Während Gabriel in der Küche war, schaute David sich ein weiteres Mal in dem großzügigen Raum um. Jetzt, da er wusste, wer Gabriel war … Nein, das stimmte nicht. Er wusste überhaupt nicht, wer dieser Mensch war. Er kannte lediglich eine kurze Episode aus einer unliebsamen Vergangenheit dieses Menschen. Aber nun, da er um diese Episode wusste, sah er alles irgendwie anders. Es war fast ein wenig Bewunderung, die David empfand. Gabriel hatte etwas aus seinem Leben gemacht. Er tat etwas, das ihm Spaß machte.

Und was ist mit mir?, fragte sich David. Er lebte vor sich hin, gab sich Mühe, sich den Gepflogenheiten aller um ihn herum anzupassen und kam sich dabei doch stets wie ein Fremdkörper vor. Aber er war schon damals der Schwächere von ihnen gewesen. Das war ihm klar und das musste auch Gabriel mehr als bewusst sein. Andernfalls hätte dieser nicht so sehr seinen Spott mit ihm getrieben.

Ein Porträt hatte Gabriel von ihm malen wollen. David schluckte ein bitteres Lachen hinunter und ging einmal um das Sofa herum. „Von wegen“, murmelte er und griff nach dem Zeichenblock, der noch immer auf dem Tisch lag und von dem ihm sein eigenes Konterfei entgegenblickte. Je länger David das Bild anstarrte, umso unwohler fühlte er sich in seiner Haut. Die Zeichnung war wirklich detailliert und aufwändig, so weit er das aus seiner Sicht beurteilen konnte. Für eine bloße Masche, ihn hierher zu locken, hatte der Maler wirklich viel Aufwand in das Bild gesteckt. Vor allem aber lag etwas in dem Blick des gezeichneten Davids, das den echten David irritierte. Wenn er nur genau benennen könnte, was es war, das ihn störte.

Gabriel kam aus der Küche mit zwei dampfenden Tassen in den Händen zurück. Er wirkte erstaunt, als er David mit der Skizze in der Hand erblickte, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich für einen kurzen Moment. War das tatsächlich ein liebenswürdiges Lächeln, mit dem er David bedachte? David dachte unwillkürlich an die Szene im Café zurück, als er schon einmal den Eindruck gehabt hatte, dass hinter dem aufgesetzten Benehmen etwas Anderes, Unverfälschtes hervorgekommen war. Aber er war alles andere als ein Menschenkenner, also konnte er sich in diesem Punkt auch gewaltig täuschen.

Gabriel verschwand noch einmal, nachdem er die Tassen abgestellt hatte, und damit war der kurze Moment dieser für David irritierenden Vertrautheit auch schon wieder vorüber. Es ist das Bild!, schoss es ihm durch den Kopf. Nicht ich. Er hat so lange daran gesessen … Schnell legte David den Block wieder auf den Tisch. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es war, wenn die eigene Arbeit derart zur Schau gestellt wurde und schonungslos allen Kritiken ausgesetzt war. Das unterschied sich so gewaltig von seiner eigenen, anonymen Tätigkeit. Apropos anonym … Die Gesichter auf den Bildern in der Ausstellung waren für die meisten Besucher vermutlich die Gesichter von Fremden, so auch für ihn, aber irgendwo gab es die echten Personen aus Fleisch und Blut, die für diese Porträts Modell gestanden hatten. Ob sie sich die Ausstellung angeschaut hatten?

Auf einmal merkte David, wie müde er war. Gabriels Offenbarung und dieses ständige Kopfzerbrechen laugten ihn aus. Er fühlte sich beinahe wie nach einer seiner bedeutungslosen Therapiestunden. Sein Blick blieb an den Tassen haften, die Gabriel gebracht hatte. Ein verführerischer Duft von Kaffee stieg ihm in die Nase. Es war lange her, dass er einen anderen als den getrunken hatte, der im Café in der Innenstadt verkauft wurde oder der aus seiner eigenen Kaffeemaschine tröpfelte. Zögernd griff er nach einer der Tassen. Sie lag warm in seinen Händen und er genoss dieses wohltuende Gefühl, das seine Finger durchströmte. Gedankenverloren schlenderte er in den hinteren Teil des großzügigen Raumes und stand schließlich vor der Staffelei, die er bereits bei seinem Eintreten bemerkt hatte. Sie war so gedreht, dass man die Leinwand, die darauf festgemacht war, von der Tür aus nicht sah. Jetzt jedoch konnte er einen Blick darauf werfen und fand sich einem offensichtlich halbfertigen Gemälde gegenüber, das eine junge Frau zeigte. Auch jetzt schon hatte er beinahe das Gefühl, dem Mädchen gegenüber zu stehen. Wie mochte sich das erst anfühlen, wenn das Bild fertig war? Die Traurigkeit, die ihm von der Leinwand aus den blauen Augen entgegenblickte, berührte etwas tief in ihm. Er fand es wirklich erstaunlich, was ein paar Farbstriche, richtig aufgebracht, für eine Wirkung erzielen konnten.

