Abgründig 19

Gabriel drehte das Glas Whisky nachdenklich in seiner Hand. David beobachtete ihn dabei, war eigentümlich fasziniert von den Bewegungen der Finger, die in diesem Moment das Glas in der Luft hielten, aber auch dazu imstande waren, menschliche Gesichter samt ihrer Gefühle auf Leinwand zu bannen.

„Sie wollte ein Bild für ihren Freund. Zum Geburtstag, glaube ich.“ Gabriels Blick wanderte von dem Bild zu David. „Ihren Namen kenne ich nicht.“

„Ein Geschenk?“ So war das also. Das Bild befand sich im gleichen Zustand wie schon vor zwei Tagen, noch immer halbfertig. Und Gabriel konnte es nicht fertigstellen, weil die Frau verschwunden war. Ein merkwürdiger Zufall zwar, aber nicht unmöglich. Ob Gabriel wusste, dass diese Frau vermisst wurde?

David war versucht, dem Maler von dem Zeitungsbericht zu erzählen. Bestimmt waren diese Nachrichten sogar im Fernsehen gewesen – das wusste David nur nicht, denn er besaß kein Fernsehgerät. Doch es war da dieser kleine Funke Zweifel in ihm, eine Unsicherheit, die er zuerst beseitigt haben wollte. Und Gabriel konnte dies nicht. Zwar verspürte David keinerlei Angst in der Gegenwart des Künstlers, eigentlich – und das wurde ihm in diesem Moment so richtig bewusst – genoss er sie sogar, doch nichts hinderte Gabriel daran, ihm das zu antworten, was er hören wollte, ob Wahrheit oder Lüge. Es spielte keine Rolle, was Gabriel sagte. David musste es wissen.

„Er wird sich bestimmt darüber freuen“, murmelte David und spürte, wie bei diesem Satz die Zweifel, die in ihm nagten, ein wenig stärker wurden. Ein derart tieftrauriger Anblick, wie ihn das Mädchen auf dem Bild vermittelte, konnte doch kein Geburtstagsgeschenk sein. Trotzdem bemühte er sich bei seinen Worten um ein Lächeln.

Gabriel, der das Glas zu einem erneuten Schluck angesetzt hatte, hielt mitten in der Bewegung inne und starrte David an. David runzelte die Stirn, sein Lächeln erstarb. Was war denn nun? „Gabriel?“

„Ach, verdammt!“ Gabriel riss seinen Blick von David los, schnappte sich, ohne richtig hinzuschauen, eine der noch unbeschriebenen Leinwände und einen Stift aus dem Regal und verschüttete dabei beinahe den Rest Whisky.

„Was …?“ David war nun mehr als verwirrt. Gabriel schien plötzlich vor Energie zu sprühen und ein Knistern lag in der Luft, das David leise über Nacken und Rücken kroch.

„Setz dich“, brachte Gabriel atemlos hervor, streifte David leicht am Oberarm und warf sich selber mit einem Satz in den Sessel. Sofort begann er wie wild mit dem Stift auf der Leinwand herumzumalen. Das Whiskyglas hatte achtlos auf dem Tisch abgestellt. David konnte so schnell gar nicht reagieren. Dass Gabriel derart impulsiv seiner Kunst nachging, hätte er nicht erwartet. So war wenigstens die Frage nach der Frau auf dem Bild vorerst erledigt.

David tappte zum Sofa. Was hatte er denn getan, um diesen Anfall an Betriebsamkeit bei Gabriel auszulösen? Eigentlich war es beinahe niedlich, wie angestrengt der Maler auf die Leinwand starrte, sich dabei sogar auf die Lippe biss. Diese Begeisterung zu sehen entlockte David erneut ein Lächeln, bei dem ihm jedoch im selben Moment wieder bewusst wurde, dass es nichts gab, was eine solche Leidenschaft in ihm auslöste. Bislang hatte ihn das nicht gestört, es war eben so, doch jetzt, da er die Aufregung des Malers förmlich greifen konnte, war er sich nicht mehr so sicher, ob da nicht doch ein leerer Fleck irgendwo in ihm war. Während sich dieser Gedanke kaum merklich einen Weg in seinen Kopf bahnte, schaute Gabriel von der Leinwand zu ihm auf und ihre Blicke trafen sich. David erstarrte. Seine Brust fühlte sich an, als würde sie von einem heißen Griff fest umfasst werden. Er wurde regelrecht von der Intensität in den Augen des Malers überrollt. Rastlos flog Gabriels Hand über die Leinwand – von links nach rechts, wieder zurück, nach oben und unten. David rührte sich nicht, gleichsam fasziniert und betrübt von diesen außergewöhnlichen Minuten.

Die Zeit verstrich. Wie lange es tatsächlich dauerte, konnte David nicht sagen. Doch irgendwann wurden Gabriels Bewegungen langsamer, immer langsamer, bis er schließlich die Hand mit dem Stift sinken ließ. Eine Schweißperle rann über die Schläfe es Malers. „Puh!“ Richtiggehend erschöpft von seiner plötzlich aufgeflammten Begeisterung legte Gabriel Stift und Leinwand beiseite und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Das war krass.“ Er sprach mehr zu sich selbst, als zu David. Suchend wanderten seine Augen über den Tisch bis er seine Zigaretten neben einer weißen Porzellanfigur entdeckte, von der David nicht erkennen konnte, was sie darstellte. Gabriel zündete sich eine Zigarette an und ließ sich in die Polster des Sessels zurücksinken. Die elektrisierende Anspannung, die Gabriels Zeichenwut in ihm ausgelöst hatte, fiel nach und nach von David ab. Sein Blick glitt zu der Leinwand, die nun beinahe unbeachtet an der Seite des Sessels lehnte.

