Phantom – Kapitel 2.5

Die erste Bandprobe zu fünft war grandios verlaufen. Frank war von einer inneren Unruhe erfüllt, die es ihm unmöglich machte, still zu sitzen. Aufregung, Tatendrang und das Wissen, dass er in diesem Augenblick rein gar nichts machen konnte, um die Band weiter voranzutreiben, ließen ihn nervös mit dem Fuß wippend an einer Flasche Bier nippen.

Sie waren alle erschöpft, denn die Probe war wirklich produktiv gewesen. Die anderen hatten sich einigermaßen schnell mit Kora abgefunden. Sam hatte gar noch gewitzelt, dass es nun, wenn Frank nicht mehr am Mikrofon tätig war, nur noch aufwärts gehen konnte. Doch jetzt war die Luft erst einmal raus und sie saßen etwas verstreut in dem Kellerraum, der ihnen als Probenraum diente. Der Keller gehörte zum Musikgeschäft von Franks Vater und einen Raum durften sie für die Bandproben nutzen – wenn sie alles sauber hielten und die Proben auf nach Geschäftsschluss legten. Frank wollte etwas sagen, irgendetwas, nur um die Stille zu vertreiben, als Sam ihm zuvorkam.

„Wir brauchen einen Namen.“ Alle Blicke richteten sich auf den Bassisten. „Irgendwas Markantes. Einen Namen, den sich die Leute merken können.“

„Der Name sollte zur Musik passen“, warf Georg ein. „Die lustigen Ulknudeln wär irgendwie nicht so prickelnd.“

„Ach …“ Dariusz prustete los, verschluckte sich beinahe an seiner Flasche. „Interessant wär’s auf alle Fälle.“

„Leute!“ Das konnte man sich ja nicht mit anhören. Frank sprang von seinem Bierkastenhocker auf und lief ein paar Schritte durch den Raum. Vielleicht war ja Bewegung das Mittel der Wahl, um seine Unruhe etwas zu besänftigen.

„Warst du schon mal irgendwo Sänger, Kora?“ Sam beugte sich neugierig nach vorn. Er hatte als einziger noch sein Instrument in der Hand.

„Bislang nicht.“ Kora strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst hatte.

„Na ja, ich frag bloß, weil wir doch in drei Wochen unseren ersten Auftritt haben.“

„In drei Wochen ist das schon?“ Georg kratzte sich etwas überrascht am Kopf. „Stimmt ja …“

„Leute, wir bekommen das hin“, ging Frank dazwischen und setzte sich wieder. „Momentan sind wir unter Blackbird im Programm geführt, also …“

„Wer hat das beschlossen?“ Sams Kopf ruckte zu Frank herum.

Frank seufzte. „Ich. Die haben irgendeinen Namen fürs Programm gebraucht. Und bislang haben wir uns noch auf keinen einigen können.“

„Eben. Ich sag doch, wir brauchen einen Namen.“ Sam lehnte sich mit verschränkten Armen und einem zufriedenen Gesichtsausdruck zurück. Für einen kurzen Moment herrschte müdes Schweigen. „Wie lange? Eine Dreiviertelstunde Stunde war es, die wir spielen mussten, oder?“

Frank nickte.

„Ich meine, wir haben heute ein neues Stück fast komplett ausgearbeitet. Wenn wir es auch nur annähernd so gut hinbekommen wie gedacht, dann wird das eine echt geile Show!“ Sam klatschte in die Hände, wobei ihm der Träger seines Basses dabei beinahe von der Schulter rutschte. Frank nickte wieder. Ein Grinsen huschte ihm übers Gesicht und er drehte sich zu Kora um.

„Denkst du, du bekommst das hin? Wir spielen ein paar von den alten Sachen und sehen mal zu, wie viel neues Material wir bis dahin noch zusammenbekommen. Wenn’s dir zu schnell geht, dann können wir für den Auftritt auch erst noch in der alten Besetzung spielen.“

„Auf keinen Fall!“ Sam fuhr auf. „Das wäre …“

„Es sollte kein Problem sein“, antwortete Kora ruhig, woraufhin Sam seinen Protest sofort einstellte. „Ich habe nur eine Bitte diesbezüglich.“

Frank runzelte die Stirn. „Eine Bitte? Schieß los, um was geht’s?“

„Ich würde gern maskiert auftreten.“

„Wie jetzt?“ Hatte Frank das richtig verstanden? Maskiert? Was hatte das zu bedeuten?

Sam kicherte. „Mit Pandamaske? Ein Faschingskostüm? Oder …?“

„Ich meine es ernst.“ Kora blickte entschieden in die Runde.

„Du willst so ne Art Kunstfigur aufziehen?“ In Franks Kopf rotierten bereits neue Ideen. „Ist es das? Das würde … Na ja, immerhin nennst du dich nicht Heinz Meier. Das könnte funktionieren. Das Geheimnisvolle, Düstere … Ohne Gesicht, wie das Phantom der Oper …“

„Hey, Franky?“ Sam wedelte mit der Hand vor Franks Augen. „Willst du schon wieder alles allein bestimmen?“

„Wie wär’s mit Phantom?“, warf Dariusz ein. „Oder Black Phantom, oder … Wegen der Maske, ihr wisst schon.“

Frank starrte auf den Cellisten.

„Schon gut, war bloß ein Vorschlag.“ Dariusz hob gleich abwehrend die Hände.

„Ne, warte mal. Die Idee ist gut.“ Georg klopfte dem Cellospieler auf die Schulter. „Oder?“

Frank nickte langsam. „Phantom …“, murmelte er vor sich hin. „Phantom …“ Er blickte nacheinander die vier anderen an, allem voran natürlich auch Kora. „Ihr wisst aber schon, dass wenn wir mit geilem Konzept und so auftreten wollen, wir auch genau so geile Musik machen müssen, um nicht komplett lächerlich dazustehen.“

„Nichts anderes haben wir doch vor.“ Um seine Worte zu untermalen, spielte Sam gleich noch einmal die Bassline, die er sich für den neuen Song überlegt hatte.

Phantom

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