In diesem Augenblick kam Gabriel erneut aus der Küche, mit einer Schüssel voll Keksen, die er ebenfalls auf dem Tisch abstellte. David bemerkte, wie er nun von Gabriel beobachtet wurde. Es war wohl nur Neugierde, die im Blick des Malers lag, doch David fühlte sich trotzdem irgendwie ertappt und kehrte wieder zur Sitzgruppe zurück. Gabriel sagte nichts und David war diese Stille unangenehm.

„Und jetzt?“, fragte er in das Schweigen hinein, schaute den Maler dabei aber nicht an. Im Reden war er doch noch nie gut gewesen.

„Du solltest den Kaffee trinken, solange er noch heiß ist. Gefrühstückt hast du wohl schon?“

Diese latente Überheblichkeit war nun wieder deutlich herauszuhören, als wüsste Gabriel sowieso schon alles. Natürlich hatte David schon gefrühstückt. Wie jeden Morgen eben. Zur Antwort zuckte er nur kurz mit den Schultern. Er spürte immer noch eine bleierne Schwere, die seinen Körper gefangen hielt. Vielleicht sollte er es einfach riskieren und einen Schluck von diesem Kaffee probieren. So viel anders als der im Café konnte er doch nicht schmecken. Kaffee war Kaffee, oder nicht?

„Du solltest dich wirklich setzen, David.“

Jetzt schaute David doch zu Gabriel hinüber, der sich gerade an den Keksen bediente. Du solltest … Du solltest … Es war David überhaupt nicht recht, dass der Maler der Meinung war, er wisse, was das Beste für ihn sei. Nein … David krempelte diesen Gedanken noch einmal um. Eigentlich war es hauptsächlich so, dass er verärgert war, weil er selbst keine Ahnung hatte, was er am besten mit sich anfangen sollte. Gabriel meinte es doch nur gut.

Da David keine Ahnung hatte, über was sie sprechen könnten, er aber auch nicht einfach still dasitzen wollte, während er seinen Kaffee trank, ging er um das Sofa herum zu dem Bücherregal, überflog die Titel auf den Buchrücken und zog dann ein eher dünnes Büchlein heraus, dessen Autor ihm vage bekannt vorkam – vielleicht von einer Reklame. Gabriel beschwerte sich nicht, dass er sich so selbstständig an der Lektüre bediente, und so ließ sich David mit dem Buch in den Händen doch auf dem Sofa nieder, wie der Maler es vorgeschlagen hatte. Er bemerkte durchaus, dass Gabriel ihn vom Sessel aus musterte, doch er hielt seinen Blick starr auf die Seite mit der Überschrift „Kapitel 1“ gerichtet und versuchte, die Buchstaben und Wörter, die auf dieser ersten Seite umherschwirrten, zu sinnvollen Sätzen zu ordnen. Eigentlich wollte er gar nicht lesen, eigentlich wollte er viel lieber zu Hause sein und diesen heutigen Tag einfach vergessen, aber das ging wohl schlecht. Man konnte nichts im Leben rückgängig machen. Jede Entscheidung zog eine Konsequenz nach sich, und manchmal waren diese Konsequenzen eben nicht vorherzusagen.

Gabriel knusperte noch einen Keks und war dann so schnell auf den Beinen, dass David erschrocken den Kopf hob. Doch der Maler lief nicht auf ihn zu, sondern nach hinten in seine Arbeitsecke. Er schnappte sich eine Leinwand und noch ein paar kleinere Gegenstände, irgendwelche Stifte, die David nicht erkannte, und kehrte damit in seinen Sessel zurück. David war irritiert, doch dann schwante ihm, was da vor sich ging.

