Stimme im Sturm – „[Coll:set]“ von D’espairsRay

[Coll:set] von D’espairsRay – Old but gold, würde ich zu dieser Scheibe sagen. Gut, so alt ist sie nun, objektiv betrachtet, nicht, für mich hat sie aber Nostalgiecharakter. Zusammen mit Withering to death. (von Dir en grey) war sie eine meiner beiden ersten japanischen CDs. Im Jahr 2006 wurde sie als EU-Pressung veröffentlicht (d. h., man konnte sie nicht nur als Importware beziehen) und enthält insgesamt 14 Lieder – 12 neue Songs sowie 2 Remixes älterer Stücke der Band.

D’espairsRay ist eine vierköpfige Band, bestehend aus Sänger Hizumi, Gitarrist Karyu, Bassist Zero und Schlagzeuger Tsukasa. Vor allem zu Beginn der Bandgeschichte, die 1999 startet, ist der Sound von D’espairsRay recht düster, wird erst später nach [Coll:set] (leider) etwas dem Mainstream angepasst. Sucht man nach Beschreibungen des musikalischen Genres, in dem D’espairsRay unterwegs sind, findet sich unter anderem Industrial Rock und Gothrock. Doch trotz aller Düsternis und Härte, zu denen die Klangfarbe von Hizumis Stimme maßgeblich beiträgt, sind die Lieder auch durchaus melodisch. Was mir aufgefallen ist: Bei D’espairsRay findet man kaum ausgedehnte Solo-Gitarren-Passagen – Karyu spielt hauptsächlich eine Rhythmusgitarrenstimme, diese aber ausgesprochen gut mit vielen eingängigen Riffs.

Wer es kurz haben möchte, hier meine Anspieltipps: (3) in vain, (9) „Forbidden“

(1) infection (Youtube-Link) ist komplett in Englisch gesungen – was eher selten für japanische Gruppen ist, zumindest für Gruppen aus der Zeit. Es beginnt sehr ruhig, allerdings mit einer deutlichen Ahnung von Spannung. Auch der Gesang setzt zunächst sehr zurückhaltend ein. Es fällt relativ schnell auf, dass Sänger Hizumi eine vergleichsweise tiefe Stimme hat und – wenn der Refrain dann in voller Härte einsetzt – auch eine sehr raue, fast dreckige. Für mich schwingt immer so eine Art „Fiesigkeit“ mit. Das macht sie aber ziemlich einzigartig. Seine Screams sind ebenfalls hörenswert, wenn auch bei infection nicht viele solche Passagen auftauchen.

(2) Mit Dears (Youtube-Link) schließt sich ein schnelles Lied mit auffallendem Gitarrenriff und überraschend eingängiger Melodie an. Die knapp 4 Minuten vergehen beim Hören dieses Liedes irgendwie schneller als gedacht. Schön ist auch die Instrumentalpassage in der zweiten Hälfte des Liedes, in der der Bass gut herauszuhören ist.

(3) in vain (Youtube-Link, Youtube-Link Liveversion) ist das Lied, das D’espairsRay vielleicht am besten zusammenfasst, zumindest von all den Liedern, die ich von der Gruppe kenne. Es ist düster, rhythmisch und zeigt eine ausgewogene Mischung aus Härte und Melodie. Hizumis Stimmvielfalt kommt gut zur Geltung. Es ist auch auffallend, dass der (englische) Text seiner Growlpassagen recht gut verständlich ist. Das Gitarrenriff ist eingängig, es gibt allerdings kein explizites Gitarrensolo.

(4) Grudge (Youtube-Link) ist wie schon in vain mit markanten Gitarrenriffs durchsetzt. Die Strophen, die clean gesungen sind, klingen leicht ätherisch, was mal etwas anderes ist. Die Bridge ist wieder sehr kernig, wobei der Refrain leicht abflacht, da er nicht so richtig im Ohr hängen bleibt.

