Phantom – Kapitel 3.3

Lisa war noch immer durcheinander. Das, was da am Vorabend in dem Club passiert war, würde sie so schnell nicht vergessen. Und dann war es auch ausgerechnet noch Caroline gewesen, die ihn gefunden hatte – Karl. Obwohl Sonntag war und obwohl ihr Vater natürlich von sämtlichen Ermittlungen ausgeschlossen worden war – schließlich handelte es sich bei dem Toten um seinen Partner – war er ins Präsidium gegangen. Und sie hatte ihn begleitet. Zum einen, weil sie nicht wusste, was sie mit sich anfangen sollte, und zum anderen, weil sie aufpassen wollte, dass ihr Vater nichts Dummes anstellte. Sie kannte ihn immerhin schon ihr Leben lang. Und wenn sie schon verwirrt, traurig, wütend und bestürzt war, dann mochte sie sich gar nicht vorstellen, wie es ihrem Vater ging.

Die Ereignisse liefen immer wieder wie ein Film vor Lisas Augen ab. Caroline hatte geschrien und Lisa war zu ihr gerannt, genau wie eine Menge anderer Leute. Ein Mensch hatte da gelegen im Halbdunkel der Gasse, angeleuchtet vor allem durch die Fluchtwegbeleuchtung des Hinterausgangs des Clubs. Sie hatte zunächst gar nicht erkannt, um wen es sich dabei handelte. Natürlich hatte sie zunächst auch nicht gedacht, dass derjenige tot war. Viel wahrscheinlicher war es doch gewesen, dass es sich einfach um einen Obdachlosen handelte, der in der Gasse ein ruhiges Plätzchen zum Schlafen gefunden hatte. Aber es war jemand hingegangen, hatte sich hinuntergebeugt und nach kurzer Zeit – die ihr wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen war, aber sie wusste, es konnte sich nur um wenige Sekunden gehandelt haben – tonlos „tot“ gemurmelt hatte. Seltsamerweise hatte sie dieses Wort trotz des Lärms, der um sie geherrscht hatte, sehr deutlich verstanden.

Anschließend war relativ zügig die Polizei aufgekreuzt und hatte die Menschenmenge vom Fundort der Leiche abgehalten. Auch ihr Vater war dort gewesen, allerdings privat. Er hatte über Funk die Nachricht, dass im Black Silver Night oder zumindest in dessen unmittelbarer Nähe offenbar ein Verbrechen passiert war, vernommen und sich, weil er ja gewusst hatte, dass seine Tochter in diesem Club war, sofort auf den Weg zu ihr gemacht. Dort hatte er die traurige Nachricht erfahren, hatte sie sogar noch mit eigenen Augen bestätigt haben wollen. Karl, sein langjähriger Dienstpartner, war tot.

Nun saß Lisa auf dem Schreibtisch in einem leerstehenden Büro im Präsidium, baumelte mit den Beinen, die nicht ganz bis zum Boden reichten, und wartete darauf, dass ihr Papa wieder zurückkam. Er wolle sich beim zuständigen Team nur kurz über den aktuellen Stand erkundigen, hatte er ihr gesagt. Sie war kurz davor, ihn suchen zu gehen und eigenhändig nach Hause zurück zu schleifen, denn wenn er wollte, konnte er überaus stur sein, und sie bezweifelte, dass seine Kollegen dann vernünftig mit ihm umzugehen wussten. Sie musste nun allerdings nicht mehr lange warten, bis jemand ins Büro trat. Ihr Vater schaute überaus missmutig drein, als er auf sie zu stapfte. Er hatte sich eine harte Miene aufgesetzt, aber Lisa war sich sicher, dass sie nur dazu da war, all die anderen Gefühle in ihm in Schach zu halten.

Karl war ein netter Mensch gewesen. Seine Frau hatte ihn vor einigen Jahren verlassen, also hatte er wohl nicht immer alles richtig gemacht, aber wer war Lisa schon, dass sie das beurteilen konnte. Sie hatte ihn manchmal „Onkel Karl“ genannt. Darüber hatte er sich zwar regelmäßig beschwert, da er sich dann – seine Worte – wie ein alter Sack vorkäme, aber insgeheim schien er sich doch darüber gefreut zu haben. Sie würde ihn vermissen.

