Kiryu (im Original 己龍 geschrieben – „der sechste Drache“ oder „mein Drache“) ist der Name einer japanischen Band, der man ihre Herkunft deutlich anhört. Anders zwar als beispielsweise Tsukasa Mogamigawa, der traditionelle japanische Enka-Musik in ein moderneres Gewand packt, machen Kiryu moderne Musik, jedoch mit unüberhörbar traditionellen Anklängen ihres Heimatlandes: Koto, Shamisen, Shakuhachi und Co. sei Dank. Dies ergibt ein überaus interessantes Musikerlebnis, das sich angenehm von hiesigen Klängen abhebt.

Kiryu sind seit September 2007 aktiv, also seit beinahe zehn Jahren, und bestehen aus Mahiro Kurosaki (Gesang), Mitsuki Sakai (Gitarre), Takemasa Kujo (Gitarre), Hiyori Isshiki (Bass) sowie Junji Tokai (Schlagzeug). Ihre Musik könnte man, wegen der teilweisen traditionellen Instrumentierung, mit Folk bzw. Alternative Rock bezeichnen, jedoch sind durchaus auch einige härtere, Metal-lastigere Spuren vorhanden.

Kiryus Auftreten ist ebenfalls stark von traditioneller japanischer Kleidung geprägt, doch die bunten, manchmal gar schrillen Kimonos strafen mehr als einmal Lügen. Kiryu sind keine farbenfrohe Pop-Rock-Truppe, denn ein Faible für das Unheimliche und Morbide à la „The Ring“ oder „Ju-On“ wird in vielen Musikstücken deutlich.  So auch auf dem Album 暁歌水月 [kyouka suigetsu], das 2014 in zwei Versionen erschienen ist. Die limitierte Version, die eine DVD mit Musikvideo enthält, umfasst zwölf Songs, von denen ich euch im Folgenden meine Favoriten vorstelle.

Das Album beginnt vergleichsweise „unjapanisch“ mit dem Song アカイミハジケタ [akaimi hajiketa], nämlich mit einem Klavierintro. Dieses Intro könnte fast als Filmmusik durchgehen. Spätestens bei Einsetzen der Vocals fühlt man sich dann aber an Japan erinnert. Mahiro Kurosakis Gesang ist an traditionell japanischen Gesang angelehnt, stellenweise beinahe weinerlich (erinnert mich an Shigin), aber auch das hebt die Truppe von anderen Bands ab. Während des Stücks wechseln sich getragene Passagen mit aggressiveren Teilen und einem eingängigen Refrain munter ab. Als Einstieg ist アカイミハジケタ auf jeden Fall gelungen und das Musikvideo unterstreicht den unheimlichen Charakter.

Lied Nummer 3, 悦と鬱 [etsu to utsu] – „Freude und Depression“, hat einen deutlich fröhlicheren Grundton als das erste Lied. Hier sind auch einige der traditionellen, japanischen Saiteninstrumente zu hören, die dem Song in Verbindung mit dem Video einen angenehm exotischen Touch verleihen.

灯 [tomoshibi] – „Licht“, als fünftes Lied auf der CD, ist nicht minder melodiös als 悦と鬱, mit den gezeigten Schlachtfeldern und den Standarten (Sashimono) ist es aber deutlich dramatischer.

Der siebte Track 愛怨忌焔 [aien kien] ist deutlich mehr „freaky-creepy“ als die bisher vorgestellten Lieder – verrücktes Gelächter und Geschrei und eine tolle Gitarre im Refrain. Das Video setzt den Klang des knapp dreiminütigen Liedes mit viel Blut gut in Szene.

Das Lied, das den selben Namen trägt wie das Album, nämlich 暁歌水月 [kyouka suigetsu], ist Lied Nummer neun und mit viel Shakuhachi-, Shamisen- und Kotoklängen untermalt. Der teilweise fröhliche Klang täuscht jedoch, wie ich finde, denn stellenweise kommt mir das Lied eher traurig vor – so wird auch im Video eine Abschiedszeremonie gezeigt.

