Hidden Flower von Shoko Hidaka ist ein ruhiger, gefühlvoller Boys-Love-Manga, der in fünf Bänden (2012-2016) beim Carlsen Verlag erschienen ist. Die Geschichte handelt vom chronisch überarbeiteten Marketing-Projektleiter Kazuaki Sakurai, der durch Zufall dem Kunststudenten Youichi Minagawa eines Abends nach der Arbeit am Bahnhof begegnet. Aber zunächst gibt’s wie immer den Klappentext des ersten Bandes:

Der gestresste Marketingexperte Kazuaki hat eine schicksalhafte Begegnung am Bahnhof – dort trifft er den verschlossenen und abweisenden Studenten Youichi, der eine geheimnisvolle Anziehung auf ihn ausübt. Auf der Suche nach Ruhe und Frieden zieht es ihn immer wieder zu Youichis Haus…

Hidden Flower ist eine wunderbare Geschichte über Entschleunigung, über das Wachsen gegenseitiger Zuneigung und auch ein bisschen übers Erwachsenwerden. Ich mag den Zeichenstil der Mangaka sehr gerne. Filigran, etwas reduziert, aber trotzdem oder vielleicht auch erst dadurch ausdrucksstark. Die Stimmung, die von Traurigkeit über Melancholie bis hin zu Verträumtheit und Faszination reicht, wird in den Bildern, wie ich finde, sehr schön eingefangen. Ursprünglich wurde der Manga vom Carlsen Verlag unter dem Titel Klang der Zikaden geführt. Der japanische Originaltitel, 花は咲く か [hana wa saku ka], bedeutet übersetzt „Blüht die Blume?“ bzw. „Wird die Blume blühen?“.

Kazuaki Sakurai, trotzdem erst 38 Jahre alt, ist vom ständigen Überstundenmachen dauergestresst und quasi permanent müde. Den Elan, den er vor einigen Jahren noch für seinen Job an den Tag gelegt hat und mit dem er vielen Kollegen, die teilweise sogar nur wegen ihm heute in derselben Firma arbeiten, ein Vorbild war, hat er längst verloren. Er hangelt sich von Arbeitstag zu Arbeitstag. Er interessiert sich fürs Gärtnern, kann diese Leidenschaft allerdings nicht ausleben, weil er für einen Garten einfach keine Zeit hat. Zudem hat er in seiner beengten Stadtwohnung auch keine Möglichkeit dazu. Er blättert stattdessen durch Gartenzeitschriften, um sich wenigsten an den Bildern etwas erfreuen zu können. Mit echten Pflanzen hat er, wie mit Frauen, bisher keine Erfolge gehabt, da sein anfänglicher Eifer aus Zeitmangel immer irgendwann abgeflacht ist.

Youichi (You) Minagawa ist ein 19-jähriger Kunststudent. Er verlor früh seine Eltern und lebt seit Beginn des Studiums mit seinen beiden Cousins Takeo und Shouta in einem alten, japanischen Haus, in dem schon Yous Vater in dessen Studentenzeit mit Kommilitonen gewohnt hat. You ist augenscheinlich bemüht, seinem verstorbenen Vater, einem seinerzeit relativ erfolgreichen Maler, nachzueifern – ganz so, wie es die Familie und die Freunde seines Vaters erwarten müssten. Auf Außenstehende wirkt er introvertiert und verschlossen, in den kurzen Sätzen, die er mit Fremden wechselt, desinteressiert und eingebildet. In Wahrheit ist er aber vor allem eines: unbeholfen. Außerdem macht ihm das Malen wirklich Spaß – entgegen der Annahme einiger alter Freunde, die befürchten, ihn in der Vergangenheit wegen des Andenkens an seinen Vater in diese Richtung gedrängt zu haben.

Eines Abends, an dem Sakurai (in Japan werden vor allem höherstehende/ältere Personen normalerweise mit Nachnamen angesprochen, es sei denn, man kennt sich wirklich sehr gut) wieder einmal übermüdet von der Arbeit auf dem Weg nach Hause ist, prallt er im Bahnhof gegen Youichi, der dabei sein Getränk über Sakurais Anzug sowie eine relativ teure Gartenzeitschrift von diesem schüttet. Sakurai ist genervt und verärgert und fordert You in relativ barschem Tonfall auf, sich zu entschuldigen. You fühlt sich zu Unrecht derart scharf angegangen und wirft Sakurai wiederum eine kindische Überreaktion vor. So kommt es, dass die beiden sich zunächst nicht leiden können. Trotzdem fordert You Sakurai auf, ihm zu sich nach Hause zu folgen, da er dort die gleiche Zeitschrift noch einmal hat und Sakurai diese als Ersatz haben könne. Zitat You: „Außerdem wollte ich mir von Ihnen keine weiteren Vorwürfe machen lassen.“ So betritt Sakurai kurze Zeit später das Grundstück von You, auf dem sich nicht nur ein altes, aber gepflegtes Haus im japanischen Stil, sondern allem voran auch ein riesiger, größtenteils verwilderter Garten befindet, der es ihm sofort angetan hat.

