Nachdem ich (Michaela) neulich mit meiner Geschichte „Die Maschine“ der Aufforderung Schreib mit mir Teil 3 (Der Dachboden) von Jettes Blog offenschreiben gefolgt bin, will ich heute einen Gastbeitrag zu selbigem Thema veröffentlichen. Geschrieben hat die Geschichte „App. 13“ Michael (von michaelmagwein, hutkrapfenundkaesspatzen). Großes Lob an Jette dafür, dass sie sich so eine gute Grundstory überlegt hat, und danke an Michael, dass er mich seine Geschichte veröffentlichen lässt!

Die Rahmenbedingungen für die Geschichte waren folgende:

Setting:

Dein/e Protagonist/in hat das Haus von seinen/ihren Eltern geerbt und räumt nun erst einmal auf. Er/sie durchsucht den staubigen Dachboden. Einige Dinge wurden von seinen/ihren Eltern zurückgelassen. In einer Kiste in der letzten Ecke findet er/sie ein komisches Gerät und eine Liste mit Namen.

Was ist das für ein Gerät? Was hat es mit den Namen auf sich?

Gegenstände:

Die Liste, das komische Gerät, eine Tasse Kaffee

Wortumfang:

Höchstens 10.000 Worte

 

App. 13

4. Oktober 2015, 18:37 Uhr

Was für ein Tag, was für eine Woche. Ja, vor einer Woche ist meine Mutter gestorben, nur zwei Wochen nach meinem Vater. Er war schon seit langem ein Pflegefall gewesen und meine Mutter hatte sich um ihn gekümmert. Das hat ihr anscheinend nicht nur viel, sondern die ganze Lebenskraft gekostet und so ist sie ihm gefolgt. Ich habe jetzt schon die zweite Beerdigung organisieren gemusst – wobei ich darüber sogar ganz froh bin, denn so ist mir nicht so viel Zeit für die Trauer geblieben. Froh bin ich auch, dass meine Verlobte, Sara, mir mit Tat, aber auch schon dadurch, dass ich jemand gehabt habe, der mir zugehört hat – auch wenn ich meistens gar nicht so viel gesagt habe -, geholfen hat. Und jetzt haben wir auch noch erfahren, dass ich neben dem kleinen Häuschen auf dem Dorf, wo ich aufgewachsen war, ein Mehrparteienhaus in der 50 km entfernten Großstadt geerbt habe. Das Stadthaus hat sich mein Vater wohl irgendwann als Geldanlage gekauft; wobei ich mich frage, wo er das Geld dafür her gehabt hat. Unser Kontakt ist nicht so eng gewesen. Das meiste über das Haus hat mir meine Mutter in den zwei Wochen erzählt, die sie meinen Vater überlebt hatte.

Das Stadthaus, das vermutlich 100 oder 150 Jahre alt ist, hat fünf Stockwerke, also Erdgeschoss plus vier darüber, und auf jedem Stock drei Wohnungen. Vierzehn dieser Wohnungen hat er, mein Vater, vermietet bzw. von einem Hausmeisterservice vermieten lassen, die Wohnung im ersten Stock auf der linken Seite, Appartement 13, dagegen hat er leer stehen lassen, um dort mit meiner Mutter zu wohnen, wenn sie zu alt wären, um mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Aber daraus ist nichts mehr geworden, da er relativ schnell erkrankt war und sich um nichts mehr hatte kümmern können.

Und heute sind wir, Sara und ich, in die Stadt gefahren, um dieses Haus zu besichtigen. Eigentlich wohnen wir in Saras Heimatort am anderen Ende der Republik, doch seit drei Wochen, der Hälfte meines Jahresurlaubs – ich darf gar nicht darüber nachdenken -, sind wir in meinem Elternhaus. Wir wissen noch nicht einmal, was wir mit meinem Elternhaus machen sollen, und jetzt müssen wir uns auch noch um 14 Mieter kümmern. Aber es tut gut, mal etwas herauszukommen und so haben wir kurzerhand beschlossen, eine Nacht in unserer neuen, also ganz neuen, Wohnung zu verbringen. Ein Schlaf-, ein Wohn- und ein Kinderzimmer bzw. Büro, Küche, Bad, Flur und Gäste-WC. Bis auf die Feuchträume alles mit Parkettboden. Stuckdecke. Viele große Fenster. Kleiner Balkon. Eigentlich echt schön.

Wir haben den ganzen Tag damit verbracht, die Wohnung zu putzen, uns mit dem Hausmeisterdienst zu treffen und die Nachbarn bzw. unsere Mieter zu besuchen und ihnen mitzuteilen, dass ich ihr neuer Vermieter bin. Jetzt, da es langsam dunkel wird, beschließen wir, es für heute gut sein zu lassen. Die wichtigsten Sachen für unseren Trip in die Stadt haben wir mitgebracht, so zum Beispiel Kaffeepulver, mit dem Sara gerade einen herrlich duftenden Kaffee kocht.

„Du willst doch bestimmt auch eine Tasse, oder?“

„Ja, vielen Dank!“, antworte ich, setze mich auf das Sofa und schalte den uralten Röhrenfernseher an, der leider nur ein Rauschen statt eines Bildes liefert. Also erhebe ich mich mühsam wieder und überprüfe das Kabel, das in eine Dose mit einem in der Handschrift meines Vaters beschriebenen Aufkleber ‚Verteiler Dachboden‘ führt.

„Ich geh nochmal zum Bäcker, um etwas für morgen früh zu holen“, ruft Sara.

„Ja, ich schau mal auf den Dachboden – den es anscheinend auch noch gibt -, wegen des Fernsehanschlusses.“

„OK, ich stell dir deinen Kaffee hier hin,“ höre ich sie noch sagen, aber da bin ich schon halb im Treppenhaus auf dem Weg nach oben.

