Abgründig 8

Das Café war voller Leben an diesem sonnigen Spätnachmittag, als David durch Glück noch einen Tisch im Freien bekommen hatte. Er war genau zu dem Zeitpunkt auf dem Platz mit dem Brunnen angekommen, als ein Pärchen gerade aufgestanden und gegangen war. Wie immer bestellte David einen Espresso und der Kellner, der ihn inzwischen als Stammgast erkannte, brachte die Bestellung ohne Umschweife.

„Sie kommen direkt von der Arbeit?“ Der Kellner stellte das kleine Tablett mit Espressotasse, Keks, Zucker und Wasserglas vor David ab.

„Wie?“ David schaute irritiert zu dem jungen Mann auf. Er hatte nicht mit einer Unterhaltung gerechnet. „Ja …“ Seine Aktentasche machte das doch offensichtlich. Außerdem kam er jeden Tag um dieselbe Zeit.

„Sie kommen jeden Tag hierher“, stellte der Kellner weiter fest und warf David einen scheuen Blick zu.

„Ja …“

Am Nachbartisch hob eine Frau die Hand und winkte den Kellner zu sich.

„Entschuldigen Sie.“ Der Kellner löste den Blick von David, nicht ohne ihm noch einmal ein verlegenes Lächeln zuzuwerfen, bevor er sich der anderen Kundschaft zuwandte.

David runzelte die Stirn. Er schaute auf den belebten Platz und schlürfte langsam seinen Kaffee. Ein Schwarm Tauben pickte laut gurrend neben dem Brunnen auf dem Boden, denn irgendjemand warf Gebäckbrösel auf das Kopfsteinpflaster. Die Sonne ging um diese Jahreszeit mit jedem Tag später unter, also konnte er jeden Tag etwas länger bleiben. Vielleicht sollte er später doch noch ein zweites Getränk bestellen?

„Sie haben einen Fan.“

„Wie?“ David drehte den Kopf zur Seite, von wo die Stimme gekommen war, doch er hatte sie gleich wiedererkannt. Der amüsierte Unterton war nicht zu überhören und als er den belustigten Gesichtsausdrucks des Malers erblickte, kam ihm kurz der Gedanke, doch eher etwas früher anstatt später nach Hause zu gehen.

„Der Kerl.“ Der Maler deutete mit dem Kopf zum Eingang des Cafés, in dem der Kellner verschwunden war. „Merken Sie nicht, wie er sie anschaut?“

„Was wollen Sie?“

Der Maler zuckte unschuldsvoll mit den Schultern. „Mich mit Ihnen unterhalten?“

Unbeeindruckt widmete sich David wieder seiner Bestellung. Er wollte diesem Menschen keine Beachtung schenken. Während der Ausstellung hatte der Kerl seinen Spott mit ihm getrieben, hatte ihm nicht gesagt, dass er der Urheber des Bildes war, über das sie sich unterhalten hatten. David trank etwas von seinem Wasser. Er spürte den bohrenden Blick des Künstlers, der sich nun neben ihn setzte. Und er dachte an die Bilder zurück, die er während der Ausstellung gesehen hatte. An die Gefühle, die sie zweifelsohne in ihm ausgelöst hatten. Das Werk dieses Mannes.

David griff nach dem Karamellkeks und wickelte ihn ohne jede Hast aus der Plastikfolie. Ob er gerade genau so studiert wurde, wie der Maler die Leute auf den Bildern studiert haben musste? Dieser Gedanke … Er merkte, wie ganz tief in seinem Innern Panik aufstieg. Ein altbekanntes Gefühl der Angst. Angst davor, dass man von außen in ihn hineinsehen konnte. Dass alles das, was er erlebt hatte, sein gesamtes Selbst, nach außen sichtbar wurde. Er versuchte, die Panik zu unterdrücken. Er wusste, er musste ruhig bleiben. Niemand konnte in einen Menschen hineinsehen. Niemand konnte in ihn hineinsehen, wenn er es nicht zuließ.

