Sie hörte, wie die Tür ins Schloss fiel. Es war jemand da gewesen, jemand, der ihr hätte helfen können!, schoss es ihr zum wiederholten Mal durch den Kopf, und doch hatte sie keine Möglichkeit gehabt, sich irgendwie bemerkbar zu machen. Die Fesseln und der Knebel hatten sie daran gehindert. Und nun war der Besuch – ihre Chance! – einfach so fortgegangen. Sie wollte schreien, wollte toben. Doch selbst das wurde ihr verwehrt.

Eine kurze Zeit lang blieb es still, bis sie wieder etwas hörte.

Das Schloss klickte, die Klinke bewegte sich. Dann schwang die Tür langsam auf. Er stand da, grinste sie lässig aus dem Türrahmen an. Noch bevor er näher kam, roch sie den Zigarettenqualm. Sie wollte etwas sagen, ihn anschreien, er solle zum Teufel fahren, doch es kamen nur gedämpfte Laute aus ihrem geknebelten Mund.

„Na, na, immer schön mit der Ruhe.“ Er kam auf sie zu und sie machte sich so klein, wie sie nur konnte. Als würde das irgendetwas ändern. Er wollte sie packen, seine Hand näherte sich ihrem Gesicht und ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Nicht schon wieder!, waren ihre Gedanken. Nicht schon wieder!

Doch er zog ihr lediglich den Knebel vom Mund. Es kam so plötzlich, so unerwartet, dass sie tatsächlich vergaß, zu schreien. Überrascht keuchte sie auf, atmete zwei, drei Mal tief durch den Mund ein und aus und dann, als sie sich ihrer Situation wirklich bewusst wurde, starrte sie den Typen nur stumm an. Er hätte ihr den Knebel nicht abgenommen, wenn er sich nicht sicher wäre, dass niemand sie hören könnte. Es war vollkommen sinnlos um Hilfe zu rufen.

Er setzte sich neben sie auf das Bett, starrte sie an und doch war irgendetwas anders als sonst, das merkte sie. Mit den Fingern seiner linken Hand drehte er eine ihrer Haarsträhnen, aber er wirkte nicht ganz bei der Sache, als dachte er über etwas anderes nach. Sie begann zu zittern, ob vor Angst oder Aufregung konnte sie nicht sagen.

„Weißt du“, begann er zu sprechen und schaute dabei an ihr vorbei an die Wand, „heute bin ich gut drauf.“ Er lächelte sie an, aber dieses Lächeln war ihr mittlerweile so verhasst, dass es sie einfach nur wütend machte. „Du hast Glück, denn ich habe ein viel interessanteres …“

Jetzt oder nie! Mit diesem Gedanken drehte sie ihren Kopf, öffnete den Mund und biss so kräftig zu, wie sie konnte. Es war egal, er würde sie sowieso nicht gehen lassen. Auch wenn sie wegen ihrer Fesseln nicht abhauen konnte, so konnte sie ihm doch wenigstens ein bisschen was von dem heimzahlen, was er ihr angetan hatte. Sie biss so kräftig zu, wie sie konnte, und erwischte tatsächlich zwei seiner Finger, die ihre Haarsträhne gezwirbelt hatten.

„Aah! Du …!“ Brüllend sprang er auf, riss seinen Arm, den sie mit den Zähnen gepackt hatte, zurück, nur um im selben Moment mit der anderen Hand auszuholen und ihr eine solch heftige Ohrfeige zu verpassen, dass sie dachte, ihr würde der Kopf von den Schultern gerissen. Doch sie schrie nicht auf. Sie blieb ruhig. Ihre eine Wange glühte vor Schmerz und sie schmeckte Blut auf ihrer Zunge, aber sie war sich sicher, dass es nicht ihr Blut war.

„Was fällt dir ein?“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie atmete schwer ein und aus, um nicht das Bewusstsein zu verlieren. Seine Brust bebte ebenfalls. „Was fällt dir ein?“

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er wieder einen Schritt näher kam. Ein gefährliches Funkeln lag nun in seinem Blick und sie schloss die Augen. Sollte er doch mit ihr machen, was er wollte. Das tat er eh schon die ganze Zeit.

„Weißt du was? Du hast wirklich Glück, dass ich heute gute Laune habe. Und dein Gesichtsausdruck gerade war echt zum Schießen.“ Er brachte es doch tatsächlich fertig, ein Kichern von sich zu geben. „Allerdings war’s das jetzt in Zukunft mit den Höflichkeiten. Also …“

Plötzlich wurde ihr Kopf an den Haaren zurückgerissen und sie fand sich Auge in Auge mit dem Kerl, konnte seinen warmen Atem auf ihren Lippen spüren.

„Jetzt geht’s erst richtig los.“ Grob drückte er seinen Mund auf ihren. Sie schmeckte nicht nur Zigarette, sondern auch etwas Süßliches, Karamell und Nuss. Dann warf er sie, ihren Kopf immer noch an den Haaren gepackt, wieder zurück aufs Bett, wie ein schimmliges Stück Brot.

Abgründig

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3 Gedanken zu “Abgründig 13

  1. Irgendwie kommt es mit der Gewissheit erst jetzt zusammen. Du hast die Spannung bis dahin toll aufgebaut, auch wenn (nein, gerade weil) das alles verdammt beklemmend ist. Nun habe ich endlich alle Kapitel nachgeholt 🙂

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  2. Was sich bisher immer peu à peu steigerte wie ein Wind oder ein Regen sich steigert, wird nun durch ein Donnerwetter durchgeschüttelt. Ein sehr starker Abschnitt, der die Leser auf ganz andere Art mitfiebern lässt und in große Emotionen versetzt. Die Umblendung kommt gut und bringt neues Leben in den Roman. Wobei immer noch die Frage nach dem Fortgang des bisherigen bleibt und man als Leser doppelt gespannt ist. Ich trainiere zwischen dem Lesen auf der Hantelbank und konnt eben fünf Wiederholungen mehr machen, durch das Adrenalin aus deiner Fortsetzung. Was du schreibst, ist harte Kost, aber ich bin dir dankbar dafür, weil dies auch tägliche Realiät ist und in der Realität wohl noch viel schlimmer. Deine Prosa ist perfekt und dein Timing für Höhepunkte stimmt. Du schreibst einen spannenden Roman, aber du klagst auch an. Ich kann mich vor dir immer wieder nur in Demut verneigen. LG PP ❤

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