Abgründig 15

„Warum hast du das gemacht?“ Der blonde Junge schaute aus verquollenen Augen dem Jungen mit den schwarzen Haaren ins Gesicht und streckte seinen Arm nach ihm aus. Der Junge mit den schwarzen Haaren lag in einer Ecke auf dem Boden, seitlich zu einer Kugel zusammengerollt und die Knie dabei fest mit den Händen umklammert. Der blonde Junge hockte neben ihm. Der andere musste Schmerzen haben, war sich der blonde Junge sicher. Die vielen Schläge und Tritte … Alles nur wegen ihm.

Der Schwarzhaarige starrte regungslos auf den staubigen Boden, dann schnaubte er plötzlich, verzog das Gesicht dabei und drehte sich über den Rücken in die andere Richtung, weg von dem blonden Jungen. „Du kannst ja selber nicht auf dich aufpassen.“

„Aber …“ So war es. Er erinnerte sich …

Nachdem die Stahltür sich geöffnet hatte, war sie so unvermittelt über ihn hergefallen, die Angst, dass er sich nicht mehr hatte rühren können. Er hatte auf der Matratze gesessen, mit den Handflächen über den Ohren und fest zusammengekniffenen Augen. Hatte nichts hören wollen, nichts sehen wollen. Der Mann war laut geworden, hatte ihn angeschrien, bis ihm die Tränen gekommen waren. Verstanden hatte er trotzdem nichts. Dann war die Stimme des Mannes auf einmal ganz nah gewesen und der Junge hatte doch die Augen geöffnet. Das Gesicht des Mannes war rot angelaufen gewesen. Der Mann hatte ihn so fest am Oberarm gepackt, dass es richtig wehgetan hatte, hatte ihn auf die Beine gezerrt und vor sich her geschubst. Der Junge war einfach wieder umgefallen, vor lauter Tränen hatte er gar nichts mehr richtig erkennen können. Dann war mit einem Mal der andere Junge aufgesprungen und hatte sich wie eine Katze an einen Arm des Mannes geklammert. Der Mann hatte den Schwarzhaarigen daraufhin wie ein abgelegtes Kleidungsstück einfach in die Ecke geschleudert. Ein kurzer Moment der Stille war eingekehrt, als sich der Mann dann doch mit einem Knurren umgewendet und über den Jungen in der Ecke hergefallen war.

„Es tut mir leid.“ Allein der Gedanke an das, was er mit angesehen hatte, trieb dem blonden Jungen wieder Tränen in die Augen. Er hatte nichts unternommen, im Gegensatz zu seinem unfreiwilligen Gefährten. „Es tut mir so leid, ich …“ Er berührte den Jungen mit den schwarzen Haaren sanft an der Schulter, zunächst nur mit den Fingerspitzen, dann legte er seine Handfläche ganz auf. Er hatte das alles doch nicht gewollt, das wollte er dem anderen irgendwie klarmachen. Schniefend verharrte er in dieser Position und auch der Junge mit den schwarzen Haaren rührte sich nicht.

Durch das kleine, vergitterte Fenster drang kühles, weißes Mondlicht in den Raum und malte einen hellen Fleck neben die Matratze auf den Boden. Eine vorüberziehende Wolke ließ es im Zimmer für kurze Zeit dunkel werden. Der blonde Junge konnte nicht sehen, dass auch aus dem Augenwinkel des Jungen mit den schwarzen Haaren langsam eine Träne rann.

Abgründig

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