Abgründig 22

An diesem Abend war im Ausstellungsraum viel weniger los als das letzte Mal, als er mit seiner Abteilung hier gewesen war. Kein Wunder. Es gab ja auch nichts zu trinken.

Ein Glück lief die Ausstellung noch, ansonsten wäre es schwieriger gewesen, die Bilder noch einmal zu sehen. Gut, er hätte Gabriel nach ihnen fragen können, aber dann wären nur wieder unangenehme Fragen im Raum gestanden. So war es deutlich einfacher.

Davids Weg führte ihn zielstrebig zu den Porträtserien von Gabriel, die in der Ausstellung präsentiert wurden. Da waren die Bilder, die einen jungen Mann zeigten und die ihm bei seinem letzten Besuch schon aufgefallen waren. Außerdem waren da noch zwei Frauen, die ebenfalls jeweils auf mehreren Bildern verewigt waren. Die eine hatte langes, fließendes Haar, das ihr Gesicht wie ein seidiger Schleier umrahmte. Der Schrecken, den sie auf einem Bild zeigte, passte so gar nicht zu ihrer eleganten Erscheinung, wohl aber der aufreizende Blick auf einem weiteren Bild, der den Betrachter unweigerlich in seinen Bann zog. Sie hatte schöne Augen.

In Davids Brust bildete sich ein Kloß und sein Herzschlag beschleunigte sich, doch er wollte sich zuerst noch die dritte Person auf den Bildern ansehen, wollte den Moment der Gewissheit hinauszögern. Die Frau, die in der dritten Porträtserie abgebildet war, hatte Sommersprossen, eine markante Nase und volle Lippen. Ihr kurzer Haarschnitt ließ sie sportlich wirken, und auf der Mehrheit der Bilder sprang David ihre Energie förmlich entgegen. Nur auf dem letzten starrte sie den Betrachter mit solcher Resignation an, dass David gar nicht anders konnte, als selbst in ähnlich niedergeschlagener Stimmung langsam die Mappe, in die er die ausgedruckten Papiere gesteckt hatte, unter seinem Mantel hervorzuziehen.

Lange Zeit starrte er den grauen Karton an, der ganz leicht in seiner Hand zitterte. Die übrigen Ausstellungsbesucher nahm er überhaupt nicht wahr. In diesem Moment war er in seiner Realität der einzige Besucher. Die Zeit schien stillzustehen, als er die Mappe öffnete und die Ausdrucke hervorholte.

Er senkte den Blick und schaute auf das Foto, das zuoberst lag. Es war die Frau mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt, die ihm entgegenblickte. Den zugehörigen Zeitungsartikel, den er ebenfalls im Internet herausgesucht hatte, musste er nicht noch einmal lesen um sagen zu können, dass dies die dritte verschwundene Person war, die der Vermisstenserie zugeschrieben wurde. Dabei war es nicht einmal das Aussehen, das im Gemälde kopiert war. Haarschnitte und Frisuren konnten sich ändern, genau wie die Kleidung. Es war vielmehr das Gesicht und dessen Ausdruck, die Ausstrahlung der Frau, was es für David eindeutig machte.

Davids Körper war auf einmal taub, sein Kopf wie leergefegt. Ohne Gefühl in Händen und Fingern legte er umständlich das nächste Blatt seiner Ausdrucke obenauf. Eigentlich war das unnötig, denn sein Gefühl sagte ihm, dass er auch die anderen beiden Porträtierten unter den Vermissten finden würde. Doch selbst wenn er sich darin täuschen sollte, so waren allein schon zwei Personen mehr als ein blöder Zufall. Das Mädchen auf dem unfertigen Bild bei Gabriel im Atelier und die Frau mit Kurzhaarschnitt hier in der Ausstellung – beide verschwunden und beide von Gabriel porträtiert.

Die andere Frau, die mit den fließenden, langen Haaren, die beinahe wie ein Model aussah, war die zweite Person der Vermisstenserie. Die Ähnlichkeit war wieder nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber da David nun ungefähr wusste, worauf er zu achten hatte, oder besser, worauf Gabriel in seinen Bildern Wert legte, war alles klar. Den Mann, dessen Gesicht ihm von den Gemälden entgegenblickte, identifizierte David als die vierte vermisste Person. Von der fünften Vermissten befand sich ein Bild ja bei Gabriel zu Hause. Lediglich von der ersten Person, ebenfalls einem jungen Mann, fand David nichts. Doch das war egal. Selbst wenn es von behördlicher Seite bislang noch nicht einmal sicher war, dass es sich um ein Serienverbrechen handelte, so hatte zumindest David darüber nun Gewissheit. Und obwohl er, seit ihm das mit dem Mädchen auf der Zeitung und dem Bild bei Gabriel aufgefallen war, so ein dumpfes Gefühl im Kopf gehabt hatte, traf ihn die sichere Erkenntnis nun doch wie ein Vorschlaghammer. Dabei war es nicht einmal Wut oder Angst, die er spürte, es war etwas anderes. Trauer vielleicht, Resignation, oder Bedauern. Was es auch war, das er nicht benennen konnte, es raubte ihm den Atem. Schweiß brach auf seiner Stirn aus und er schnappte nach Luft. Eine Erinnerung bahnte sich ihren Weg nach oben und überfiel ihn dermaßen rücksichtslos, dass seine Beine nachgaben und er zu Boden sank.

