm befand, herrührte. Er drückte gegen den Deckel, doch der rührte sich nicht. Er fluchte, schaute sich in dem engen Schacht um, ob er irgendwie mehr Kraft aufbringen konnte, und stützte sich dann mit dem Rücken an der gebogenen Wand hinter sich ab, um beide Arme frei zu haben. Während er hoffte, dass der Kanaldeckel nicht versiegelt war, stemmte er sich noch einmal mit allem, was sein Körper hergab, gegen die Abdeckung, die diesmal tatsächlich ein knirschendes Geräusch von sich gab.

Diego holte noch einmal tief Luft, was in dem stickigen Abwassersystem vielleicht nicht die beste Idee war, und wollte den Deckel endgültig aus seiner Fassung heben, als er Motorengeräusch vernahm. Er hielt inne, lauschte, hörte dabei seinen eigenen Herzschlag in den Ohren dröhnen. Das Knattern des Motors wurde leiser und als er sich sicher war, dass es weit genug weg war, drückte er ein letztes Mal gegen den Kanaldeckel und schaffte es irgendwie, ihn genau so weit anzuheben, um ihn seitlich auf den Asphalt schieben zu können. Wie ein Regenwurm bei Nässe kletterte er aus dem Loch. Das Licht der Straßenlaternen kam ihm vor wie ein Geschenk des Himmels, blendete ihn regelrecht. Er sah, dass er mitten auf einer Straße stand, auf der jetzt – es war mittlerweile dunkel geworden – zum Glück so gut wie kein Verkehr herrschte. Er schaute sich kurz um, versuchte herauszufinden, wo er sich befand. Eine ruhige Wohngegend, nicht weit weg vom Park, das war gut. Mit letzter Anstrengung hievte er den Kanaldeckel zurück an seinen Platz und stolperte dann zurück nach Hause.

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