Abgründig 23

„He, Sie! Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Irgendjemand sprach ihn an.

„Alles klar? Soll ich einen Notarzt …?“

David schüttelte unwillkürlich den Kopf.

„Geht’s Ihnen gut?“ Eine Hand berührte seine Schulter und David blinzelte. Das war doch der Kellner aus dem Café, oder? Diese beruhigende Stimme mit dem besorgten Unterton. David rang sich ein Lächeln ab und wollte sich in die Höhe stemmen.

„Es geht schon“, versuchte er in möglichst unbeschwertem Tonfall die Besorgnis des anderen abzuwehren. „Nur ein kleiner … Ich hatte wohl zu wenig getrunken den Tag über.“ David blickte nun endlich der Person ins Gesicht und stellte gleich fest, dass es doch nicht der Kellner war. Da hatte ihm sein Kopf einen Streich gespielt. Der ältere Mann sah dem Kellner aus dem Café noch nicht einmal ähnlich. Was für ein dummer Gedanke.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“

„Ja, sicher. Es geht schon wieder. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ David wollte nicht unhöflich sein, aber er musste allein sein. Er schaute sich verstohlen um, ob noch jemand der Museumsgäste ihn irgendwie beachtete. Das wäre das Letzte, was er wollte. Doch sie waren tatsächlich nur zu zweit in dem großen Raum. Selbst vom Museumspersonal war niemand zu sehen.

David vergewisserte sich, dass er keine seiner Unterlagen fallen gelassen hatte, dann verabschiedete er sich hastig von dem Helfer und verließ die Ausstellung. Der Himmel über der Stadt leuchtete bei Nacht in einem sanften, dunklen Violettton. Wegen der umgebenden Straßenlaternen konnte David gerade keine Sterne ausmachen, als er nach oben blickte. Ob Sterne oder nicht, was sollte er nun tun? Was mit seinem Wissen anfangen? Es war nicht richtig, es war ein Verbrechen, und dennoch … David hatte keine Angst vor Gabriel. Er mochte ihn. Er musste noch nicht einmal darüber nachdenken um sagen zu können, dass Gabriel der bislang erste Mensch war, von dem er das behaupten konnte. Gabriel war ganz offensichtlich nicht richtig im Kopf, aber er selbst war ja ebenfalls krank; da brauchte er sich nichts schönreden. Und es war verdammt noch mal nicht ihre Schuld, dass es so war. Weder Gabriel noch er hatten sich das ausgesucht.

David dachte aber auch an das Mädchen. Wenn Gabriel sie tatsächlich malte, nachdem sie verschwunden war, dann musste er sie irgendwo gefangen halten. Oder gefangen gehalten haben. Das Mädchen war wie David. Sie war er. Dieser Gedanke jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

Auch wenn David nicht wusste, was Gabriel mit ihr machte, so war er sich doch sicher, dass sie nichts sehnlicher wollte, als da raus zu kommen, wo auch immer sie war. Wenn sie noch am Leben war. Aufgetaucht war sie bislang nicht, das hätten die Medien bestimmt berichtet. Also war sie entweder noch gefangen oder tot. Ob die anderen vier wohl tot waren?

Davids Kopf pochte. Das war zu viel. Einfach zu viel. Doch er musste etwas tun.

Das Mädchen war er. Das Mädchen war aber auch Gabriel. Der Maler schien das vergessen zu haben. Er musste etwas tun.

Abgründig

Ein Kommentar zu „Abgründig 23

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.