Nach seinem Besuch gestern bei Gabriel war David sich sicher, dass das die gleiche Person war. Die verschwundene junge Frau und die Frau auf dem Portrait. Aber was hatte das nun zu bedeuten?  

Er konnte sich das noch so oft fragen und doch keine Antwort darauf finden. Er musste etwas tun. Nur was? 

David starrte auf die Akten, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen; die musste er heute noch abarbeiten – eigentlich. Wenn er sich an seinen Wochenplan hielt. Wenn er sich nicht daran hielt, bekam das jedoch nur er mit und niemand sonst. Er schielte zu dem Computer hinüber. Es war verboten, den PC für Angelegenheiten zu verwenden, die nichts mit der Arbeit zu tun hatten. So stand es in seinem Vertrag. Bislang hatte er sich an diese Regel immer gehalten, womit er vermutlich der einzige Mitarbeiter in der gesamten Abteilung war. Er lehnte sich zurück, strich sich mit den Fingern durch die Haare und rollte dann kurzerhand den halben Meter mit seinem Bürostuhl zum Computer. Der war auf Stand-by und es dauerte einen kurzen Moment, ehe der Bildschirm den vertrauten Desktop zeigte. David fühlte sich erstaunlich entspannt, als er auf das Symbol des Internetbrowsers klickte und das Suchfeld erschien. Jetzt hatte also auch er den Pfad des rechtschaffenen Angestellten verlassen. Er wusste, wie überzogen das klang, dennoch schossen ihm diese Gedanken wie von selbst durch den Kopf. 

Er tippte seine Suchanfrage in das entsprechende Feld und es dauerte keine Sekunde, bis eine lange Liste an Ergebnissen mit vermeintlichen Antworten erschien. Er blätterte durch die Resultate und fand relativ schnell die Informationen, nach denen er suchte. So schwierig war das jetzt nun nicht gewesen. David starrte auf den Bildschirm und versuchte sich zu erinnern, doch er musste sich eingestehen, dass das einfacher gewollt als getan war. Er biss sich auf die Unterlippe und ließ sie langsam unter den Zähnen wieder nach vorne gleiten. Was also tun? Er kannte die Lösung, doch sie behagte ihm nicht unbedingt. Trotzdem hatte er wohl kaum eine andere Wahl, wollte er der Sache nachgehen. Er würde es schon überstehen, aber erst nach Feierabend. Die Mittagspause reichte für sein Vorhaben nicht aus. Außerdem wäre es bestimmt nicht verkehrt, wenn er sich noch etwas vorbereitete, schließlich wollte er ja sichergehen.  

Geschwind stemmte er sich aus seinem Stuhl hoch, ging um den Schreibtisch herum und spähte auf den Gang vor seinem Büro. Im Moment war niemand zu sehen, also schnell zum Computer zurück und die paar Seiten gedruckt, die er herausgesucht hatte. Er wartete direkt neben dem Drucker, bis dieser alles ausgespuckt hatte.  

Eine Tür klapperte und das genügte schon, um Davids Pulsschlag zu beschleunigen, denn der Drucker war noch nicht fertig. Herr Grubinek betrat den Gang und kam auf ihn zu. Hoffentlich hatte der Kollege nicht auch etwas gedruckt und wollte nun den Stapel durchsehen um seine Drucke herauszusuchen.  

„Guten Morgen, Herr Keller.“ Das Lächeln, das Herr Grubinek aufgesetzt hatte, war geschäftsmäßig. Er verlangsamte seinen Schritt. 

„Guten Morgen.“ Der Drucker musste doch nun alles fertig haben, oder? David spähte auf den Stapel hinunter, doch die Blätter kamen natürlich verkehrt herum heraus. 

„Haben Sie Frau Meier gesehen?“ Herr Grubinek blieb genau neben David stehen.  

David hätte am liebsten einfach die Drucke an sich gerissen und wäre in sein Büro zurückgestürmt, doch natürlich konnte er das nicht einfach machen. Der Mitarbeiter, der etwa fünfzehn Jahre älter als David war, blickte ihn fragend an.  

„Nun …“ Was hatte Herr Grubinek nochmal wissen wollen? David konnte gar nicht mehr klar denken. Der Drucker spuckte das letzte Blatt aus und wurde dann still. „Frau Meier?“ David konzentrierte sich auf seine Füße, die fest auf dem Boden standen – so konnte er in der Regel das Schwindelgefühl, das ihn in Panikmomenten ergriff, einigermaßen zurückdrängen. Seine Stimme klang etwas gepresst, doch das würde Herrn Grubinek vermutlich nicht auffallen. Sie unterhielten sich nicht oft miteinander. „Tut mir leid, die habe ich nicht gesehen.“ 

„Ach, na dann“, wandte sich Herr Grubinek wieder um. „Schönen Tag noch.“ 

„Ihnen ebenfalls.“  

David blieb noch für ein paar Sekunden wie versteinert stehen. Als Herr Grubinek längst außer Sichtweite war, griff er sich die ausgedruckten Blätter und kehrte mit leichten Kopfschmerzen in sein Büro zurück.

Abgründig

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