„Lass dich nicht stören“, meinte Gabriel leichthin und begann, mit einem der Stifte auf der Leinwand herumzufuhrwerken. Das war natürlich leichter gesagt als getan. David wollte etwas sagen, hatte den Mund schon geöffnet, aber welche Worte würden Gabriel schon davon abhalten, seinen Anblick auf der Leinwand zu verewigen?

Außerdem konnte er doch jederzeit gehen, nichts und niemand hielt ihn hier fest. Und doch hatte David nicht das Verlangen, diesem Augenblick entfliehen zu müssen. Er saß auf diesem Sofa, mitten in einem Raum, stand sogar unter Beobachtung, aber dieses Paar Augen, das ihn unentwegt prüfend ansah, hatte nichts Wertendes, nichts Urteilendes. Für einen kurzen Moment schloss David die Augen. Da war nicht dieses Gefühl, als drehe sich auf einmal das Zimmer um ihn, kein Herzklopfen, keine Atemnot. Da war vielmehr eine eigentümliche Ruhe, und das nicht nur, weil in diesem Augenblick außer dem über die Leinwand scharrenden Stift kein anderer Laut in der Luft lag, sondern auch, weil er selbst vollkommen gelassen war. Er hatte das Gefühl, er könnte hier sitzen, Kaffee trinken und in dem Buch lesen. Nur das. Und was Gabriel anging … Es war okay. Gabriel war Maler, steckte seine ganze Energie in seine Bilder und wenn er nun eben David malen wollte, dann konnte er ihm das doch nicht verwehren. Schließlich hatte Gabriel etwas aus seinem Leben gemacht, hatte sich trotz des erlebten Leides wieder in die Gesellschaft eingefunden. David bewunderte das. Außerdem hatte Gabriel ihn immer beschützt.

David schlug die Augen wieder auf. Unbewusst stieß er einen leisen Seufzer aus, nippte an dem lauen, bittersüßlichen Kaffee und begann, das erste Kapitel des Buches noch einmal von vorn und konzentriert zu lesen.

Abgründig

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5 Gedanken zu “Abgründig 12

  1. Ein längeres Kapitel in kammerspielartiger Manier durch die Einheit von Ort und Zeit. Trotzdem wird es einem als Leser niemals langweilig, was wohl hauptsächlich an dem disparaten Gefühl hängt, das einem – inzwischen in der Rolle des Protagonisten – den Raum verlassen lassen möchte auf der einen Seite und das doch zum Verbleiben zwingt auf der anderen. Man fühlt sich wie in einem alptraumhaften Spuckhaus und möchte fliehen, möchte durch den Wald nach Hause rennen. Aber irgendwas hält einem fest und bald wird man mit der letzten Kerze in der Hand, die Treppe hinab steigen, um dem leisen Wimmern auf die Spur zu kommen. Geister und Untote fehlen in deiner Geschichte, aber was ihren Horror ausmacht, machst du mit deiner hinhaltenden Psychologie. Vielleicht bin ich ja zu feinfühlig, aber ich darf deine Geschichte nicht abends lesen, bekomme sonst Alpträume, weil ich auch so viel reininterpretiere. Da hatt ich schon furchtbare Ängste ausgestanden, ob in dem Kaffee nicht ein Mittelchen mitwirkt .. Die richtige Kost jedenfalls für uns paranoide, die hinter jedem aufgeschlagenen Buch ein Teufelswerk vermuten 😉

    Es liest sich wie ein Roman der großen Schriftsteller, wo du weißt, das Lesen macht Sinn, weil der Autor weiß, was er will und auch die psychologische und emotionale Kompetenz zum Schreiben besitzt, was vielen Bloggern fehlt, wo man sich fühlt wie in einem unkorrigiertem Schulaufsatz der Klasse 5b Realschule.

    LG PP 🙂

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  2. Den Gedanken mit dem Mittel im Kaffee hatte ich auch schon.
    Und nachdem ich Teil 11 noch einmal gelesen habe, ist mir etwas aufgefallen, das ich zuvor überlesen hatte, Schande über mich.
    Jedenfalls ja, der subtile Schrecken kommt durchaus gut herüber, und ich bin tatsächlich sehr gespannt darauf, wie es weitergehen wird.

    Gefällt 1 Person

  3. Da stirbt man halt mal tausend Tode bis zum nächsten Freitag, auch wenn man rufen möchte: „Ich wills heute wissen und zwar gleich“. bekommt man zur Antwort: „Geduld ist eine Tugend.“ Da möchte Mann vor Wut milchige Muschis sauberlecken .. LG PP

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