[…]

Am nächsten Tag wurde er durch ein Geräusch geweckt. Es kam nicht von draußen, sondern aus Richtung Küche, ein Klappern. Schlaftrunken stemmte er sich hoch und stellte, als sein Blick über den Wecker streifte, fest, dass es schon fast Mittag war, allerhöchste Zeit, aufzustehen. Sein Magen brummte und nur langsam fiel ihm wieder ein, dass er ja einen Gast hatte. Schnell schnappte er sich das Shirt von gestern Abend, zupfte seine Haare ein wenig zurecht und verließ das Schlafzimmer, um nach dem Rechten zu sehen und etwas zu essen. Er hatte seit Langem wieder richtig Appetit. Mit dem Anblick, der sich ihm im Wohnzimmer bot, hatte er allerdings nicht gerechnet. Doch jetzt wusste er immerhin, woher das Klappern gestammt hatte.

„Guten Morgen“, begrüßte Darque ihn freudestrahlend. „Ich dachte mir, du könntest vielleicht Hunger haben, darum habe ich eine Kleinigkeit zu essen gemacht. Ich hoffe, das war in Ordnung.“

Cain schaute verblüfft auf den voll beladenen Tisch. Er entdeckte ein Weidenkörbchen mit Brötchen und Croissants, Honig, Marmelade, und was sonst noch in seinem Kühlschrank gewesen war. In der Mitte stand ein Teller mit einem Berg dampfender Pfannkuchen darauf. Bei der Vorstellung, wie Darque vor dem Herd stand und Pfannkuchen machte, konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Ich hab mir vorher die Hausschlüssel ausgeliehen um zum Bäcker zu gehen, das war doch…?“

„Kein Problem“, winkte Cain ab und setzte sich an den Tisch. „Das hättest du aber nicht tun müssen, wirklich nicht.“

„Ich hab’s gern gemacht, als Dankeschön sozusagen. Du kannst ruhig anfangen. Ich hoffe, es schmeckt.“

„Willst du nichts essen?“, fragte Cain erstaunt.

Darque lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht so hungrig.“

Cain runzelte die Stirn, machte sich dann aber über das Büffet her. Erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, dass er die letzten paar Tage wirklich nicht viel zu sich genommen hatte. Das war mit Sicherheit nicht gesund. Darque wartete währenddessen geduldig auf dem Balkon und schaute gedankenverloren in den leicht bewölkten Himmel.

Insgesamt verspeiste Cain fünf Pfannkuchen, zwei Brötchen und ein Croissant, ehe er sich mit vollem Magen entspannt zurücklehnte und die Augen schloss. Er hörte, wie Darque hereinkam.

„Danke für das Essen“, murmelte Cain ohne aufzuschauen. Er hatte ein wenig ein schlechtes Gewissen, da mehr als die Hälfte noch auf dem Tisch stand.

Doch Darque schien das nicht zu stören, stattdessen sagte er: „Vorhin, als du noch geschlafen hast, hat die Polizei angerufen. Sie wollten, dass du noch heute ins Präsidium kommst.“

„Was?“, fuhr Cain erschrocken hoch. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

„Als ich gesagt habe, dass du noch schläfst, hat der Polizist dann aber gemeint, er kommt am Nachmittag persönlich vorbei“, erklärte Darque weiter.

„Die Polizei? Warum…?“

„Keine Sorge.“ Darque legte ihm eine Hand auf die Schulter. Das beruhigte Cain ein wenig. Die Polizei, damit hätte er rechnen müssen, aber der gestrige Tag schien ihm so unwirklich, als ob nicht er, sondern jemand anderes dort gewesen wäre. Doch natürlich konnte er nicht davor flüchten und die Erinnerung daran aussperren.

„Es wird alles gut“, sagte Darque noch einmal leise und fing an, den Tisch abzuräumen. Cain sah ihm kurz wie erstarrt dabei zu, dann riss er sich zusammen und half mit, auch, um auf andere Gedanken zu kommen.

„Du kannst den Teller mit den Pfannkuchen in den Kühlschrank stellen. Das waren so viele, ich ess den Rest morgen“, wies er Darque an.

„Ist gut. Ich mach noch schnell den Abwasch.“

„Nein, wirklich…“ Das ging Cain jetzt eindeutig zu weit, schließlich war Darque doch nicht sein Hausmädchen. „Das brauchst du nicht auch noch zu machen.“

Doch ohne auf Cain zu hören, drehte Darque den Wasserhahn auf und schnappte sich das schmutzige Geschirr. Nachdem er gesehen hatte, dass er nichts mehr tun konnte, ging Cain achselzuckend wieder ins Wohnzimmer, ließ sich auf das Sofa fallen und lauschte dem Klappern und den Geräuschen des Wassers. Diese Situation, sein Verhalten… So kannte er sich gar nicht. Er stellte sich vor, wie die Tropfen langsam von den langen Fingern seines Gastes perlten… diese warmen, weichen Hände… zart, schön …

Was dachte er da bloß? Schleunigst verscheuchte er diese Gedanken aus seinem Kopf. Er brauchte etwas zu trinken. In dem Moment, in dem er aufstand, verstummten die Geräusche aus der Küche und er drehte sich um.