><

Der Junge mit den schwarzen Haaren saß neben ihm auf der Matratze, Haarsträhnen quer übers Gesicht geklebt. Er selbst sah wahrscheinlich nicht besser aus. Wie lange waren sie schon hier?

Er wollte etwas sagen, wusste aber nicht was. Nichts was er sagte, änderte etwas an ihrer Situation. Außerdem war er sich nicht einmal sicher, dass seine Stimme ihm gehorchen würde.

„Guck nicht so.“ Der andere hatte seinen Blick offenbar bemerkt. Er zuckte zusammen.

„Wie denn?“, fragte er leise.

„Na so. So wehleidig.“

„Tut mir leid.“ Er blickte zu Boden und kämpfte gegen die plötzlich aufwallenden Tränen an. Warum musste er auf einmal weinen? Er wollte das doch gar nicht, vor allem nicht vor dem anderen Jungen. Er biss die Zähne aufeinander und versuchte alles, um die aufsteigenden Tränen niederzukämpfen. Ein Seufzen ertönte neben ihm und klang in dem düsteren, kahlen Raum viel lauter, als es eigentlich war. Danach blieb es einige Zeit ruhig. Wie lange das tatsächlich war, konnte er nicht sagen, doch als ein vertrautes Klappern ertönte, schreckte er auf. Er musste eingedöst sein. Das Klappern wurde lauter und dann zischte der andere Junge, der noch immer neben ihm saß, auf einmal etwas völlig Unerwartetes. „Pass auf!“

Er verstand nicht, worauf sollte er aufpassen? Doch bevor er nachfragen konnte, drehte sich der Schlüssel im Schloss und die Tür schwang auf. War es zuvor ruhig gewesen, so herrschte nun eine Totenstille im Raum, zumindest für kurze Zeit. Der Fettsack begann mit schleimiger Stimme zu sprechen.

„Wie geht’s meinen beiden Hübschen denn so? Wenn ihr brav seid, gibt’s nachher auch etwas zum Abendessen. Zuvor aber …“ Der Mann kam auf sie zu, langsam, mit schlurfenden Schritten und einem speckigen Grinsen im Gesicht. Er wollte das nicht sehen, schloss die Augen und spürte gleich darauf eine Hand auf seinem Kopf, über sein Haar streichen. Es war die Hand des Mannes, das merkte er, genau so, wie er mehr als deutlich das schwere Schnaufen hörte.

Er hatte Hunger, richtigen Hunger, auch wenn er das bohrende Gefühl in seinem Magen bisher ignoriert hatte. Doch auch mit der Aussicht auf etwas zu essen zuckte er unter der Berührung zusammen und machte sich ganz klein. Die Abscheu war einfach zu groß. Dann hörte er neben dem Schnaufen über sich ein plötzliches, leises Knurren von der Seite.

„Jetzt!“

So schnell, dass er es gar nicht sehen, geschweige denn begreifen konnte, war der andere Junge aufgesprungen und hatte sich mit aller Wuchte, die er mit seinem dünnen Körper aufbringen konnte, gegen den Mann geworfen.

„Los, hau ab!“

Der Mann hatte die Tür nicht abgesperrt, sondern sie nur zugeschoben.

Er wusste, was der andere Junge von ihm wollte. Abhauen. Das war etwas, das er sich die ganze Zeit über gewünscht hatte. Er brauchte dennoch mehrere Augenblicke, ehe er auf die Füße kam. Wacklig lief er zur Tür und hatte dabei den Gedanken, dass der schwarzhaarige Junge für den Fettsack doch kein Problem war.

Er kam bei der Tür an, zog an der Klinke und drehte sich im selben Moment noch einmal um. Mit aller Gewalt krallte sich der andere Junge an dem Mann fest, versuchte ihn aufzuhalten. Doch es war aussichtslos. Gerade bekam der schwarzhaarige Junge einen Schlag auf den Kopf, stöhnte auf und wäre fast zu Boden gegangen.

So konnte er den anderen doch nicht zurücklassen. Nein! Er machte wieder einen Schritt zurück. Er musste etwas tun, irgendetwas. Der Fettsack war so wütend, das würde niemals gut ausgehen für den anderen. Aber …

Der andere Junge blitzte ihn wütend an, während er an den Haaren von dem Fettsack in die Höhe gezogen wurde. „Hau ab, verschwinde! Sonst …“ Der andere Junge bekam einen Schlag ins Gesicht. Der Fettsack tobte und holte bereits wieder mit seiner Hand aus.

Mit einem merkwürdigen Gefühl wandte er sich um und schlüpfte durch die Tür nach draußen. Er war tatsächlich aus dem Raum! Doch schon hörte er das wütende Geschrei des Fettsacks hinter sich, einen dumpfen Aufprall und dann Schritte, die näher stürmten. Er hatte keine Ahnung, wo er war oder wo er hin sollte, aber er hatte jetzt verstanden, was der andere Junge von ihm wollte. Er musste Hilfe holen. Selbst hätte er den Fettsack keine Sekunde aufhalten können, also hatte der andere das übernommen. Nun war es an ihm, sich um den Rest zu kümmern.

Abgründig

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