Am folgenden Tag regnete es. Nachdem es in der Nacht zuvor bereits deutlich abgekühlt hatte, war David nicht ohne seinen Regenschirm zur Arbeit gegangen. Nach Feierabend hastete er, die Aktentasche unter den einen Arm geklemmt und den Schirm in der anderen, am Brunnen vorbei über das rutschige Kopfsteinpflaster. Vor der Tür zu seinem Stammcafé hielt er inne und blickte mit ausdrucksloser Miene durch die große Glasscheibe nach innen. Beinahe alle Plätze waren besetzt und es herrschte ein geschäftiges Treiben in dem engen Raum, ganz im Gegensatz zu den wie leer gefegten Straßen, durch die er gerade geeilt war. Er klappte seinen Schirm zusammen, schüttelte, so gut es ging, die Regentropfen davon ab, und stand unschlüssig unter der Markise vor dem Eingang des Cafés. Ob er sich wohl etwas anderes suchen sollte, wo es nicht ganz so voll war? Aber jetzt durch den Regen zu wandern erschien ihm nicht besonders erfreulich. Ihm war kalt und Nässe kroch bereits seine Hosenbeine hinauf.

„Bescheidenes Wetter, was?” Jemand sprach ihn von der Seite an.

David runzelte die Stirn und murmelte: „Könnte schlimmer sein.”

Offenbar hatte ihn der Unbekannte dennoch verstanden, denn er erwiderte amüsiert: „Wohl wahr, trotzdem hatte ich einige Mühe, meine Sachen vor dem plötzlichen Wolkenbruch ins Trockene zu retten.”

David wandte sich nun doch um. Er erblickte eine Staffelei, einen Stapel Blöcke und Leinwände unterschiedlicher Größe sowie eine alte, abgenutzte Ledertasche neben dem Mann, der auf einem der Stühle vor dem Café saß, wo es dank der Markise noch einigermaßen trocken geblieben war. Er erkannte in dem Fremden den Künstler, der gestern noch auf dem Platz neben dem Brunnen Passanten porträtiert hatte.

„Setzen Sie sich doch hierher, wenn es Ihnen drinnen zu voll ist. Der Regen sollte bald nachlassen.”

David trat einen Schritt zurück, überlegte für einen Moment ernsthaft, sich hier ins Freie zu setzen um seiner Wohnung noch eine Weile fern bleiben zu können, aber dieser fremde Mann hatte etwas Aufdringliches an sich, das ihn irritierte und mit dem er nicht umgehen konnte. Ganz abgesehen davon wollte er sich aufwärmen. „Danke, nein”, winkte er deshalb ab und bemühte sich, mit einer Hand den Schirm wieder aufzuspannen.

„Sie wollen doch jetzt nicht schon nach Hause? Gerade hätte ich Zeit, wie Sie sehen. Soll ich ein Bild von Ihnen malen?”

David stockte, hielt unbewusst die Luft an und kniff die Augen zusammen. „Warum?”, fragte er leise. Ihm war nicht entgangen, dass der Maler seine Lage offenbar durchschaut hatte. Oder war das bloß Zufall? Es war schließlich später Nachmittag und sein Erscheinungsbild – Anzug und Aktentasche – konnten den Schluss, dass er auf dem Nachhauseweg von der Arbeit war, zulassen. Doch derartige Unsicherheiten waren ihm zuwider und er wollte ihnen schnell den Rücken kehren.

Der Fremde zuckte mit den Schultern. „Ach, mir ist langweilig. Und Sie haben ein interessantes Gesicht.” Er grinste David herausfordernd an. „Wenn Ihnen das Bild nicht gefallen sollte, müssen Sie es nicht nehmen. Was sagen Sie?”

Gefallen sollte. Der Unbekannte gab bereits vor, wie er sich zu verhalten hatte. David spannte seinen Schirm auf. „Das wäre Verschwendung. Was soll ich mit einem Bild von mir?”

Der andere seufzte. „Ein Jammer, wirklich. Ich hätte es gern behalten.”

Von dieser letzten Bemerkung etwas durcheinandergebracht, fügte David noch hinzu: „Außerdem ist das wohl kaum eine passende Gelegenheit. Sobald Wind aufkommt, wird auch hier alles nass sein. Dann sind Ihre Leinwände ruiniert.”

