Phantom – Kapitel 3.2

Es wehte ein eisiger Wind, als Frank mit hochgeschlagenem Kragen vor dem Polizeipräsidium eintraf. Seine Haare hatte er einfach nur zu einem Knoten auf seinem Kopf gebunden und klamottentechnisch hatte er das Biederste, was er in seinem Schrank gefunden hatte – eine Jeans mit aufgerissenen Knien und ein türkisfarbenes Hemd – übergezogen. Ihm war die Band einfach zu wichtig, als dass er wegen solcher Nebensächlichkeiten die Zeit, die die Polizei auf sie verwendete, unnötig in die Länge gezogen hätte. Wenn auch nur irgendein Hinterwäldlerpolizist ihn allein wegen seiner unkonventionellen Erscheinung anders als jeden anderen Zeugen behandelt hätte, dann hätte er das nicht mit sich vereinbaren können – cooler Look hin oder her.

„Jo, Frank!“ Das war Georg, der da seinen Namen rief. Der Schlagzeuger marschierte gerade vom Parkplatz aus auf den Eingang zu und schloss nun zu ihm auf. „Gut, dass du da bist. So muss ich wenigstens nicht alleine reingehen.“ Georg versuchte sich mit einem Grinsen, aber Frank konnte der Situation wirklich nichts Spaßiges abgewinnen.

„Die anderen?“

„Sollten auch kommen. Sam und Dariusz hab ich persönlich erreicht, bei Kora ist nur die Mailbox rangegangen.“

Frank runzelte die Stirn. Er wollte die ganze Sache nur möglichst schnell über die Bühne bringen, was, wenn er so darüber nachdachte, eine ziemlich blöde Redewendung war. Eigentlich wollte er ja wieder auf die Bühne.

„Wieso müssen wir eigentlich alle antanzen? Ist das echt notwendig? Ich meine, da waren doch zig andere Leute mit in dem Club!“ Er untermalte seine Aussage mit einer ausholenden Geste seiner Arme. „So ein Kackmist!“

„Hey, beruhig dich. Glaubst du, mir macht das nichts aus? Oder den anderen? Wir gehen da einfach rein, machen unsere Aussage und ziehen wieder ab. Und ja, da waren zig anderen Leute mit in dem Club und ich gehe stark davon aus, dass die auch alle befragt werden, sofern die ihre Personalien angegeben haben. Wir können aber wohl schlecht behaupten, nicht dagewesen zu sein, oder?“ Wieder ein Grinsen und diesmal konnte Frank seinen finsteren Gesichtsausdruck nicht gänzlich beibehalten. Georg hatte ja recht. Und es half der Band auch nicht, wenn er hier mit einer Miene herumlief, als wäre er der Leibhaftige.

Mit einem Seufzen setzte Frank sich in Bewegung und marschierte, dicht gefolgt von Georg, den Treppenabsatz hinauf, der ihn in den Eingangsbereich des Präsidiums führte. Es herrschte dort nur mäßiger Betrieb und so sah er gleich auf den ersten Blick Sam und Dariusz, die auf Wartestühlen im hinteren Teil des Raumes saßen. Er winkte ihnen zu und wollte schon in ihre Richtung laufen, als Georg ihn zurückhielt und sanft in Richtung des Beamten am Empfang zerrte.

„Wir sollten uns erst anmelden“, meinte Georg, trat zu dem Tresen und wechselte ein paar Worte mit dem Polizisten. Frank hörte nicht wirklich hin. Schließlich nickte der Polizist auch ihm zu und bedeutete ihnen beiden, noch kurz zu warten. Frank ließ sich nicht zweimal bitten und ließ sich neben Sam auf einen Lochblechstuhl, der an der Wand befestigt war, sinken.

„Jo, Mann, schön dich zu sehen.“ Sam hielt ihm eine Faust hin und Frank erwiderte den Gruß. Der Bassist wirkte sichtlich erleichtert, weitere bekannte Gesichter um sich zu haben.

„Wie lange seid ihr schon da?“, erkundigte sich Frank und blickte von Sam zu Dariusz. Georg setzte sich ebenfalls.

„Wir sind auch gerade erst gekommen. Ich habe Sam mitgenommen. Wir wohnen ja nicht weit voneinander entfernt.“

Frank nickte. Sein Blick fiel auf die Uhr, die an der Wand gegenüber hing. Es war eigentlich so weit, noch zwei Minuten bis elf Uhr. Er bemerkte, wie Sam nervös mit den Fingern auf seinen Oberschenkeln trommelte. In jeder anderen Situation hätte Frank wohl die Augen verdreht, hier jedoch konnte er Sam sein Verhalten nicht übel nehmen. Ohne seinen Bass in der Hand war es für Sam ja schon unter normalen Umständen schwer, ruhig zu bleiben, aber jetzt … Frank langte in seine Hosentasche und fischte einen kleinen Gegenstand daraus hervor. Einen Bass hatte er zwar gerade nicht einstecken, dafür aber … „Hier, nimm das.“ Er drückte Sam das Plektrum in die Hand, ein altes, schon ziemlich abgewetztes Teil, das er vor einiger Zeit ausrangiert hatte.

„Sorry, Frank, ich bin etwas nervös.“

„Wär mir nicht aufgefallen.“

„Apropos auffallen.“ Dariusz wandte sich zu Georg. „Wo ist eigentlich Kora?“

Georg zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich hab ihn nicht persönlich erreicht. Hab ihm eine Nachricht auf seiner Mailbox hinterlassen.“

Frank runzelte die Stirn. Ihm fiel wieder ein, wie schlecht Kora gestern Abend ausgesehen hatte, als sie sich in der Backstagetoilette über den Weg gelaufen waren. Danach hatte er ihn nicht mehr wirklich zu Gesicht bekommen, da er mehr auf Sam geachtet hatte. Ob er sich doch ernsthafte Sorgen um ihren Sänger machen musste? Es war nun schon zwei nach elf. Normalerweise kam Kora nicht zu spät. Oder musste er sich Sorgen wegen ihm machen?

Phantom

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