Mein absolutes Highlight auf dem Album ist aber das letzte Lied mit der Nummer zwölf: 蹲 [tsukubai] heißt entweder „Handwasserbecken“ oder aber „Kauern/Hocken“. Was in diesem Fall wohl die richtige Übersetzung ist? Jedenfalls solltet ihr beim Hören des Stücks die Boxen ziemlich laut aufdrehen, es beginnt nämlich relativ leise mit einer Akustikgitarrenmelodie. Auch der Gesang ist zunächst sehr verhalten, beinahe sanft. Zur Mitte hin nimmt das Lied an Fahrt auf: Der Instrumentalteil aus Koto, Shamisen und E-Gitarre ist super! Und schließlich holt auch Mahiro Kurosaki alles aus sich heraus und schreit sich sämtliches Leid von der Seele. Ein würdiger Abschluss.

So, jetzt habe ich jedes zweite Lied hier genannt^^ Ist fast ein bisschen viel, um mal eben schnell reinzuhören … Aber: Hört euch 蹲 [tsukubai] an! Wirklich!

Der Vollständigkeit halber hier noch die komplette Playlist:

  1. アカイミハジケタ [akaimi hajiketa]
  2. 靂霹ノ天青 [seiten no hekireki]
  3. 悦と鬱 [etsu to utsu]
  4. 蛾眉ノ蛹ハ羽化ヲ知ラズ [gabi no sanagi wa uka wo shirazu]
  5. 灯 [tomoshibi]
  6. 影絵ノ鴉 [kagee no karasu]
  7. 愛怨忌焔 [aien kien]
  8. 鎮具破具 [chigu hagu]
  9. 暁歌水月 [kyoka suigetsu]
  10. 邪一輪 [yokoshima ichirin]
  11. 井底之蛙 [seiteinoa]
  12. 蹲 [tsukubai]

Das war’s also mit 暁歌水月 [kyouka suigetsu] von Kiryu. Mehr tolle Musik von den verschiedensten Künstlern gibt’s übrigens auf dieser Seite meines Blogs.

Bis zum nächsten Mal, viele Grüße

Michaela

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19 Gedanken zu “Ein Lied in der Morgendämmerung, von Wasser und Mond – „kyouka suigetsu“ von Kiryu

  1. Hallo Michaela!

    Ich nehm die Gelegenheit auch mal wahr, was zu Deinen J-Rock Beiträgen zu schreiben. Für mich ist das auch eine unbekannt Welt. Ich kenne sonst alle möglichen Rock- und Metal-Varianten. Das klassische Heavy Metal Ding ist ja eher das „Faust in die Höhe strecken und operngleich „Heavy Metttaaaaallll“ intonieren durch langhaaarige, inzwischen oft ältere Herren“ fg

    Die J-Rocker kommen für mich rüber, als wären es die personifizierten Schlüpferträgerinnen aus den Automaten (die es in Japan nicht wirklich gibt, scheinbar), die rockend ausflippen, derweil sie noch in ihrem Lieblingscosimoutfit im Automaten sitzen oder diesen gerade zu Klump geschlagen und mit einer Kettensäge zerlegt haben, während sie verstörende Klänge an einer Hundekette aus dem All in diese Welt ziehen und damit auf die Menschheit eindreschen… fg

    Liebe Grüße, Jo ;-D

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  2. Also ich finde es cool, dass du über die Visual Kei-Szene schreibst. Einerseits weil die in DE ja auch vertreten ist (also in all den verschiedenen Ausprägungen von J-Rock/Pop über Manga/Anime bis hin zum Cosplay), aber andererseits weil sie doch recht unbekannt ist. Dabei gibt es einige Bands, die einfach großartige Musik machen. Meine Favoriten sind Mucc und X Japan, aber hin und wieder kommen da auch andere dazu. 🙂

    Wenn ich die Szene/Musik kritisieren würde, dann dafür, dass es stellenweise zu gleich ist bzw. die feinen Unterschiede kaum wahrnehmbar sind. Insbesondere was Stimmen beim Gesang betrifft. Das ist aber auch ein Phänomen, was man in der westlichen Musik nur allzuhäufig hat. Deshalb macht es aber Spass (mir zumindest) nach den Perlen zu tauchen, die einzigartig sind. 🙂

