Es war ein warmer Frühlingstag, der Himmel fast wolkenlos mit einer lauen Brise in der Luft, die daran erinnerte, dass der Sommer erst noch bevor stand. Je näher der Feierabend rückte, desto mehr Menschen tummelten sich gut gelaunt und ausgelassen auf den Straßen der Innenstadt. Tauben tappten gurrend auf dem Kopfsteinpflaster zwischen den Füßen der Leute, flatterten von Zeit zu Zeit empört auf, wenn ihnen jemand zu nahe kam, während Spatzen wagemutig unter den Tischen und Stühlen der Cafés auf der Suche nach fallen gelassenen Essensresten umher hüpften.

„Was darf ich Ihnen bringen?” Unaufdringlich trat der Kellner an das Tischchen im Freien und wartete routiniert auf die Bestellung. Noch war in dem kleinen Café nicht allzu viel los.

„Einen Espresso, bitte.”

„Sehr gerne.”

Irgendwo spielte ein Akkordeon, dessen Töne von den umliegenden Schaufensterscheiben zurück geworfen wurden und so einen kompletten Straßenzug unterhielt. In spätestens einer halben Stunde würde der Spieler seinen Standort wechseln müssen. Neben dem Brunnen auf dem kleinen Platz, an dessen Rand auch das Café lag, hatte ein Maler seine Staffelei aufgebaut und porträtierte offenbar Passanten, die ihm ihr Bild, wenn es ihnen gefiel, abkaufen konnten. Ein schwarzer Hund sprang aufgeregt bellend über das Pflaster und machte sich einen Spaß daraus, die Vögel aufzuscheuchen.

Es klapperte leise, als der Kellner ein kleines Tablett mit einer dampfenden Tasse Kaffee, einem Keks, einem Päckchen Zucker und einem Glas Wasser auf dem Tisch abstellte. „Bitteschön.”

„Danke.” David lächelte dem Angestellten höflich zu, strich sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn und wandte sich wieder zu dem Leben auf der Straße um. Es war jetzt kurz nach fünf, wie ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr zeigte. Vor halb sieben wollte er sich nicht in seine Wohnung aufmachen. Er griff nach der kleinen Tasse und nahm einen Schluck des heißen Getränks, das heute etwas dünner als sonst war.

Nach und nach füllte sich das Café mit Gästen, doch obwohl er seine Aktentasche neben sich auf den Boden stellte, blieben die anderen Stühle um seinen Tisch stets frei. In dem Straßencafé gab es nur die eine Größe an runden Tischen, an denen vier Leute bequem Platz fanden.

Eine Gruppe Schüler zog lachend vorüber. Hatten sie wirklich so lange Schule gehabt? David trank einen weiteren Schluck Espresso. Damit war die Tasse leer. Er schloss die Augen und schmeckte dem Bitteren des Kaffees nach. Wie gut es doch tat, dazu noch die frische Luft dieses lauen Abends einzuatmen, besonders, nachdem er den gesamten Tag in seinem engen Büro verbracht hatte, das selbst mit geöffnetem Fenster nicht gemütlicher wurde.

David griff nach dem beigelegten Keks und wickelte ihn vorsichtig aus dem Plastik. Er mochte diese Karamellplätzchen, was mit ein Grund war, weshalb sein Weg ihn nach der Arbeit oft in dieses Café führte. Der Umweg, den er dafür in Kauf nehmen musste, war auch nicht besonders groß. Außerdem ließ man ihn hier bereitwillig sitzen, selbst wenn er nichts mehr nachbestellte. Nachdem er sich nun die restlichen Keksbrösel mit dem Glas Wasser von den Zähnen gespült hatte, kam der Kellner, räumte ab und erkundigte sich wie üblich nach weiteren Wünschen. Als David dankend ablehnte, huschte dem Angestellten des Cafés doch glatt ein Lächeln übers Gesicht.

„Ich möchte bitte zahlen.”

„Gerne.”

„Ach, und könnte ich hier noch etwas sitzenbleiben?”

„Selbstverständlich.” Der Kellner kassierte und ließ ihn dann für die restliche Zeit in Ruhe. Ungefähr eine Stunde später, zwischen halb sieben und sieben, als es noch hell genug war um nicht in totaler Finsternis zu Hause anzukommen, griff David nach seiner Aktentasche und machte sich auf den Weg.

„Auf Wiedersehen.”, verabschiedete er sich von dem Kellner, der gerade am Nebentisch bediente, und wandte sich zum Gehen.

„Einen schönen Abend”, kam es zurück und David drehte sich noch einmal um. Der Kellner nickte ihm freundliche zu, lächelte sogar kurz, was in David unwillkürlich ein Gefühl der Vertrautheit auslöste. Irritiert erwiderte er die kurze Geste, ehe er sich endgültig auf den Heimweg begab. Selten führte er solch ungezwungene Unterhaltungen oder gar ein persönliches Gespräch, meist war seine Kommunikation auf die Arbeit beschränkt.

Davids Schuhe machten bei jedem Schritt auf dem Asphalt ein leises Geräusch, dem er, den Blick leicht nach unten gerichtet, gedankenversunken lauschte. Die Straßenlaternen waren inzwischen angegangen, auch wenn der Himmel noch einen leichten Orangeton aufwies, vor dem sich die Häuser der Siedlung, in der er wohnte, dunkel und scharfkantig abhoben. Die Ampel an der Straße, die er noch überqueren musste, zeigte rot. Es waren hier grundsätzlich zu jeder Tageszeit Autos unterwegs, weswegen er nicht der Einzige war, der sich an die Verkehrsregeln hielt und wartete, bis das grün leuchtende Männchen die Fußgänger zum Gehen aufforderte. Noch ein kurzer Fußmarsch durch das Labyrinth der Häuserschluchten, und er gelangte durch die alte Haustüre in das muffige Treppenhaus, dessen Geruch ihm stets Unbehagen bereitete. Zügig stieg er die Stufen zu seiner Wohnung empor, sperrte wie jeden Tag zweimal hinter sich ab und legte dann das Zuckertütchen, das er vor Verlassen des Cafés in eine Tasche seines braunen Anzugs gesteckt hatte, in die Garderobenschublade zu den anderen. Nach einer kurzen Dusche ging er, nunmehr nur mit Jogginghose bekleidet, ins Schlafzimmer, schloss auch dieses von innen hinter sich ab und setzte sich auf das Bett, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und den Armen um die Knie geschlungen. Da die Vorhänge zugezogen waren, war es annähernd stockdunkel im Raum. Und auch wenn der Abend relativ mild gewesen war, wurde es in den Frühlingsnächten noch immer empfindlich kalt, was ihm eine Gänsehaut über den nackten Oberkörper jagte.

Abgründig

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