„Lisa.“ Die Stimme ihres Papas war kratzig und er räusperte sich. „Lisa, gehen wir nach Hause.“

Sie nickte, glitt von der Tischplatte und schnappte sich ihre Jacke, die sie über die Lehne eines Drehstuhls geworfen hatte. Sie wusste nicht genau, ob sie Fragen stellen durfte. Natürlich wollte sie wissen, was passiert war, warum Karl tot in der Gasse gelegen hatte. Aber wollte ihr Vater im Moment reden? Und würde er mit ihr reden wollen? Sie kannte ihn zwar gut, aber so gut offenbar doch nicht.

Ihr Vater blieb ganz dich hinter ihr, als sie den Flur in Richtung Ausgang entlanggingen. Sie kannte den Weg, auch wenn es nicht sein Büro gewesen war, in das er sie gesetzt hatte. Sein Büro war ja auch Karls Büro und vermutlich waren sie deshalb heute nicht dorthin gegangen.

Auf den Gängen herrschte dafür, dass Sonntag war, ein reges Treiben. Kein Wunder, denn es wurden eine Menge mögliche Zeugen befragt. Auch sie war bereits befragt worden. Allerdings hatte sie ja nichts weiter gesehen, als das, was sie eben gesehen hatte: den toten Karl in der Gasse. Sie hätte gern etwas zur Lösung des Falles beigetragen.

Als Lisa und ihr Vater um die letzte Ecke bogen, bevor der Eingangsbereich in Sicht kam, stieß sie beinahe mit einer ihr entgegenkommenden Person zusammen.

„Oh, Verzeihung.“ Sie machte schnell einen halben Schritt zur Seite, um eine Zusammenprall zu vermeiden, und blickte dann erst auf. „Oh!“ Vor Überraschung, wem sie da gegenüberstand, vergaß sie, weiterzugehen und ihr Vater lief von hinten in sie hinein. „Das ist …“ Sie merkte sofort, dass sie knallrot anlief. „Phantom!“, flüsterte sie beinahe ehrfürchtig, ohne Frank, den Gitarristen, aus den Augen zu lassen. Er sah zwar etwas normaler aus als das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, und das war auf der Bühne gewesen, aber er war es ohne Zweifel. Sie erkannte auch weitere Bandmitglieder. Alle zusammen wurden sie von einem Polizeibeamten begleitet.

„Hi!“ Frank hob lässig die Hand und grüßte sie. Er hatte zunächst sehr mürrisch dreingeschaut, aber nun huschte ihm doch ein Lächeln übers Gesicht. Lisa wurde noch roter, falls das überhaupt möglich war. Ihr Herz klopfte laut in ihrer Brust, während sie weiter nur dastand und nicht wusste, was als nächstes zu tun war.

„Lisa“, murmelte ihr Vater von hinten und schob sie sanft weiter.

„Oh.“ Sie hatte ihn beinahe vergessen. Seine Berührung riss sie aus ihrer Erstarrung und folgsam tappte sie weiter, an Frank vorbei und Georg, dem Schlagzeuger, und … Als ihr bewusst wurde, dass sie solch eine Situation wohl nicht so bald wieder erleben würde, drehte sie sich noch einmal um, nahm all ihren Mut zusammen und sagte laut: „Euer Konzert war echt spitze gestern. Ehrlich …“

Als Antwort deutete Frank eine leichte Verbeugung an und Sam, der Bassist, strahlte ihr ein „Danke!“ entgegen. Dann gingen die Musiker weiter und waren gleich aus Lisas Sichtfeld verschwunden. Erst jetzt, als sie die Situation noch einmal Revue passieren ließ, fiel ihr auf, dass Kora, der Sänger, nicht bei der Gruppe gewesen war.

Phantom

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