Abgründig 18

Ganz offensichtlich hatte David den Maler, der etwas atemlos in seinem Hauseingang stand, bei etwas gestört. Nach dem anfänglichen Erstaunen kehrte jedoch sofort dieses hintergründige Lächeln in Gabriels Gesicht zurück, das David zu Beginn ihrer Bekanntschaft empört hatte und das er immer noch gänzlich außer Stande war, zu deuten.

„Na, so was! Vor dem nächsten Wochenende hätte ich auf keinen Fall mit dir gerechnet. Was führt dich hierher?“

David war die wenigen Schritte, die er sich schon wieder auf den Nachhauseweg gemacht hatte, zurückgelaufen, nachdem Gabriel zunächst nicht geöffnet hatte. „Tut mir leid für die Störung. Wenn ich ungelegen komme, dann …“

„Quatsch. Ich war nur eben … verhindert.“ Gabriel zwinkerte ihm zu. „Komm rein.“

David folgte dem Maler schweigend und streifte wie beim letzten Mal seine Schuhe gleich am Eingang ab. Es fühlte sich seltsam an, nach der Arbeit nicht in seine Wohnung zurückzukehren, ungewohnt, doch irgendwie … Wenn er an gestern Abend dachte, wie er durch seine engen Zimmer geisterte, allein mit all seinen Gedanken und Einbildungen, dann spürte er die Beklemmung stärker als je zuvor. Hier war er nicht allein.

„Ich möchte wirklich nicht stören“, wiederholte David noch einmal, auch wenn er bereits abgelegt hatte. Doch was sollte er auch sonst sagen? „Ich habe ja auch nicht wirklich einen Grund, hier zu sein.“

„Keinen Grund also?“ Gabriel hob die Augenbrauen. „Was ist mit deinem Feierabendespresso? Oder wolltest du ihn am Ende nicht ohne mich trinken? Hast du mich vermisst?“

Jetzt machte sich Gabriel wieder über ihn lustig. David fühlte sich dennoch genötigt, etwas zu erwidern, auch wenn er wusste, dass er dem Maler damit nur in die Hände spielte. „Diese neue Kellnerin, sie … ist unerträglich.“

„Neue Kellnerin?“ Gabriel stockte kurz in seiner Bewegung und David glaubte zu erkennen, wie es im Kopf des Malers ratterte. Kein Wunder, außer ihm machte vermutlich niemand solch einen Aufstand wegen eines Servicekräftewechsels. „Eine Urlaubsvertretung vielleicht?“

„Keine Ahnung.“ David zuckte mit den Schultern. Der Grund war ihm egal, das Ergebnis zählte. Er hatte seine Feierabendpläne über den Haufen werfen müssen.

„Setz dich. Was willst du trinken?“

David dachte einen kurzen Moment nach. Jetzt war er hier, ohne genau zu wissen warum, und würde Gabriel bestimmt auch noch Umstände machen, wenn er einen Kaffee verlangte. „Wasser reicht.“

„Sicher? Bist du zu Fuß hier? Ich hätte auch Bier da.“

David fielen die Gestalten am Imbiss ein, die aus ihren Flaschen trinkend den Abend begossen hatten. Um nichts in der Welt sah er sich unter diesen Leuten. „Kein Bier, danke. Einfach Wasser.“

„Wie du willst. Warte bitte kurz.“

Gabriel huschte in die Küche und David schlenderte, anstatt sich zu setzen, durch den großzügigen Wohnraum, an der Sitzgruppe vorbei und hin zu Gabriels Arbeitsecke. Die Staffelei, die letztes Mal schon hier gestanden hatte, war leer; eine Leinwand lehnte neben der Fensterfront an der Wand. David erkannte die junge Frau und nun, da er das Bild auf der Zeitung in den vergangenen Tagen so lange und intensiv angestarrt hatte, war er sich sicher, dass es sich um dieselbe Person handelte. Freilich, die Haare passten nicht, vielleicht hatte die Frau auf dem Foto auch mehr Sommersprossen als hier in der gemalten Version, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht, besonders in den Augen, war der gleiche. Erst nach ein paar Augenblicken fiel David auf, dass das Bild von ihm, das Gabriel bei seinem letzten Besuch begonnen hatte anzufertigen, nicht hier war. Da waren zwar noch weitere Leinwände hochkant in dem Regal neben den Farben einsortiert, doch so weit er erkennen konnte, waren diese noch unbemalt. Bevor er in der Lage war, die Sache näher zu inspizieren, kam Gabriel mit zwei Gläsern und einer Wasserflasche aus der Küche zurück. Der Maler warf David einen schnellen Blick zu, sagte jedoch nichts, sondern trat neben das Bücherregal und öffnete ein nicht allzu großes Schranktürchen auf Brusthöhe. David erhaschte an Gabriels Schulter vorbei einen Blick auf eine Minibar. Mit einer Flasche, die etwa noch halb voll mit einer goldbraunen Flüssigkeit war, kehrte Gabriel zum Tisch zurück.

„Auch einen Schluck?“ Der Maler hielt die Flasche so, dass David das Etikett lesen konnte. Es handelte sich um Whisky, doch David hatte keine Ahnung davon. Er schüttelte den Kopf und Gabriel goss daraufhin nur in eines der Gläser einen Fingerbreit des Alkohols. Es war in den vergangenen Sekunden ungewöhnlich still im Raum und David merkte, wie er zu schwimmen begann – im übertragenen Sinn. Die altbekannte Verunsicherung befiel ihn hinterrücks und ließ ihn an sich, an seinem Besuch, an seiner Beziehung zu Gabriel zweifeln. Wo blieben der spöttische Blick und der bissige Kommentar des Künstlers, mit denen er gerechnet hatte? Warum sagte Gabriel nichts? Wieso …?

„Alles gut bei dir?“ Gabriel griff nach dem Glas mit dem Wasser, war mit drei Schritten bei David und hielt es ihm vor die Nase. David blinzelte. Das beklemmende Gefühl in seiner Brust ließ langsam wieder nach. Er nahm einen großen Schluck der kühlen Flüssigkeit und warf dem Maler einen dankbaren Blick zu.

„Entschuldige, das …“

„… passiert dir öfter?“ Gabriel nippte an seinem Whisky. „Du bist echt verkorkst, Mann.“

„Kann schon sein“, murmelte David und trank noch einmal von seinem Wasser. „Danke.“

Gabriel starrte ihn unverwandt an. „Was ist los?“

David leckte sich mit der Zungenspitze über die Lippen, spürte für einen kurzen Moment die glatte Kühle des Glases in seiner Hand, ehe er Gabriels Blick erwiderte. Jetzt oder nie! „Wer ist das?“ Er deutete auf das Gemälde am Boden, gespannt auf die Antwort, die Gabriel ihm nun geben würde. Natürlich machte es der Maler ihm nicht so einfach.

„Warum fragst du?“ Gabriels Blick verriet nichts darüber, ob er von der Frage überrascht war, sich darüber ärgerte oder sich ertappt fühlte.

„Weil ich …“ David unterbrach sich. Sollte er es wirklich sagen? Was, wenn er recht hatte? Er war sich sicher, dass diese Person eben jene verschwundene Frau war, nach der die Polizei suchte.

Abgründig

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