Nach einer weiteren zufälligen, für Sakurai eher unglücklichen Begegnung mit Shouta und Take, kehrt er in den nächsten Wochen oft zum Minagawa-Anwesen zurück. Der ruhige, idyllische Garten lässt ihn seinen Bürostress kurzzeitig vergessen und zusammen mit Shouta, mit dem er sich schnell anfreundet, pflanzt er sogar ein kleines Beet an. Allerdings begegnet er bei diesen Besuchen natürlich auch immer wieder You, der ihn durch seine weltfremde Art sehr irritiert. Nach und nach wandelt sich diese Irritation in Neugier, dann in echtes Interesse.

Gerade diese Entwicklung der Charaktere – nicht nur der von Sakurai, sondern auch (oder sogar vor allem) der von You – macht für mich diesen Manga aus. Die Autorin geht dabei sehr behutsam und nachvollziehbar vor. Die Anzahl von fünf Bänden ist wirklich gut angelegt, im Gegensatz zu vielen in einem Einzelband schnell dahinerzählten Boys-Love-Mangas. Nach Abschluss des fünften Bandes (der, ungewöhnlich für einen Manga in diesem Format, über 300 Seiten hat) war ich ein wenig wehmütig, dass es schon vorbei war. Die Geschichte endet ohne großen Knall, ohne finalen Paukenschlag, trotzdem wurde es mir nie langweilig beim Lesen.

Wer sich also nicht an diesem Genre stört (es sind auch ein paar wenige explizitere Szene enthalten) und eine etwas nachdrücklichere Slice of Life-Geschichte lesen möchte, dem kann ich Hidden Flower sehr gerne empfehlen!

Liebe Grüße

Michaela

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6 Gedanken zu “Buchvorstellung: Hidden Flower

  1. Der Artikel ist ganz gut, bis auf den Anfang: Da lese ich über einen Kazuaki… dann lese ich den Klappentexte über Kazuaki… und dann beginnt der Artikel… wieder um Kazuaki, das wirkte leider sehr reppetetiv, ich würde die Einleitung streichen und direkt mit dem Klappentexte starten ^^ Ansonsten mag ich die Beschreibung, 1-2 Bilder wären vielleicht noch hilfreich gewesen aber die Grundgeschichte wurde wohl gut eingefangen und deine Wortwahl war echt abwechlungsreich, vielen dank ^^

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    1. Danke fürs Lesen^^ Und danke für die konstruktive Kritik! Am Anfang wiederholt es sich tatsächlich, da hast du recht… Naja, jetzt hab ich’s schon so veröffentlicht^^ Nächstes Mal vielleicht…
      Ja, Bilder gefallen mir auch immer gut, ich bin mir allerdings nie sicher, ob ich vom Innenleben eines Buches Fotos veröffentlichen darf – wegen Urheberrecht und so… Cover sind wohl in Ordnung, weil die ja auch so im Buchladen rumstehen und ein Buch repräsentieren, aber die Zeichnungen der Geschichte selbst? Weißt du da evtl. Genaueres?
      Viele Grüße!

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      1. Carlsen, Panini, Kaze und Egmont „ignorieren“ rechtliche Schritte wenn man Texte ausschneidet und darunter das Copyright schreibt, Tokyopop gestattet es offiziiel nicht bei japanischen/koreanischen werken, sind aber auch nicht ernsthaft rechtlich hinter sowas her, ist halt eine Grauzone, aber man sollte schon editieren

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    1. Schön, dass dir der Beitrag trotzdem gefällt 🙂 Ja, ich finde es auch immer schwierig, einen Manga zu lesen, wenn einem der Zeichenstil nicht zusagt. Deswegen sind bei mir auch schon oft Comics nicht auf die Wunschliste gekommen. Wie ich geschrieben habe, mag ich Hidaka-sans Stil sehr gern, aber das ist natürlich Geschmackssache^^ Nur aus Neugierde: Welcher Zeichner sagt dir denn beispielsweise mehr zu?
      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      1. Im Shonen-Ai Genre gibt es jetzt niemand spezielles der mir einfällt. Sonst mag ich Takeshi Obata (Death Note, Bakuman, All you need is kill) und Sui Ishida (Tokyo Ghoul ok aber einfach weil es mein Lieblingsmanga ist). An Liebesgeschichten Karuho Shiina (Kimi ni Todoke/Nah bei dir).
        Lg Moana

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