„Sie meinen, der Regen hört doch nicht so bald wieder auf?” Der Fremde verzog das Gesicht. „Dann finde ich heute wohl keine Kunden mehr. Aber was halten Sie davon, mich bei passender Gelegenheit in meinem Atelier zu besuchen? Es wäre mir wirklich eine Freude, Sie zu porträtieren. Wenn das Licht stimmt und Sie gut drauf sind …” Er ließ den Satz in der Luft hängen und musterte Davids Gesicht eindringlich.

Obwohl der Platz so gut wie verlassen war, kam David sich mehr und mehr eingeengt vor. Er hatte sich nicht getäuscht, was die Aufdringlichkeit dieses Menschen betraf. Es war ihm unangenehm und er hatte das dringende Bedürfnis, seine Krawatte zu lockern, die ihm mit einem Mal zu eng gebunden erschien. Er machte noch einen Schritt zurück, sodass erste Regentropfen auf den Stoff seines Schirms fielen und murmelte: „Vielleicht. Ein anderes Mal. Auf wiedersehen.” Er entfernte sich eilig und hörte den Maler über das Prasseln des Regens hinweg leise etwas erwidern:

„Bestimmt.”

Zwei Straßen weiter wurde er langsamer. Zum Glück war diesem seltsamen Künstler nicht noch eingefallen ihm mitzuteilen, wo sich sein Atelier befand. Nichtsdestotrotz wusste David noch immer nicht, wohin er nun gehen sollte. Er kam an einigen anderen Lokalen vorbei, doch sobald er einen Blick durch die Fenster ins Innere warf, wurde ihm unwohl zumute und er ging vorüber. Die unbekannte Einrichtung vermittelte eine befremdliche Atmosphäre Das Prasseln der Regentropfen wurde nicht weniger, während er sich weiter durch den Regen kämpfte und das Gefühl nicht loswurde, dass ihn jemand beobachtete. Irgendwann blieb er stehen und schaute sich aufmerksam um. Er konnte nichts Verdächtiges entdecken, doch er hatte unbemerkt einen anderen Weg als sonst eingeschlagen. Aber wenn er sich nicht täuschte, war er nur eine Querstraße von seinem Nachhauseweg und dem kleinen Kiosk, den er bislang links liegen gelassen hatte, entfernt. Er griff schon einmal nach seinem Geldbeutel und überprüfte sein Kleingeld.

Der Kiosk befand sich an der Kreuzung mit der Ampel, die über die dicht befahrene Straße in sein Wohnviertel führte. David begutachtete die ausgestellten Zeitungen und Magazine. Schlagzeilen mit Themen aus Politik, Sport, allem voran Fußball, und Wirtschaft prangten auf den ersten Seiten. Eine Lokalzeitung titelte: „Studentin vermisst. Fortsetzung der Serie?“

David runzelte die Stirn, überflog den fettgedruckten Vorspann. Offenbar hatte es in den vergangenen Wochen einige Vermisstenfälle in der Stadt gegeben, junge Leute, die von einem zum anderen Tag einfach so verschwunden waren. Da er weder Computer, Fernsehen noch Radio hatte, waren ihm diese Nachrichten neu. Nein, das war so nicht richtig. Er besaß durchaus ein Radio, schaltete es aber nie ein. Es stand stumm auf dem Fensterbrett in der Küche neben dem Esstisch.

Jemand drängelte sich an David und dem Zeitungsständer vorbei hin zu dem Fenster mit dem Kassierer. David machte einen Schritt zurück, trat dabei in eine Pfütze und warf dem ungestümen Kunden einen missbilligenden Blick zu. Zigaretten und eine Getränkedose wanderten über den Tresen. Dann hastete der Fremde, der seinen Kopf unter einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze versteckt hielt, weiter. David ging wieder zu dem Gestell mit den Zeitungen, nahm eine Ausgabe der Lokalzeitung heraus und legte dem Mann im Kiosk wortlos das Geld passend hin. Die Zeitung faltete er einmal zusammen und steckte sie unter sein Jackett, dann überquerte er die Straße und kehrte nach Hause zurück. Sein rechter Schuh verursachte bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch.

Abgründig

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