Gegen Mittag war David doch aufgebrochen. Gabriel hatte ihn sogar bis zur Tür gebracht und dort verabschiedet. Das Buch hatte er ihm aber nicht mitgeben wollen. „Wenn du wissen willst, wie es weitergeht, musst du wieder kommen“, hatte der Maler ihm mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht noch hinterhergerufen.

Nun lief David den gleichen Weg, den er heute Morgen gekommen war, wieder zurück. Eilig hatte er es nicht. Der leichte Wind, der ihn bereits auf seinem Hinweg begleitet hatte, fuhr ihm sanft durch die Haare und über den Nacken und jagte ihm ein Kribbeln durch den gesamten Körper. Es war ein gutes Gefühl. Die Sonne schien auf ihn herab, auf den Kopf und die Schultern und wärmte ihn durch den Stoff seines Mantels. Von allen Seiten war, über dem üblichen Geräuschpegel der Stadt schwebend, unbeschwertes Vogelgezwitscher zu hören. Es war ein herrlicher Frühlingstag.

Er würde niemandem von seiner Begegnung erzählen, auch nicht seiner Mutter. Sie würde sich nur aufregen. Er konnte sich ihr gerötetes Gesicht gut vorstellen und war sich sicher, dass sie ihm in ihrer Aufregung sogar verbieten würde, Gabriel wiederzusehen. Als ob das etwas ändern würde. Er wusste, dass sie es damit nur gut meinte, aber anders als Gabriel war sie nicht dabei gewesen, hatte sie nicht das erlebt, was er erlebt hatte. Diesmal würde er selbst ihr nichts erzählen. Es war doch so: Er teilte mit Gabriel schon so viele Geheimnisse, da fiel dieses kaum mehr ins Gewicht.

David blickte in den Himmel. Ein paar weiße Wolkenfetzen trieben träge über ihn hinweg. Aufgrund der Jahreszeit stand die Sonne noch nicht so hoch und die großen Gebäude wie auch die Bäume warfen lange Schatten. Er kam an einem Spielplatz vorbei und konnte hören, wie eine Handvoll Kinder ausgelassen ihren Spaß auf Schaukel und Rutsche hatte. Mit den Händen tief in den Manteltaschen vergraben ging David immer weiter. Trotz des guten Wetters wirkte alles um ihn herum irgendwie verschlafen.

Er kam an dem Kiosk vorbei, den er auch auf dem Weg von der Arbeit nach Hause immer passierte. Heute hatte er geschlossen, es war Sonntag. An der Ampel musste David warten, denn sie schaltete in dem Moment auf Rot, als er näher kam. Neben ihn trat eine junge Frau, die energisch in das Telefon an ihrem Ohr sprach. Gegenüber auf der anderen Straßenseite wartete eine Frau mit Kinderwagen. Die Ampel sprang auf Grün um und David setzte sich wie die anderen Wartenden in Bewegung. Ein Auto kam mit quietschenden Reifen genau auf Höhe der Straßenmarkierung zum Stehen.

Zwischen den hohen Häuserblocks in seinem Wohnviertel pfiff der Wind etwas stärker und David war im ersten Moment ganz froh, als er das Treppenhaus betrat. Die Erleichterung hielt aber nur kurz an. Hier, in dieser tristen, vertrauten Umgebung war das Gefühl von Gelöstheit, das ihn den Weg über begleitet hatte, bereits weitestgehend verschwunden und als er die Wohnungstür hinter sich abschloss, war er endgültig wieder in seinem Leben angekommen.

Dort führte ihn sein erster Weg zur Schublade mit den Zuckertütchen, als ihm auffiel, dass er gar keines in seiner Manteltasche hatte. Er runzelte die Stirn, streifte sich die Schuhe ab und ging in die Küche. Es war noch Kartoffelauflauf seiner Mutter von gestern da. Schnell wusch er sich die Hände und stellte dann die Glasform in den Backofen, um die übrige Portion zu wärmen. Als er die Backofenklappe zuschob, blieb sein Blick an seinem Spiegelbild hängen, das in der gläsernen Klappe mehr oder weniger gut zu erkennen war. Ihm fiel das Bild wieder ein, die Skizze, wie Gabriel sie genannt hatte, und dass er sich beim Betrachten dieser Zeichnung ebenfalls vorgekommen war, als schaute er in sein Spiegelbild. War es das, was Gabriel tat? Waren seine Bilder nichts anderes als ein detailgenaues Abbild eines Originals? Oder blickte der Maler doch tiefer? David fielen die vielen verschiedenen Gesichtsausdrücke der drei Personen auf den Bildern wieder ein, die er in der Ausstellung bewundert hatte. Dafür konnte man doch nicht Modell stehen. Er selbst hatte das Bild, das Gabriel während seines Besuchs begonnen hatte, nicht angesehen.