„Ich kann ihn durchaus verstehen.“ Davids unwillkommener Tischnachbar lehnte sich entspannt zurück. „Sie haben ein interessantes Profil.“

David legte den Keks zurück auf das kleine Tablett. Er war noch nicht dazu gekommen, ihn zu essen. „Hören Sie.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und kämpfte gegen den Drang an, einfach aufzustehen und zu gehen, wie er es sonst meist tat, wenn er seine Ruhe haben und unnötigen Diskussionen entgehen wollte. Nun aber stand immer noch sein dampfender Espresso vor ihm, der Keks wartete darauf, gegessen zu werden und David wusste, dass es sein gutes Recht war, hier in diesem Café in aller Ruhe zu sitzen und den Abend vorbeiziehen zu lassen. Er atmete einmal tief durch. „Wissen Sie, ich habe Feierabend und verspüre nicht das Bedürfnis, mich mit Ihnen zu unterhalten, so Leid es mir tut. Wenn Sie also bitte gehen könnten.“ Er merkte, er war zu weich. Sein letzter Satz hatte viel zu sehr nach einer Frage geklungen. Doch er wollte dem Gesagten nichts mehr hinzufügen, denn das würde seine Worte nur noch mehr abschwächen. Stattdessen griff er erneut nach dem Keks und versuchte, sich den süßen Geschmack vorzustellen. Er wusste, es gab diese Dinger im Supermarkt zu kaufen, fünfundzwanzig solcher Kekse in einer Packung. Aber er fürchtete, wenn er sich einmal eine Packung kaufte, wäre der Genuss – das Besondere, der Moment des Genießens – für immer dahin. Im Hinblick auf eine derartige, drohende Veränderung war er nicht bereit, den Status Quo aufzugeben.

„Ich störe Sie doch nicht etwa?“ Scheinbar überrascht zog der Maler die Augenbrauen nach oben und schaute David mit einer erschrockenen Miene an. Diese Heuchelei – sie war das, was David am unerträglichsten fand. Der Schwarm Tauben vor dem Brunnen flog mit einem Mal auf, aufgeschreckt von zwei Kindern, die mit Tretrollern übermütig über den unebenen Boden bretterten. „Sie glauben mir nicht, nicht wahr? Das sehe ich Ihnen an. Ich möchte Sie auch wirklich nicht belästigen, aber …“

„Dann lassen Sie es.“ Normalerweise war es nicht Davids Art, anderen ins Wort zu fallen. Normalerweise wurde er aber auch nicht derart penetrant belästigt. Er merkte, wie in diesem Moment noch jemand von hinten an ihn heran trat.

„Entschuldigen Sie, ist alles in Ordnung bei Ihnen?“

Es war der Kellner, wie David an der Stimme erkannte. Er fühlte sich nun komplett umzingelt. Er schielte zu seiner Aktentasche. Wie lange würde er brauchen, sie zu nehmen und sich an den beiden, dem Kellner und dem Maler, vorbei zu zwängen, aus dem Fokus ihrer Aufmerksamkeit? Dann fiel ihm ein, dass er noch nicht gezahlt hatte – noch nicht einmal fertig getrunken hatte – und deswegen nicht einfach gehen konnte.

Der Maler hob beschwichtigend die Hände, machte jedoch keine Anstalten, aufzustehen. David winkte ebenfalls schnell ab. „Ich möchte bitte zahlen.“ Seine Stimme klang normal – gut so. Der Kellner runzelte leicht die Stirn, doch als David ihm ein, wie er hoffte, aufmunterndes Lächeln zuwarf, wandte sich der Angestellte mit einem „Sehr gerne“ ab und verschwand wieder im Café. Ihm musste aufgefallen sein, dass Davids Tablett noch nicht leer war.