Es war eine grobe Skizze, viel kantiger als das, was er sonst von Gabriel gesehen hatte. Doch das war eindeutig er; die wilden Striche auf der Leinwand formten sich zu seinem Gesicht. Sein Bildnis hatte ein Lächeln auf den Lippen, aber es – oder besser gesagt er – wirkte nicht glücklich. Er sah auf der Leinwand genau so aus, wie er sich fühlte. Und da dämmerte es David, ihm wurde Folgendes klar:

„Du malst gar nicht die Leute“, stellte er nüchtern an den Maler gewandt fest, „du malst Gefühle.“

Gabriels Blick streifte ihn kurz, dann schaute der Maler dem träge aufsteigenden Zigarettenqualm nach. Er fing mit leiser Stimme an zu sprechen. „Weißt du was? Früher konnte man aus dir lesen wie aus einem Buch. Das war … interessant, faszinierend. Die Menschen sind zu so vielen verschiedenen Gefühlen fähig. Und jetzt kenne ich auch dein Lächeln“, Gabriel lächelte in diesem Augenblick selbst, „aber nicht deine Freude. Du grübelst so viel, denkst so viel nach. Vielleicht“, er nahm einen weiteren Zug, „kannst du keine Freude mehr empfinden. Vielleicht auch noch nicht.“ Der Maler verfiel in Schweigen, wirkte nun selbst gerade nachdenklich. Und David war … überfordert. Da sagte dieser Maler solche Sachen zu ihm, über ihn, und er saß einfach da und konnte nicht anders, als Gabriel im Stillen beizupflichten. Was war nur los mit ihm? Was lief bei ihm falsch?

Plötzlich blitzten Gabriels Augen auf, während er genüsslich eine weitere Zigarettenrauchsäule in die Luft blies. Dadurch, dass er von David aus gesehen im Gegenlicht saß, zeichneten sich tiefe Schatten auf seinem Gesicht ab und er wirkte auf einmal wie ein Raubtier. „Deinen Gesichtsausdruck, wenn du Todesangst ausstehst, habe ich seit damals im Gedächtnis.“ Mit der freien Hand deutete der Künstler auf seinen Kopf. Er nahm einen weiteren tiefen Zug. Die Zigarette war beinahe bis zum Filter aufgeraucht „Steht dir nicht so besonders gut, aber …“ Jetzt fixierte er David mit durchdringendem Blick. Es war nicht wie vorhin, als David sich wie festgenagelt von dem Feuer in Gabriels Augen vorgekommen war, das ihn in gespannte Aufregung versetzt hatte. Jetzt lag etwas Herausforderndes, beinahe Aufreizendes in seinem Blick und David fühlte sich ausgeliefert, ohne einen Impuls zur Flucht. „Deine stoische Maske, diese augenscheinliche Beherrschtheit, mit der du tagein, tagaus dein Leben fristest …“ Ein anzügliches Grinsen umspielte die Mundwinkel des Malers. „Ich möchte zu gerne sehen, wie sie dem Ausdruck grenzenloser Lust weicht, zügellos, befreit, im Moment des Höhepunkts …“

Es dauerte einen Moment, ehe David die Bedeutung dieser Worte erfasst hatte. Dann aber merkte er, wie ihm Röte in die Wangen stieg und er schnappte nach Luft. Das war doch nicht zu glauben! Dieser Kerl! Gabriel grinste. „Ich kann es mir nur ansatzweise vorstellen …“, ließ der Maler seine Ausführungen in der Luft hängen. Er blies eine weitere Rauchschwade aus und schloss Augen. Er schien es sich wirklich vorzustellen.

David hörte sein Blut in den Ohren rauschen, er atmete einmal tief durch, ein zweites Mal. Seine Umgebung schien plötzlich in weite Ferne gerückt zu sein. Unwillkürlich ballte er seine Hand zur Faust, spürte seine kurzen Fingernägel in die Handfläche stechen. Trotz dieser Worte war er jedoch nicht erbost. Er fühlte … etwas anderes, konnte dieses Gefühl nicht festmachen. Was war es, das Gabriel gerade vor seinem inneren Auge hatte?

David besah sich das Profil des Künstlers, der mittlerweile mehr in seinem Sessel lag als saß und den Kopf in den Nacken gelegt hatte. Diese Pose ließ seine Sehnen am Hals deutlich hervortreten. David schluckte. „Du bist doch nicht normal …“, murmelte er. Das Geräusch seiner eigenen Stimme holte den übrigen Raum zurück ins Hier und Jetzt und setzte auch seine Gedanken wieder in Fahrt. Bilder schoben sich vor sein inneres Auge, Bilder von Gabriel, der mit blauen Flecken auf einem staubigen Betonboden lag. Zerschunden, misshandelt. Sein eigener Arm, den er nach dem schwarzhaarigen Jungen ausstreckte, sah nicht viel besser aus. David schob diese Bilder schnell wieder fort, doch sie hinterließen einen fahlen Geschmack in seinem Mund. Wie kam Gabriel nach dem, was er erlebt hatte, bloß auf solche Gedanken? Fühlte er dabei keinen Schmerz?

Zum wiederholten Male musterte David den Maler eingehend, der scheinbar völlig unbekümmert in seinem Sessel lümmelte und in diesem Moment die Augen wieder aufschlug.

„Da hast du vermutlich recht.“ Gabriel wollte einen weiteren Zug nehmen, doch die Zigarette war mittlerweile ausgegangen. „Aber wer ist das schon?“

Abgründig

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