Leute, dieses Buch ist wirklich nichts für zu zart Besaitete: Lychee Light Club von Usamaru Furuya. Selten habe ich einen Manga-Einzelband gelesen, der mir derart nahe ging und dabei eine solche Menge widersprüchlicher Gefühle hervorgerufen hat. Lychee Light Club ist anziehend und abstoßend zugleich, es ruft sowohl Faszination als auch Ekel hervor.

Dabei ist die Handlung nicht komplett von Usamaru Furuya erdacht. Lychee Light Club, der transkipierte Originaltitel lautet „raichi hikari kurabu“ (litchi hikari club), ist ursprünglich ein Theaterstück der Theatergruppe „Tokyo Grand Guignol“, wovon Usamaru Furuya 1985 eine Aufführung gesehen hat. Im Jahr 2006 ist dann die Graphic Novel, die sich allerdings in einigen Punkten signifikant vom Theaterstück unterscheidet, erschienen.

Die Geschichte dreht sich um den Light Club, eine Gruppe von neun Kindern, die es sich zum Ziel gesetzt haben, einen Roboter zu bauen, der sie bei ihrer Suche nach absoluter, unvergänglicher Schönheit unterstützt. Der Anführer der kleinen Gruppe, Zera, ist hierbei ein skrupelloser Narzisst, der mit allen Mitteln sein Ziel erreichen möchte. Er vergleicht sich selbst bzw. seinen Traum mit dem von Elagabal, einem römischen Kaiser (204-220 n. Chr.), der sich hauptsächlich wegen seiner Religionspolitik bei der römischen Bevölkerung unbeliebt gemacht hat und schließlich von aufbegehrenden Soldaten ermordet wurde. Die übrigen acht Kinder sind (zunächst) Mitläufer, die sich von Zera mitreißen lassen, sogar so weit, dass sie morden.

Lychee Light Club
Lychee Light Club (Cover: Zera mit Litschi)

Gerade zu Beginn des Buches unterhalten sich die Mitglieder des Light Clubs teilweise auf Deutsch (die Figuren sprechen im japanischen Original und auch in der englischen Version Deutsch), was in Zusammenhang mit der militärisch anmutenden Kleidung und dem diktatorischen Auftreten des Anführers nationalsozialistische Züge heraufbeschwört. Die Maschine, die die Kinder bauen und deren Treibstoff übrigens Litschis sind, erinnert stark an Frankensteins Monster. „Lychee“, so der Name der Maschine, wird ausgesandt, hübsche, junge Mädchen ins Hauptquartier des Light Clubs zu bringen. Hierbei werden verschiedene Themen angeschnitten: Was lässt sich Schönheit für eine künstliche Intelligenz definieren? Kann ein Computerprogramm einen freien Willen haben? Was ist Menschlichkeit?

Abgesehen von diesen eher philosophischen Fragen, geht es aber auch sehr oft recht heftig zur Sache. Neben dem niederträchtigen Töten, dessen perverse Ästhetik ungeschönt in Szene gesetzt wird, spielen auch die sexuellen Neigungen einiger Kinder eine durchaus wichtige Rolle.

Mit Fortschreiten der Handlung gerät der Light Club zunehmend außer Kontrolle. Paranoia und Misstrauen machen sich unter den Mitgliedern breit, was alle Charaktere zu immer drastischeren Maßnahmen zwingt. Und als Lychee nach einigen Fehlversuchen endlich die Schönheit in Form des Mädchens Kanon gefunden zu haben scheint, dreht sich die Abwärtsspirale, in der sich der Light Club befindet, nur umso schneller – ein Ende, welcher Art auch immer, scheint unausweichlich.

Lychee Light Club geht mit dem Leser wirklich nicht zimperlich um. Die schonungslosen Bilder, die Usamaru Furuya zeichnet, sind zugleich faszinierend und abschreckend, auf jeden Fall passen sie aber zur Handlung, die nicht minder aufwühlend daherkommt. Das, was mich an der Geschichte am meisten gestört hat, ist das Alter der Kinder. Zu Beginn der Geschichte soll Zera erst 13 Jahre alt sein. Das kommt mir doch etwas sehr jung dafür vor, wie er sich verhält. Die anderen Kinder der Gruppe müssten ebenfalls in diesem Alter sein, da sie alle dieselbe Klasse oder zumindest Parallelklassen besuchen. Nun gut, diese Tatsache kann man einigermaßen leicht ausblenden. Ansonsten bietet die Graphic Novel wirklich so einiges und ich konnte mich ihrem Sog nicht entziehen.

Eine Geschichte über Besessenheit, Hingabe, Aufgabe, Mut, Verzweiflung, Rache, Menschlichkeit, Vergänglichkeit, Zerstörung und, ja, sogar Liebe.

Lesen!

Bis zum nächsten Mal

Michaela

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2 Gedanken zu “Buchvorstellung: Lychee Light Club

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