Neben Manga bzw. Comics aus Deutschland habe ich in letzter Zeit – nicht absichtlich, aber es hat sich irgendwie so ergeben – vor allem auch Comics aus Korea gelesen. Die heißen dort nicht Manga, sondern Manhwa (bzw. werden so transskripiert), aber das ist eigentlich auch egal.

Eine koreanische Comicreihe, His House von Hajin Yoo, möchte ich euch in diesem Beitrag einmal kurz vorstellen.

Der 26-jährige Student Gangyoo Lee arbeitet, um sich sein Ingenieursstudium finanzieren zu können, für einen Begleitservice der etwas anderen Art. Für Geld spielt er den festen Freund der jeweils zahlenden Kundin. Als sein Chef, seines Zeichens eigentlich Barkeeper, ihm eines Tages eine neue Anfrage unterbreitet, ist Gangyoo zunächst wenig begeistert. Anstatt einer Frau hat diesmal ein Mann nach seinen Diensten verlangt. Sein sehr geschäftstüchtiger Boss überredet ihn, den Auftrag anzunehmen, zumal die Bezahlung auch außergewöhnlich hoch ist (und die Provision für den Chef somit ebenfalls). So macht sich Gangyoo also auf zum Haus von Soohyun Yoon, dem Auftraggeber. Sein Misstrauen ob dieser merkwürdigen Anfrage kann er zwar nicht gänzlich abschütteln, allerdings fühlt er sich aufgrund der Tatsache, dass Soohyun Yoon offenbar im Rollstuhl sitzt, relativ sicher. Bei der angegebenen Adresse findet er eine große Villa mit weitläufigem Garten vor, die nur einen einzigen Bewohner hat: Soohyun Yoon.

His House
His House 1-3

Was zunächst vielleicht wie ein typischer Boys Love-Manga beginnt, entwickelt sich schon bald zu etwas Tiefgreifenderem, wobei es mir schwer fällt, die Beziehung zwischen Gangyoo und dem ein paar Jahre älteren Soohyun in wenigen Sätzen zu beschreiben, ohne zu viel zu verraten. Vielleicht ist da ein wenig Mitleid von Seiten Gangyoos, das allerdings nicht allein daher rührt, dass Soohyun im Rollstuhl sitzt. Gangyoo bemitleidet ihn eher, weil er allein ist und meint, sich in seinem Haus verkriechen zu müssen. Ein Unfall in der Jugend hat Soohyun an den Rollstuhl gefesselt. Aus Gangyoos Bedürfnis, sich um Soohyun zu kümmern, wird nach und nach jedoch echte Zuneigung. Gangyoo versucht Soohyun dazu zu bringen, wieder mehr am Leben außerhalb seiner vier Wände teilzunehmen, und steigert sich immer weiter in dieses Unterfangen hinein, dass er bald schon vergisst sich zu fragen, weshalb Soohyun ihn überhaupt engagiert hat. Denn seine Dienste als „Freund“ werden von Soohyun tatsächlich nicht verlangt. Soohyun verhält sich zunächst sehr reserviert, wenn nicht gar abweisend. Mitleid hat er definitiv nicht nötig, doch seine Beweggründe kommen erst relativ spät ans Tageslicht. Sie haben mit seiner und Gangyoos Vergangenheit und einem grausamen Familiengeheimnis zu tun, das erklärt, warum beide, Gangyoo und Soohyun, relativ früh zu Waisen wurden.

Trotz der scheinbar ernsten Thematik ist der Comic doch auch sehr lustig. Gangyoo benimmt sich manchmal wirklich derart komisch, wenn nicht sogar (zu) kindisch, dass man beim Lesen einiger Szenen nicht ernst bleiben kann. Unterstrichen wird das meist noch dadurch, dass die Figuren dann als Chibis gezeichnet sind (siehe z. B. Buchrückseite des 1. Bandes). Auch Gangyoos Boss ist für einige Lacher gut. Insgesamt ist die Mischung aus ernsten und komischen Momenten ganz gut gelungen.

Freilich ist die Geschichte mit drei Bänden nicht allzu lang, aber doch lang genug, um sich gut in die Charaktere und die Handlung einzufinden. Von den ersten paar Seiten des ersten Bandes sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen. Die Frau, deren Leidensgeschichte dort ganz kurz angerissen wird, spielt später überhaupt keine Rolle mehr. Ich glaube, der Anfang dient hauptsächlich dazu, um darzustellen, wie Gangyoos Arbeit „normalerweise“ verläuft.

His House ist aktuell nicht auf Deutsch verfügbar; ich habe die drei Bände, mit denen diese Kurzserie abgeschlossen ist, stattdessen auf Englisch gelesen. Die Bücher sind im Verlag Netcomics erschienen und bislang bin ich von den Veröffentlichungen dieses Verlags allgemein sehr angetan. Nicht nur inhaltlich, sondern auch was die Aufmachung angeht. His House ist als großformatige Klappbroschur mit ausreichend dickem Papier ausgestattet, was dem Manhwa, der komplett in Farbe gehalten ist, zu Gute kommt. Es scheint nichts durch die Seiten durch, was das Leseerlebnis stören würde. Apropos Farbe: Das muss man natürlich mögen, einen komplett farbigen Manga. Ich fand es eine ganz schöne Abwechslung, mal nicht ausschließlich in schwarz-weiß zu lesen. Bei europäischen und amerikanischen Comics ist das ja nicht ungewöhnlich, allerdings leiden vor allem die allzu filigranen Details, die oft in asiatischen Comics zu finden sind, schon etwas unter der Colorierung. Die Konturen in His House sind relativ dick und viele Hintergründe sind einfach bunte Flächen. Außerdem schlägt sich der Farbdruck natürlich auch im Preis nieder. Bei (nur) drei Bänden ist das aber zu verschmerzen.

Alles in allem ist His House eine berührende Geschichte mit ein bisschen Action, einer etwas größeren Portion Comedy und einer ganz großen Menge an Gefühl.

Viele Grüße und bis zum nächsten Mal

Michaela

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