„So eilig auf einmal?“ Nun wirkte der Straßenmaler ehrlich enttäuscht. David hielt es nicht für nötig, etwas darauf zu erwidern. „Ich wollte Sie nicht vertreiben, ganz im Gegenteil. Ich wollte noch eine Weile bei Ihnen sitzen. Da Sie nicht für mich Modell stehen möchten, muss ich irgendwie anders eine Möglichkeit schaffen, mir Ihr Gesicht einzuprägen.“

„Bitte was?“ Die Reaktion war mehr ein Reflex, als tatsächliche Überraschung. David schüttelte den Kopf. „Ich sagte Ihnen doch bereits, dass ich kein Interesse daran habe.“ Unwillkürlich stellte er sich vor, wie er vor seinem eigenen Porträt in einer Ausstellung stand und es betrachtete. Was würde er sehen? Alles? Oder doch nichts? Unwohlsein breitete sich bei diesem Gedanken in ihm aus und die Angst, die er vorhin zurückgedrängt hatte, kehrte zurück. Angst, die sich jederzeit in Panik wandeln könnte. Er musste fort.

Zum Glück kam in diesem Moment der Kellner mit der Rechnung. Auf ihr stand der gleiche Betrag wie immer. Schnell bezahlte David. Er versuchte wirklich, sich zusammenzureißen, sich nichts anmerken zu lassen. Es würde sonst nur länger dauern, wegzukommen. So nebenläufig wie möglich gab er einen Abschiedsgruß von sich und wartete dann darauf, dass der Caféangestellte wieder weit genug entfernt war, während sein Herz immer schneller schlug. Mit einem letzten, bedauernden Blick auf sein Tablett wollte er gerade nach seiner Tasche greifen, als der Maler ihn innehalten ließ.

„Warten Sie! Bitte … Sie sehen nicht gut aus.“

David merkte, wie ihm Schweißperlen auf der Stirn standen. Es war zwar ein warmer Abend, aber nicht so warm. Er begegnete dem Blick des Künstlers, der sich ebenfalls halb erhoben hatte und ihn mit ehrlicher Besorgnis anstarrte. Aufrichtige Fürsorge in diesen klaren, blauen Augen. Irgendwie kamen Sie David auf einmal bekannt vor. Er zögerte einen kurzen Moment und genau so plötzlich, wie die Panik in ihm aufgewallt war, war sie wieder verschwunden. Verwirrt, aber auch dankbar, lehnte er sich auf dem Stuhl zurück und ließ die Aktentasche, wo sie war.

Es war seltsam. Im einen Augenblick noch war sein größtes Verlangen gewesen, von diesem Menschen, der neben ihm saß, wegzukommen, im nächsten hatte ein besorgter Blick von demselben Menschen ausgereicht, diesen Wunsch nach Flucht wieder niederzuringen. Was hatte das zu bedeuten?

„Geht’s wieder?“ Der Maler streckte einen Arm nach ihm aus, doch David wich der Berührung aus. Langsam, aber ohne zu zittern, griff er nach seiner Espressotasse und leerte sie, anschließend trank er noch das Wasserglas leer und verspeiste zuletzt den Keks. Die Roller fahrenden Kinder waren längst weitergezogen und die Tauben stattdessen zurückgekehrt. Sie pickten die verbliebenen Krümel aus den Ritzen der Pflastersteine. Derjenige, der sie gefüttert hatte, war nicht mehr zu sehen und auch die Sonne war mittlerweile hinter den Hausdächern verschwunden. Der Keks schmeckte nicht so, wie er sonst immer schmeckte.

