Abgründig 16

Es ließ ihn nicht los. Ein ums andere Mal hatte David sich in den vergangenen Stunden das Bild auf der Frontseite der alten Zeitung ansehen müssen, hatte auch das Gesicht von Gabriel immer wieder vor Augen gehabt. Es war zum Verrücktwerden. Hatte Gabriel wirklich das halbfertige Portrait dieses verschwundenen Mädchen bei sich zu Hause stehen? Wie konnte das sein? Oder war es am Ende bloß Zufall und es handelte sich gar nicht um dieselbe Person?

David stieß einen leichten Seufzer aus. Es brachte doch nichts, wenn er hier in seiner Küche über diese Fragen grübelte. Er würde Gabriel einfach fragen. Irgendwann, wenn er ihn mal wieder sah. Falls er ihn mal wieder sah. Was machte er sich überhaupt solche Gedanken? Das hatte doch nichts mit ihm zu tun. Und wenn Gabriel jeden, den er malen wollte, so bedrängte wie ihn, war es wirklich kein Wunder, wenn ihm die Leute davonliefen. Vielleicht hatte die junge Frau auf der Leinwand einfach keine Lust mehr gehabt, sich weiter mit diesem penetranten Maler abzugeben.

Und doch … Am Anfang war David der Maler ja auch mehr als suspekt gewesen, aber nach dem heutigen Besuch konnte er das Ganze nicht mehr so einseitig betrachten. Gabriel hatte ein paar Wochen lang das Gleiche erlebt wie er, das musste sich doch in irgendeiner Form auf ihre Beziehung auswirken. Ganz abgesehen davon, dass diese Zeit Gabriels Leben bestimmt genau so sehr beeinflusst hatte wie seins.

David kämmte sich mit den Fingern durch seine Haare. Er war müde, der heutige Tag war doch aufreibender gewesen, als er noch in der Früh, als er zum Atelier aufgebrochen war, gedacht hatte. Und morgen musste er wieder zur Arbeit. Wahrscheinlich war es das Beste, wenn er jetzt ins Bett ging. Die Uhr zeigte halb neun.

Schwerfällig stemmte er sich in die Höhe. Der Stuhl verursachte dabei ein scharrendes Geräusch auf dem Fliesenboden, das in dem sonst stillen Raum unnatürlich laut hallte. David schob den Stuhl zurück unter den Tisch, warf noch einmal einen Blick durch die kleine Küche und kontrollierte, ob alles an seinem Platz war. Den Abwasch hatte er gleich schon nach dem Essen erledigt. Dann machte er sich auf den Weg ins Bad, knöpfte unterdessen bereits sein Hemd auf und streifte es ab. Als er am Badezimmerspiegel vorbei kam, fiel sein Blick auf seinen nackten Oberkörper. Er war nichts Besonderes. Also objektiv betrachtet war er wohl ganz ansehnlich, etwas schmal vielleicht, doch dafür, dass er keinen Sport trieb, war das auch kein Wunder. Aber er hatte keine alten Narben, keine Auffälligkeiten, die auf das hindeuteten, was er erlebt hatte.

Es fiel ihm nicht schwer, sich von seinem Spiegelbild abzuwenden. David nahm ein frisches Handtuch aus dem Schrank, hängte es an den Haken neben der Dusche an der Wand und entledigte sich dann noch seiner Hose, ehe er in die Kabine stieg. Er duschte sich jeden Abend, musste allen Staub und Schmutz, den er so im Laufe eines Tages an sich sammelte, abwaschen. Nur so wagte er sich ins Bett. Außerdem beruhigte ihn das lauwarme Wasser, bereitete ihn darauf vor, die Dunkelheit der Nacht in Ruhe zu überstehen.

An diesem Abend dauerte seine Dusche länger als gewöhnlich und David musste die Temperatur heißer als sonst einstellen. Das Wasser plätscherte sanft über seine Haut, die er lediglich mit einem Schwamm abrubbelte. Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte er das Wasser dann doch wieder ab, trocknete sich mit dem Handtuch, ohne dabei einen Blick in den Spiegel zu werfen, und schlüpfte in die Jogginghose, die er bereits heute Morgen bereit gelegt hatte. Ein paar Wassertropfen rannen noch von seinen Haaren über die Schultern und den Rücken, als er ins Schlafzimmer ging. Er sperrte die Tür hinter sich ab, zog die Vorhänge zu und lehnte sich mit der Decke über den Schultern an die Wand hinterm Bett. Auf diese Weise – im Sitzen – konnte er einschlafen, auch wenn diese Nacht eine unruhige war, voller Träume, an die er sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern konnte.

Am nächsten Morgen quälte er sich mehr schlecht als recht auf die Beine, frühstückte, zog sich an und gelangte irgendwie zur Arbeit. Der Vormittag zog an ihm vorbei, ohne dass er hinterher sagen konnte, was er diese Stunden über getan hatte. Frau Meier hatte ein, zwei Mal bei ihm vorbeigeschaut, irgendwelche Akten gebracht und er hatte sich wohl auch mit ihr unterhalten, soweit es notwendig gewesen war, was er aber genau zu ihr gesagt hatte, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Die Mittagspause kam deswegen gerade richtig. David machte sich wieder auf in den kleinen Park. Es war windig heute und als er bei seiner Bank ankam, musste er feststellen, dass er seine Brotzeit zu Hause vergessen hatte. So etwas war ihm noch nie passiert. Seufzend streckte er die Beine aus, lockerte seine Schultern und den Nacken und blickte in den trüben Himmel hinauf.