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    1. Da hast du vollkommen recht! Ein anderer Kritikpunkt, der mir noch in den Sinn kommt, ist die Schnelllebigkeit vieler J-Rock-Bands. Ich hab ja keine Ahnung, wie das Geschäft so läuft, aber es fällt doch auf, dass oftmals nach nur einem Jahr oder manchmal auch früher Schluss ist.
      Was den Gesang angeht, so finde ich es doch einigermaßen wichtig, dass der Sänger (bzw. die Sängerin, aber meist sind es eben Sänger) Wiedererkennungswert hat und mir die Stimme natürlich gefällt 🙂 Es muss irgendwas Besonderes dran sein. Leider sind viele Bands in der Tat austauschbar …
      Ja, Mucc sind toll! Von Mucc wollte ich auch mindestens eine CD hier noch vorstellen, nämlich Houyoku (meine erste CD der Band). Bin bloß noch nicht dazu gekommen, einen Beitrag zu schreiben^^
      X Japan kenne ich natürlich auch, allerdings nicht so gut, dass ich wirklich vernünftig meinen Senf dazu abgeben kann. Aber X Japan haben ja einen ganz großen Teil dazu beigetragen, dass die Rockszene in Japan heute so ist, wie sie ist.
      Ich würde mich freuen, wenn du hier vielleicht noch die ein oder andere Band entdeckst, die du bislang noch nicht kanntest! Bei Fragen oder Wünschen kannst du dich natürlich jederzeit gerne melden 😀 Und danke für die Blumen! 😉

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      1. Die Sache mit der Schnelllebigkeit habe ich bisher noch nicht so wahrgenommen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass die Bands, die ich mag sich nach wie vor ganz gut halten. 😀
        Aber stimmt schon: Wie der Markt in Japan läuft und funktioniert, das ist mir auch unbekannt.

        Was Mucc betrifft, so hat die Band auf fast jedem Album für mich immer Songs, die einfach großartig sind. Kennengelernt habe ich sie mit dem Lied „Saishuu Ressha“ von eben jenem Album, was du noch vorstellen willst. Von daher freue ich mich auf deinen Post. 🙂 Ansonsten sind meine beiden Lieblingsalben „Kyutai“ und das aktuelle Album „Myakuhaku“. 🙂

        Ich werde deinen Blog auf jeden Fall verfolgen (und jetzt auch etwas aktiver sein als in den letzten Monaten). Vielleicht ergeben sich einige nerdige Gespräche, denn da ich gerne Animes schaue und dort auch häufig gute Intros & Outros verwendet werden (und man so neue Künstler und Bands entdecken kann), gibt es genug Stoff, über den man sich unterhalten kann. g

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      2. Auf jeden Fall^^ Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das aktuelle Album von Mucc nicht kenne … Das muss ich unbedingt ändern 😉 Ich glaube, Kyutai ist sogar die neueste Scheibe, die ich von der Band habe :/ Muss gleich mal nachgucken. Bis demnächst dann! 😀

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  3. Mir geht es ein wenig wie Jo Wolf.
    Es gibt Momente da bin ich von diesem Stil fasziniert. Aber die sind selten.
    Vermutlich bin ich in puncto Musik zu „harmoniesüchtig“……..was erklären würde warum ich auch seltenst Death Metal und Ähnliches ertrage.
    Andererseits mag es auch mein HSP Gen sein, das mich zu senstiv macht und mich die Spannung und den Schmerz der Stücke häufig viel zu tief erleben lässt, sodass es dann kaum mehr erträglich ist.
    Aber zu Deinem Lieblingshit des Albums muss ich sagen, der hat was! Schnürt mir den Atem ab, aber hat was 😉

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      1. LOL, das ist eh so ein Punkt. Auto Musik! Egal was man nun bevorzugt hört – es gibt nix Geileres als auf der Autbahn voll aufzudrehen. Auch das ist einer der Gründe warum ich wirklich darunter leide kein Auto mehr zu haben und mir immo auch kein neues leisten zu können. Man kann sicher sein, keine Nachbarn zu stören! 😉

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