„Okay, hören Sie“, fing der Künstler wieder an. „ich wollte Sie wirklich nicht aufregen.“ Er machte eine kurze Pause, als ein paar Gäste an ihrem Tisch vorbeigingen. „Ich habe nur noch eine Frage. Kommen Sie mich besuchen, wenn ich Ihnen sage, dass ich schon eine Skizze angefertigt habe?“

„Sie haben was?“

„Eine Skizze angefertigt, in meinem Atelier. Kommen Sie vorbei?“

„Hören Sie mal, das …“ David hatte ja schon geahnt, dass dieser Mensch unberechenbar war. Aber nun auch noch so berechnend, ihn mit einer Skizze ködern zu wollen? Für einen kurzen Moment flammte Empörung in ihm auf. Doch dann, nach einem weiteren Augenblick, fiel ihm auf, dass er nicht wirklich erstaunt war. Es passte alles zu dem Bild, das er von dem Maler hatte. Selten war ihm ein Mensch mit einer derart dreisten Beharrlichkeit begegnet.

Auch wenn er sich mittlerweile nicht mehr so sehr von der Art dieses Menschen durcheinanderbringen ließ wie noch bei ihrer ersten Begegnung, und auch wenn der Maler nicht nur aufgesetzte Arroganz zeigte, sondern auch zu echten Gefühlen in der Lage schien, so schwang doch stets etwas Lauerndes, Diffuses mit dem Künstler mit, das David sein Misstrauen nicht gänzlich ablegen ließ. Er fühlte sich unwohl in der Nähe dieses Menschen, konnte diese Empfindung aber nicht an etwas Konkretem festmachen.

„Das was?“ Der Maler fixierte ihn mit seinem Blick.

„Wollen Sie mich erpressen?“

„Keineswegs. Ich traue mir auch zu, das Bild so fertig zu malen. Wenn ich Sie eingehend studiere …“ Ein Grinsen erschien wieder auf dem Gesicht des Malers.

David lief bei diesen Worten unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. Er räusperte sich und schaute konsequent an dem Maler vorbei. Er war dieser Blick, diese Augen, die irgendetwas in ihm berührten, das ihn unruhig werden ließ. Trotz seiner kurzen Panikattacke von vorhin war es nun aber nicht der Gedanke, dass er durchleuchtet wurde, sondern etwas viel tiefer Liegendes. Wenn er es nur einordnen könnte!

Der Kellner trat wieder aus dem Laden heraus ins Freie. Er warf David zum Abschied ein flüchtiges Lächeln zu und zog sich gleich darauf wieder zurück. Den Straßenmaler bedachte er lediglich mit einem kurzen Nicken.

„Also dann …“ Unschlüssig, was er noch weiter sagen sollte, stand David auf, griff beinahe automatisch nach dem unberührten Zuckerpäckchen auf seiner Untertasse, und wandte sich dann mit der Aktentasche in der Hand zum Gehen.

„Kommen Sie gut nach Hause. Bis demnächst im Atelier.“

David hatte noch eine Zeit lang den Gesichtsausdruck des Malers im Kopf, wie der ihn zuletzt angestarrt hatte. Als wäre er sich sicher, dass David zu ihm kommen würde. Erst als David schon ein paar Kreuzungen weit gegangen war, fiel ihm auf, dass der Maler seine Künstlerutensilien gar nicht bei sich gehabt hatte.

Abgründig

2 Kommentare zu „Abgründig 8

  1. Das ist schon sehr atmosphärisch und man fühlt sich in einer seltsamen befremdlichen Situation als Leser, aus der man durch Weiterlesen rauskomman möchte. Alptraumartig und ein wenig kafkaesk, dieser Maler, der sich nicht abschütteln lässt und etwas Unheimliches und Bedrohliches mitbringt wie das Böse, das abstößt und doch immer wieder in seinen Bann zieht, obwohl man noch gar nicht in seine wahre Seele geblickt hat. Überall Spuren gelegt, die zum Weiterdenken anregen, aber nirgends der Ausgang, nirgendwo die Tür, das Geschehen zu verlassen. Psychologischer Grusel bisher, besonders für Vorgebildete in Sachen Grusel. Die Bilder des Malers lassen ahnen und ich denke an so alte Geschichten wie „Das Wachsfigurenkabinett“ oder so Sachen mit Vincent Price .. Du schreibst in einfachen Worten, aber auf hoher seelischer Ebene .. LG PP

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