Es war die Ungewissheit, die ihm zu schaffen machte. Auch wenn er sich noch so sehr einredete, mit der Sache doch gar nichts zu tun zu haben, so war es diese Unklarheit bezüglich des Bildes, die ihn wie ein unsichtbarer Schatten verfolgte und ihm im Moment sein Leben erschwerte. War das nur so, weil es etwas mit Gabriel zu tun hatte? Bestimmt, so musste es sein.

Mit leerem Magen machte er sich nach kurzer Zeit auf den Rückweg, um irgendwie auch noch den Nachmittag zu bewältigen. Frau Meier hatte es offenbar eingesehen, dass man heute noch mühsamer als sonst mit ihm ins Gespräch kam. David hatte beinahe ein schlechtes Gewissen gegenüber Frau Meier und seiner Arbeit im Allgemeinen, doch auch für solche Gedanken fehlte ihm die Konzentration. Als es endlich Feierabend wurde, packte er dankbar seine Sachen und machte sich auf in die Stadt. Ein Kaffee konnte die Angelegenheit nur besser machen.

Der Wind hatte etwas nachgelassen und es blies nun nur noch ein feuchter Luftzug zwischen den Häuserfronten hindurch, der mit klammen Fingern nach Davids Nacken griff. Dieses Wetter hatte beinahe etwas Herbstliches und David überlegte sich ernsthaft, ob er seinen Kaffee wie im Winter drinnen genießen sollte. Vielleicht, wenn es im Lokal nicht zu voll war.

Er bog um die Ecke auf den Platz mit dem Brunnen in der Mitte ein. Es war nicht viel los. David schaute sich um, ließ seinen Blick von links nach rechts und wieder zurück schweifen. Er hielt Ausschau nach Gabriel. Aber natürlich würde Gabriel bei solch einem Wetter nicht mit seinen Malsachen im Freien hantieren. Zumal ja auch keine Laufkundschaft unterwegs war. David war für einen kurzen Moment fast ein wenig enttäuscht, doch wenn er sich vorstellte, dem Maler wirklich gegenüber zu stehen, war er eigentlich ganz froh darüber. Er lief auf die bekannte Markise seines Cafés zu und spähte ins Innere, nachdem er schon von Weitem gesehen hatte, dass zumindest draußen nichts los war. Sollte er sich hinein wagen? Es war relativ leer und im Eck zwischen Fenster und Wand war sogar noch ein Tisch frei.

Beim letzten Mal, als er hier unentschlossen gestanden hatte, war auf einmal Gabriel aufgetaucht. Es konnte doch nicht sein, dass er sich seinen Tag so sehr von diesem Maler bestimmen ließ. David straffte die Schultern und drückte gegen die Eingangstür. Ohne auf seine Umgebung zu achten, steuerte er geradewegs auf den freien Tisch in der Ecke zu, den er sich schon von außen ausgesucht hatte, und war einigermaßen erleichtert, als er auf dem Platz saß, von dem aus er sowohl den Raum überblicken als auch aus dem Fenster sehen konnte. Sofort trat eine Kellnerin an ihn heran, die er bislang noch nie gesehen hatte.

„Haben Sie sich schon was ausgesucht?“, erkundigte sich die Frau, die ihr kastanienbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, zwar höflich, aber nicht sehr routiniert. Das bestärkte Davids Meinung, dass sie neu war.

„Einen Espresso, bitte.“

„Alles klar, kommt sofort“, flötete die Kellnerin und verschwand in Richtung Theke. Hier im Café fühlte sich David irgendwie näher an den anderen Gästen dran als draußen, immerhin befanden sie sich hier allesamt im gleichen Raum, waren auf allen Seiten nach außen abgeschottet. Deswegen kam er gar nicht umhin, sich die Leute, die außer ihm noch im Café saßen, genauer zu betrachten. Nicht, dass es da viel zu sehen gab. Zwei ältere Frauen an einem Tisch, die sich gedämpft unterhielten und ein Stück Kuchen nach dem anderen vertilgten, eine weitere Frau mit Kopfhörern allein an einem Tisch, die in einem Buch las, ein junges Pärchen, das gemeinsam über einem aufgeschlagenen Ordner brütete, vielleicht Studenten. Zum Glück wurde David von niemandem beachtet. Sein Espresso wurde serviert und als er ausgetrunken hatte, stand die neue Kellnerin sofort wieder vor ihm und erkundigte sich nach weiteren Wünschen. Er lehnte wie sonst auch dankend ab, doch irgendwie ließ die Dame nicht locker. Nach zehn Minuten war sie erneut an seinem Tisch.

David unterdrückte ein Seufzen. Wo war nur dieser Kellner, der sonst immer um diese Zeit bediente? Wenigstens passte dieser Umstand zum Rest des bisherigen Tages. Es lief heute einfach nicht rund.

Ein ganz kleines bisschen nur hoffte David, Gabriel möge ebenfalls zur Tür hereinspazieren. Doch heute ließ er sich nicht blicken, genauso wenig wie der Kellner.

Abgründig

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