Der darauffolgende Tag war ein Samstag, Wochenende, was hieß, dass nun zwei freie Tage vor ihm lagen. Nachdem David aufgestanden war, bemerkte er, dass es immer noch leicht nieselte. Dennoch riss er zuerst das Schlafzimmerfenster, dann das Küchenfenster weit auf. Ein kühler Luftzug fuhr durch seine kleine Wohnung. Er schaltete die Kaffeemaschine an und suchte etwas zu essen. Während er ein paar Brotreste und Marmelade auf den Esstisch stellte, fiel sein Blick auf die Zeitung, die er sich Tags zuvor gekauft hatte. Bislang hatte er nur den einen Artikel gelesen.

Während er an seiner frischgebrühten Tasse Kaffee schlürfte und ein paar Scheiben Toastbrot mit Marmelade schmierte, blätterte er durch die gestrige Zeitung. Außer den Überschriften schaute er sich jedoch nichts weiter an. Nur den Bericht über die verschwundenen Leute auf der ersten Seite studierte er gründlich, las ihn einmal, und noch einmal. Die Studentin war die fünfte vermisste Person innerhalb der letzten drei Monate, vor ihr waren bereits zwei weitere Frauen und zwei junge Männer, alle im Alter von Anfang zwanzig, wie vom Erdboden verschluckt. Hinweise auf ein Verbrechen gab es genau so wenig wie eine vernünftige Erklärung, dass die Vermissten freiwillig die Stadt und ihre Bekannten verlassen hatten. Da sich die Fälle jedoch häuften, wurde ein Verschwinden aus freien Stücken immer unwahrscheinlicher. Die Polizei arbeitete auf Hochtouren, suchte nach Zeugen, Anhaltspunkten aus der Bevölkerung und versuchte, die letzten Stunden der Verschollenen so gut wie möglich zu rekonstruieren.

David blinzelte. Es war interessant zu sehen, was alles unternommen wurde, um ein paar wenige Menschen, die von ein paar anderen wenigen Menschen vermisst wurden, wieder zu finden. Und wie wenig sich der ganze Rest darum kümmerte, für den das Leben weiterging wie bisher.

Nachdem er fertig gefrühstückt hatte, stand er auf, räumte das Geschirr in die Spüle und machte sich zum Ausgehen bereit. Samstags ging er immer einkaufen, in dem kleinen Supermarkt einige Straßenecken weiter. Bevor er die Wohnung verließ, schloss er noch die beiden Fenster in Schlafzimmer und Küche, inspizierte seinen Vorratsschrank ein letztes Mal und warf einen Blick auf die Uhr. Er hatte noch genügend Zeit, ehe ihn seine Mutter besuchen kam. Es war das erste Wochenende im Monat.

Es regnete nicht mehr, stellte er fest, als er einen Fuß auf den Gehweg setzte und sich kurz umschaute. Einige Nachbarn nutzten die Gunst der Stunde und führten ihre Hunde aus, sonst war nicht viel los. David schlenderte durch die Straßen, atmete die feuchte, kühle Luft ein. In Momenten wie diesen war sein Leben erträglich. Er hatte sich überlegt, sich ebenfalls einen Hund zuzulegen, war aber zu der Meinung gekommen, dass er zu selten zu Hause war, um sich ein Tier guten Gewissens anschaffen zu können. Trotzdem, würde jemand auf ihn warten, dann kehrte er vielleicht gerne nach Hause zurück.

In dem kleinen Supermarkt angekommen kaufte er seine paar Artikel. Die Verkäuferin schien ihn offenbar zu kennen, denn sie begrüßte ihn ganz besonders und sprach ihn auf etwas an, das seine Einkäufe betraf. Dass er schon letztes Mal eine Dose Tomaten und diese Sorte Käse gekauft hatte. Sie schien das amüsant zu finden, doch David runzelte nur die Stirn und bezahlte stumm.

Am frühen Nachmittag kam dann seine Mutter zu Besuch, wie jedes erste Wochenende im Monat. Er konnte sie nicht davon abhalten, nach ihm zu sehen. Sie hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, besonders, seit sie sich von seinem Vater getrennt hatte. Die Beklemmung, die bei diesen Besuchen in der Luft lag, schien nur er wahrzunehmen. Er wusste einfach nicht, worüber er mit ihr sprechen sollte.

Als es klingelte, ließ er sie eintreten und stand wortlos neben der offenen Tür, als sie sich hereindrängte. Sie drückte ihn kurz zur Begrüßung, rauschte weiter in seine kleine Küche, inspizierte die Schränke, schaute in Wohn- und Schlafzimmer. Und die ganze Zeit über plapperte sie, erzählte Geschichten über irgendwelche Leute, von denen sie wohl annahm, dass er sie kannte. Und zwischendrin fielen Sätze wie: „Es ist so ungemütlich hier, hier kann man sich doch nicht wohlfühlen.“ Oder: „Du ernährst dich nicht richtig. Meinst du nicht, du kannst eine andere Arbeit finden? Eine, die mehr deinen Fähigkeiten entspricht?“ Es war ermüdend, doch er ließ sich nichts anmerken. Und dann packte sie eine Plastikschüssel mit vorgekochtem Essen aus. „Das gab es heute Mittag, Rouladen. Ich hab extra eine mehr gemacht, weil ich ja gewusst habe, dass ich dich heute besuche. Ich stell sie in den Kühlschrank, ja? Iss sie gleich morgen.“

David wollte raus. Seine Wohnung war zu klein für die Anwesenheit seiner Mutter. Sie nahm alles ein, sodass ihm nicht einmal mehr der kleinste Fleck blieb.

Abgründig

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