„Hier, trink das.“ Darque stand neben ihm und hielt ihm ein Glas Orangensaft entgegen.

„Danke.“ Etwas durcheinander nahm Cain das Glas. Dabei fiel sein Blick auf eine feine, dunkle Linie auf Darques Unterarm, wo der Ärmel seines Pullovers wegen des Abwaschs noch ein Stück zurückgeschoben war. „Was ist das?“ Bei dem Anblick regte sich etwas in Cain, er wusste aber nicht, wie er es einordnen sollte.

Darque zog seine Hand zurück und schaute sich nachdenklich seinen Arm an. Er schien etwas sagen zu wollen, doch dann schob er langsam den Ärmel darüber. Entschuldigend sah er Cain in die Augen, der nicht weiter nachfragte und stattdessen seinen Orangensaft trank.

***

Der Inspektor, der sich als Edward Lanton von der Mordkommission vorgestellt hatte, sah Cain mit wachsamem Blick über den Tisch hinweg an. Sein Äußeres täuschte geschickt darüber hinweg, dass er vermutlich ein sehr guter Polizist war. Cain setzte eine möglichst bedrückte Miene auf, doch in seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Was sollte er sagen? Die Wahrheit? Dann würde er garantiert Schwierigkeiten bekommen, und nicht nur er… Er wusste nicht, ob Gerry bereits befragt worden war und wenn ja, was er ausgesagt hatte. Der Inspektor hatte auf jeden Fall seinen Namen und seinen Wohnort gewusst, aber woher? Etwa von Gerry? Oder doch…? Aus dem Augenwinkel sah er Darque, der sich an eine Wand gelehnt hatte und ihn und den Polizisten aufmerksam beobachtete. Außer, dass er ihm zugenickt hatte, hatte der Inspektor jedoch noch nichts über ihn wissen wollen und beachtete ihn im Moment auch gar nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit galt momentan scheinbar Cain.

„Also…“, fuhr der Inspektor fort. Er hatte eine kratzige Stimme, vermutlich rauchte er viel. „Was ist danach geschehen?“

Cain legte seine Stirn in Falten um Lanton das Gefühl zu vermitteln, dass er wirklich angestrengt nachdachte und die Ermittlungen voll unterstützte. „Nun, dann…, dann sind diese Männer gekommen mit den Waffen. Die meisten hatten schwarze Anzüge an. Ich hab keine Ahnung, was die wollten…“

„Kannten Sie diese Leute denn?“

„Nein.“

„Und gesehen haben Sie sie auch noch nie?“

Cain schüttelte den Kopf.

„Ihr Vater hat auch nie irgendetwas erwähnt, was damit in Verbindung stehen könnte?“

„Mir gegenüber nicht.“

Cain empfand es als das Einfachste, alles zu bestreiten und möglichst ahnungslos zu wirken. Er konnte nur hoffen, dass ihm das der Polizist auch abnahm.

„Na gut“, seufzte Inspektor Lanton und lehnte sich zurück. „Ich werd Ihren Vater natürlich noch selbst danach fragen, ist ja klar.“ Er lachte leicht verlegen. „Zumindest, sobald er wieder ansprechbar ist…“

„Was?!“ Cain hatte etwa zwei Sekunden gebraucht, bis er verstanden hatte, was der Inspektor soeben gesagt hatte. „Was soll das heißen? Ich dachte, er wäre…“

…tot. War er das etwa nicht?

Mit einem Schlag herrschte Chaos in seinem Kopf. Was bedeutete das jetzt? Hilfe suchend wanderte sein Blick zu Darque. Er wirkte nicht überrascht, sondern schaute etwas verlegen den Boden an. Zu dem Schock und der Erleichterung stieg in Cain so etwas wie Wut auf. Hatte Darque das die ganze Zeit über gewusst und es nicht für nötig gehalten, ihm davon zu erzählen?

Lanton schaute zufrieden mit sich aus, er schien mit so einer Reaktion gerechnet zu haben. „Na ja, Sie waren so schnell vom Tatort verschwunden, dass Sie offenbar nicht alles mitbekommen haben.“

Cain funkelte den Polizisten an. Machte der sich etwa lustig über ihn?

Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen, dann sprach der Inspektor langsam weiter, als wäre ihm dieser Gedanke nur gerade so nebenbei gekommen: „Was hatten Sie“, er fixierte Darque, der jetzt seinen Kopf hob, „dort eigentlich zu suchen? Ich weiß nicht mal Ihren Namen…“

[…]

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