(5) 月の記憶-fallen- [tsuki no kioku-fallen-] (Youtube-Link) beginnt unter anderem mit einer Akustikgitarre, die sich fast nach einer Art Banjo anhört. Die Strophen sind ruhig und schön gesungen, etwas mehr Fahrt nimmt das Lied mit der Bridge auf, die in eine schöne Melodie im Refrain übergeht. Von der Stimmung her ist das Lied für mich nicht wirklich eine Ballade; es ist sehr sehnsuchtsvoll und ein bisschen verträumt.

(6) Garnet (Youtube-Link) beginnt mit einem Intro für Schlagzeug, zu dem sich Gitarreneinwürfe und anschließend wieder eine ätherische Gesangsstimme gesellen. Der Refrain ist dagegen wieder etwas härter. Hervorstechend bei diesem Lied ist der Schlagzeugrhythmus, der sich wie ein Uhrwerk fast durch das komplette Stück zieht.

(7) アベルとカイン [Abel to Kain] (Youtube-Link) besticht durch einen schwerfälligen Rhythmus. Die geflüsterten Gesangsteile lassen eine leicht unheimliche Stimmung aufkommen, die im Refrain allerdings nicht aufrecht erhalten wird. Hängen bleibt definitiv der Rhythmus des Liedes.

(8) 「浮遊した理想」 [fuyuu shita risou] (Youtube-Link) ist sehr schnell und bietet wieder eine gute Mischung aus gegrowlten und klar gesungenen Gesangspassagen, zusammen mit einem „catchy“ Gitarrenriff.

Original-Booklet und spezielles EU-Booklet mit Übersetzungen der Songtexte

(9) „Forbidden“ (Youtube-Link, Youtube-Link Liverversion) ist das vielleicht positivste Stück der ganzen CD, wobei das für den Text nicht unbedingt gilt. Das Lied geht gut ins Ohr, besonders der Refrain fällt durch die zweite, höhere Stimme auf.

(10) 灰と雨 [hai to ame] (Youtube-Link) setzt den Härtegrad wie das Vorgängerstück ebenfalls nicht zu hoch an. Der Einsatz von Streichorchester und Klavier lässt es wie eine Ballade klingen, und vermutlich ist es das auch. Sehr verträumt und sehnsuchtsvoll (WH).

(12) Tainted World (Youtube-Link) besticht wieder durch ein äußerst präsentes Schlagzeug, die Gitarrenstimme ist dagegen fast als dezent bzw. nuanciert zu bezeichnen. Der Refrain hat zwar eigentlich eine ganz schöne Melodie, bleibt aber trotzdem etwas blass. Lediglich der Schluss, wenn Hizumi fast alleine singt, teilweise auch im Falsett, schließt das Lied schön ab.

(13) [The world in a cage] (Youtube-Link) ist ein Instrumental-Outro, das sehr leise ist – ein geflüsterter Text und dezente Hintergrundmusik. Man muss seine Anlage schon etwas aufdrehen, um den Track richtig zu hören. Er klingt ein bisschen wie ein Intro zu einem Horrorfilm bzw. PC-Spiel. Insgesamt etwas expressiv.

Die beiden letzten Stücke sind Remixes bereits früher erschienener Lieder (Marry of the blood ~bloody minded mix~, BORN ~white stream mix~). Mir gefallen die Originale besser, besonders BORN^^ Wer aber auf computerüberarbeitete Songabwandlungen steht, für den könnten die beiden Tracks interessant sein.

Im Jahr 2011 gab die Band die endgültige Trennung bekannt, nachdem Sänger Hizumi wegen Hals-/Stimmbandproblemen für längere Zeit nicht mehr singen konnte (auch wenn er, was eher ungewöhnlich für die Szene in Japan ist, Nichtraucher ist). Schlagzeuger Tsukasa ist heute unter anderem als Enka-Sänger solo unterwegs (unter dem Namen Mogamigawa Tsukasa), zusammen mit Bassist Zero spielt er auch in der Band THE MICRO HEAD 4N’S. Karyu ist aktuell in der Gruppe Angelo an der Gitarre tätig.

Bis zum nächsten Mal

Michaela

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