Kräftig rotes Sonnenlicht fiel durch das kleine, vergitterte Fenster und malte ein verzerrtes Rechteck auf die fleckige, weiße Tapete gegenüber. Es war ein Licht, das den Abend ankündigte, flach einfallend, mit tanzenden Staubkörnern in seinem Schein. Zwei Jungen hielten sich in dem winzigen Zimmer auf, in dem das Fenster knapp unterhalb der Decke in die Wand eingelassen war. Einer der beiden saß auf einer heruntergekommenen, vergilbten Matratze, die ohne Rost auf dem kalten Betonboden lag, der andere lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand unterhalb des Fensters. Alles war still. Neben dem leuchtenden Fleck des einfallenden Abendlichts war eine Stahltür, kühl und massiv, die den einzigen Ausgang aus dem engen Raum verschloss. Das Fenster befand sich gänzlich außer Reichweite und erlaubte lediglich einen Blick nach oben in den bunt gefärbten, noch viel weiter entfernten Himmel.

Der Junge auf der Matratze starrte mit aufgerissenen Augen vor sich hin, gedankenverloren wippte er leicht mit dem Oberkörper vor und zurück und schreckte mit klopfendem Herzen auf, als ein scharrendes Geräusch in der Totenstille des Zimmers ertönte. Der Junge unter dem Fenster hatte sich an der Wand entlang zu Boden sinken lassen und damit den unerwarteten Laut verursacht. Jetzt öffnete er die Augen und blickte zu dem Jungen auf dem provisorischen Bett hinüber, kalt und leer war der Ausdruck darin. Der Junge auf der Matratze schluckte. Er konnte diesen Blick nicht ertragen.

„Wann kommt er zurück?“ Die Stimme des Jungen auf der Matratze war kratzig. Seit er kaum noch etwas sprach, hatte er Mühe, überhaupt ein verständliches Wort hervorzubringen.

„Keine Ahnung.“ Der andere Junge zuckte mit den Schultern. Seine Augen hatte er wieder geschlossen und fuhr stattdessen mit den Fingerspitzen über den rauen Boden, fühlte die körnigen Unebenheiten und den Staub und Dreck, der sich auf der Oberfläche festgetreten hatte.

„Ich habe Angst.“ Der Junge auf dem Bett schlang die Arme um seinen Oberkörper und begann erneut vor und zurück zu schaukeln.

„Tss“, war die einzige Antwort, die der andere Junge auf dieses Geständnis hin von sich gab. Das mochte herablassend klingen, doch diese Überheblichkeit war einzig und allein dazu da, die eigene Furcht zu überdecken. Sie bot eine Möglichkeit, die nagende Ungewissheit darüber, wann wieder etwas geschehen würde, und die daraus resultierende Unsicherheit zu überspielen und für einen Moment aus dem direkten Bewusstsein zu drängen. Natürlich hielt das nie lange an.

Im Zimmer war es dunkel, eng und schmutzig, nichts als abgestandene Luft zum Atmen und keiner von beiden wusste, wann es das nächste Mal etwas zu trinken und zu essen geben würde. Den Hunger konnten sie mittlerweile beide ignorieren, doch ihre Kehlen brannten mit jeder Minute mehr, und einerseits hofften sie darauf, dass sich die Tür bald öffnete, andererseits gab es nichts, das sie mehr fürchteten.

Das wenige Licht, das gerade noch ein helles, verschwommenes Rechteck durch das Fenster an die Decke zu werfen vermochte, schwand zusehends und bald war die Nacht gänzlich angebrochen.

Abgründig

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4 Gedanken zu “Abgründig 1

  1. Ich mag diesen Anfang – er lädt tatsächlich dazu ein, sich auszumalen, was hier wohl geschehen sein mag und wie die beiden Jungen wohl in diese Lage gekommen sein mögen. Ich freue mich schon darauf, wenn es weitergeht.

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