Phantom – Kapitel 2.2

Frank war gespannt, wer sich da auf seine Anzeige gemeldet hatte: „Musiker für ungewöhnliches Bandprojekt gesucht. Bei Interesse bitte melden unter Telefonnummer …“

Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass diese zwei Zeilen tatsächlich jemandes Aufmerksamkeit wecken würden. Schließlich war nichts zum gesuchten Instrument oder zur Musikrichtung angegeben. Er hoffte wirklich, dass es kein Vollidiot war, wobei sich der Kerl am Telefon zumindest nicht danach angehört hatte. Er könne Klavier spielen und singen. Frank hatte den Punkt mit dem Instrument natürlich bewusst offen gelassen. Vielleicht gelang ihnen noch einmal so ein Glückstreffer wie mit Dariusz, denn ein Cello hatte er bestimmt nie in der Band mit eingeplant, aber das war schon verdammt unwahrscheinlich. Momentan übernahm er selbst den Gesangspart. Das war okay und machte ihm Spaß, allerdings wusste er auch, dass er mit seiner etwas krächzenden, alles in allem aber recht gewöhnlichen Stimme nicht der allerbeste Sänger war. Und ein Klavier? Immerhin hatten sie schon ein Cello mit im Lineup. Was Frank nur auf keinen Fall wollte, war ein verkappter Klassikfuzzi. So einen würde er gleich wieder vor die Tür setzen.

Als es an seiner Haustür klingelte, sprang er schnell auf und betätigte den Türöffner. Frank wollte den Bewerber zunächst allein treffen und erst dann, wenn von seiner Seite aus eine Zusammenarbeit möglich war, den Rest der Band mit einbeziehen. Die anderen waren einverstanden damit gewesen, und so hatte er das erste Treffen bei sich zu Hause anberaumt. Er hatte sogar sein altes Keyboard dazu aufgebaut.

Er hörte Schritte auf dem harten Fliesenboden des Treppenhauses näher kommen und öffnete die Wohnungstür. Die Gestalt, die vor ihm auftauchte, hätte ihn wohl überrascht, wenn er selbst ein biederer Ottonormalbürger gewesen wäre. Für gewöhnlich trug Frank seine Haare, die an der einen Seite seines Kopfes abrasiert waren, bunt gefärbt, mit Gel aufgestellt, oder beides gleichzeitig. Und seine Kleidung war ebenfalls nicht von der Stange: von zerrissenen Jeans und farbenfrohen Leggins über weite Druckshirts, Westen mit Fellbesatz und außergewöhnlichen Krawatten bis hin zu hautengen Netzoberteilen hatte er so einiges in seinem Kleiderschrank. Von den Schuhen gar nicht zu reden. An einem Tag wie heute, an dem er zu Hause blieb, fühlte er sich in Jogginghose und Sweatpulli ziemlich normal, wenn nicht gar langweilig. Sein Besucher trug einen kurzen, taillierten Mantel, enge Lederhosen und schlichte Stiefel, hatte einen dicken Schal um den Hals gewickelt und seine langen, gewellten, rötlich braunen Haare nach hinten gebunden. Jeder andere hätte in diesem Aufzug lächerlich ausgesehen, doch Franks Besucher stand dieser elegante, etwas androgyn wirkende Kleidungsstil.

„Hi, ich bin Frank“, stellte Frank sich dem Besucher vor.

„Kora.“ Sie tauschten einen kurzen Händedruck. „Danke für das Treffen.“

„Kein Ding. Komm erst mal rein.“ Frank schätzte, dass Kora ungefähr im selben Alter wie er war. Das war zwar nicht wichtig, aber der Gedanke war ihm bei der Begrüßung gekommen. Außerdem war er sich sicher, dass der Name nicht sein richtiger war. „Ich hatte, ehrlich gesagt, gar nicht damit gerechnet, dass sich überhaupt jemand melden würde. Die Schuhe kannst du gerne anlassen.“

Sie gingen ins Wohnzimmer. Nach kurzem, eher wenig informativem Small Talk kamen sie aber gleich zum eigentlichen Thema, vor allem, weil Frank den Eindruck hatte, dass Kora auf solche formalen Nettigkeiten nicht viel Wert legte.

„Ich habe ja am Telefon schon kurz gesagt, worum’s geht“, begann Frank. „Wir sind momentan noch zu viert und es läuft so halbwegs. Trotzdem sind wir an einem Punkt, an dem wir noch offen für alles sind, was die musikalische Richtung als auch das Lineup angeht. Ich habe zwar ein Demotape da, in das wir mal reinhören können, aber ich hätte vorgeschlagen, du zeigst mir erst mal unvoreingenommen, was so dein Ding ist.“

Frank war nun wirklich neugierig darauf, was Kora machen würde, denn er hatte nach ihrem bisherigen, kurzen Gespräch noch immer Schwierigkeiten, seinen Gast einzuschätzen. Kora verhielt sich nicht unfreundlich, aber trotzdem irgendwie distanziert. Frank wusste nicht, ob er einfach nur schüchtern war, aber ein schüchterner Frontman – sollte es denn so weit kommen – war nicht wirklich das, was eine Band brauchte.

Phantom

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