David blinzelte und mit einem kurzen Kopfschütteln rief er sich im selben Moment wieder zur Ordnung. Er musste noch den Tisch decken, bevor der Kartoffelauflauf zu dunkel wurde. Schnell erhob er sich aus seiner hockenden Position und entdeckte, als er Teller und Besteck auf der Tischplatte ablegte, die Zeitung von vor einigen Tagen, die dort noch immer herumlag. Er hatte sich seitdem keine neue gekauft, trotzdem war es wohl an der Zeit, dass er sie ins Altpapier entsorgen konnte. Als er nach dem grauen Papier griff, stutzte er. Es war der Bericht über das verschwundene Mädchen, der auf der Titelseite prangte, zusammen mit einem Foto dieses Mädchens. Deswegen hatte er die Zeitung überhaupt erst gekauft. Jetzt, da er dieses Foto anschaute, glaubte er auf einmal, das Mädchen zu erkennen. Ihm war, als hätte er es erst heute gesehen.

Abgründig

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8 Gedanken zu “Abgründig 14

  1. So schön wie der Heimweg beschrieben wird mit realen Details, angemessen und genau in der richtigen Dosierung, so schön fügt sich auch die Szene ein, wo Daniel zu Hause agiert. Alles wohlproportioniert. Eine Sprache wie in Butter und natürlich am Ende der Höhepunkt.Was muss ich da noch sagen? Das ist Schreibkunst der höchsten Klasse. Das ist genau berechnete Dramaturgie. Das ist höhere Mathematik und beweist, wie eng beides zusammen liegt: Geistes- und Naturwissenschaft. LG PP 🙂

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  2. Wieder ein schöner Abschnitt, aber diesmal kommt der Heimweg mir ein klein wenig über-detailliert vor. Da war noch diese unterschwellige Spannung von dem Besuch bei Gabriel, und die ganzen Details wirkten irgendwie bedrohlich – oder besser, ich habe erwartet, dass etwas damit passiert. Dass das Auto David beinahe angefahren hätte, weil er so in Gedanken war. Dass die Frau am Telefon David, aus welchen Gründen auch immer, anspricht. Dass das einfach „nur“ Beobachtungen sind, dass einfach sonst gar nichts weiter damit passiert, das diese Beschreibungen einfach nur so dahin geworfen werden, verleiht der Szene einen gewissen Antiklimax.
    Es ist natürlich durchaus möglich, dass genau dies deine Absicht war. Dass du eben den Kontrast zwischen der Bedrohung in der Wohnung und der friedlichen Normalität draußen darstellen wolltest. In diesem Fall habe ich nichts gesagt.

    Eines ist mir aber aufgefallen. „[…] wie eine Handvoll Kinder ausgelassen ihren Spaß auf Schaukel und Rutsche hatte.“
    Das hakt. Ich weiß natürlich, warum du das das Verb im Singular verwendet hast: Weil „eine Handvoll“ der Singular ist und du daher das Verb an eben diesen Singular angepasst hast. Normalerweise würde ich dir da auch zustimmen, oder zumindest würde ich das, wenn der Satzbau etwas umgedreht wäre: „auf Schaukel und Rutsche hatte eine Handvoll Kinder Spaß.“
    Hier entsteht die Unstimmigkeit, glaube ich, aus der Distanz zwischen der „Handvoll“ und dem Verb „hatte“ bzw. aus der Tatsache, dass zwischen der „Handvoll“ und dem „hatte“ der Plural „Kinder“ steht. Die Verwendung des Plural wird sogar noch verstärkt durch das Hinzufügen des „ihren“. Wenn da mehrere Kinder ihren Spaß mit etwas hat– genau. Dann passt da kein Singular.
    Da bei singularischen Mengenbegriffen die Verwendung des Verbs im Plural aber auch durchaus gängig und grammatikalisch möglich ist, würde ich in diesem Falle also tatsächlich das Verb in den Plural setzen.

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    1. Oh, vielen Dank für deinen Kommentar!

      Den ersten Teil muss ich mir mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen – der Heimweg sollte in der Tat eine Art Kontrastprogramm darstellen. Funktioniert er denn als solcher? Oder hast du länger darüber nachgedacht, was das nun zu bedeuten hatte?

      Der Hinweis mit dem Singular/Plural-Konstrukt ist interessant. Ich glaube, ich bin beim Lesen selber (mehrmals) über die Stelle gestolpert, aber mein Logik-Hirn war stets fest davon überzeugt, dass der Singular dorthin
      muss, aus dem Grund, den du nennst. Das hört sich aber eben tatsächlich sehr holprig an. Wenn du aber schreibst, dass der Plural in diesem Fall durchaus möglich ist, dann würde ich das natürlich gern für die Zukunft ändern. Was solche grammatikalischen Feinheiten angeht, lasse ich mich gern aufklären^^

      Es freut mich total, mit welcher Aufmerksamkeit du die Geschichte verfolgst 🙂
      Liebe Grüße!

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  3. Mmmmhhh… Jaaain. so richtig wie ein Kontrastprogramm kam der Absatz mir nicht vor, aber groß länger drüber nachgedacht habe ich auch nicht. Es war mehr so, dass ich darüber gestolpert bin und dachte: ‚Fein. Und … jetzt?‘

    Zur Singular-/Plural-Frage ist mir übrigens zusätzlich noch eingefallen, dass du es im Zweifelsfall ja auch ein klein wenig umformulieren könntest, um den singularischen Mengenbegriff zu vermeiden, also statt „eine Handvoll Kinder“ dann eben „einige Kinder“, „mehrere Kinder“ oder sowas.

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