Im dritten Stock treffe ich eine uralte Frau, die gerade in Appartement 32, in dem wir heute niemanden angetroffen haben, gehen will. Sie sieht mich und fragt:

„Sie sind dann wohl der Sohn von Herrn Tanner? Hans Friedmann aus Appartement 22 hat mir schon alles erzählt. Herzliches Beileid. Ja, schlimm ist das. Aber so ist die Zeit.“

„Danke.“ Ich habe mich daran gewöhnt, immer nur ‚Danke‘ zu sagen…

„Und Sie wollen wirklich in Appartement 13 übernachten?“

„Äh, ja, warum nicht?“

„Ach, diese alte Geschichte.“

Sie dreht sich rum und will gerade mit einem „Ade“ in ihrer Wohnung verschwinden, als ich frage:

„Welche Geschichte?“

Darauf hat sie gewartet und so erzählt sie mir, dass vor dem Krieg in Appartement 13 eine damals schon sehr alte Frau, Rosa Hübner, gewohnt hat, die eines Tages, als sie gerade etwas auf den Dachboden gebracht hatte und wieder in ihre Wohnung zurückgekommen war – damals konnte man die Türen ja noch offen stehen lassen, ohne Angst haben zu müssen, dass etwas geklaut wird – in ihrer Wohnung eine verkohlte und noch warme Männerleiche gefunden hat, die man nie identifiziert hat.

„Und wissen Sie, das alte Fräulein Hübner hat gesagt, dass ihr kurz vorher im Treppenhaus ein Fremder begegnet war, der Klamotten trug, wie sie sie noch nie gesehen hatte, sie hat wohl von Zigeunern gemutmaßt. Aber kurze Zeit später ist sie, wohl wegen der vielen Aufregung, auch gestorben.“

„Und man hat nie herausgefunden wer das gewesen ist und wie er dort hin gekommen ist?“

„Nein – mysteriös, nicht wahr? Aber das ist ja schon ewig her… Schönen Abend noch.“ Sie geht in ihre Wohnung. Als die Tür schon zu ist, antworte ich leise: „Guten Abend.“

Ich schüttle den Kopf und gehe weiter in den vierten Stock und über die Holztreppe in den Dachboden, wo eigentlich mal verschiedene Einheiten mit Brettern abgetrennt waren, aber jetzt überall so viel altes Zeug herum steht, dass man von den meisten Verschlägen die Türen nicht ohne größeren Aufwand öffnen kann. Oft kommt hier wohl niemand herauf. Die Neonröhren machen ein unnatürliches, flackerndes Licht. Nach kurzer Suche finde ich ein Kabel, das nach einem Antennenkabel aussieht und an einem Balken entlang führt. Ich verfolge es und kämpfe mich über Kisten, Kartons, eine alte Stehlampe, deren Holzstil wurmstichig, deren blauer Seidenschirm ausgeblichen und deren goldene Troddeln, die unten am Schirm hängen, im Auflösen begriffen sind, und ein halbes Dutzend Kinderfahrräder weiter nach hinten. Als ich sehe, dass an der eigentlich sehr schönen Stehlampe ein gelber Zettel mit der Aufschrift ‚App. 13‘ hängt, muss ich schmunzeln – hat wohl mal einem Vorbesitzer oder -mieter der Wohnung gehört…

Zurück zum Kabel. Es führt in eine Holzkiste, die hinten an einen Bretterverschlag geschraubt ist. Vielleicht ein vorsintflutlicher Verteilerkasten. Ich öffne die Kiste und sehe darin eine seltsame Maschine. Sie erinnert mich an ein altes Telefon: Wählscheibe, Hörer. Das Kabel führt in diese Maschine. Aber da sind noch mehr Teile, die ich nicht zuordnen kann: eventuell Röhren, Kühler, Relais. Keine Ahnung. Mich erinnert die Maschine ein wenig an Steam-Punk-Comics. Aus Neugierde nehme ich den Hörer ab und lausche: nichts. Kein Rauschen; gar nichts. Ich wähle eine Fantasienummer, 345, mit der Wählscheibe: rag-rag-rag-ding, rag-rag-rag-rag-ding, rag-rag-rag-rag-rag-ding – nichts passiert. Wohl kaputt.

Gerade als ich die Kiste wieder zumachen will, da es sich hier anscheinend nicht um das Antennenkabel, sondern um ein antikes Telefonkabel handelt, sehe ich, dass hinter der Maschine ein Zettel klemmt. Ich bin einfach zu neugierig, um nicht darauf zu schauen. Aber wirklich spannend ist der Zettel nicht: eine Liste mit fünf Namen und Ortschaften. Ich lese die Namen, die mir gar nichts sagen. So auch die Ortsnamen. Nein, der vierte Ortsname kommt mir bekannt vor… zumindest bilde ich mir ein, dass der Ort nahe an Saras Heimatort liegt.

Ach was soll’s, ich nehme mein Smartphone und suche nach dem Namen und dem Ort. Treffer im dortigen Telefonbuch. Wenn auch ein sehr komischer Treffer: Dort steht nur der Name, der Ort und eine zweistellige Zahl.

„Das ist doch keine Telefonnummer,“ murmle ich.

Ich bin irgendwie ganz hibbelig, auch wenn ich gar nicht so genau weiß, warum. Schon tippe ich den ersten Namen auf der Liste und den Ort in die Suchmaschine. Treffer. Wieder ein Telefonbucheintrag mit dem Namen, dem Ort und zwei Ziffern. Ich notiere mir die Zahlen und suche auch nach den anderen. Für alle finde ich ähnliche Einträge. Mich überkommt das Gefühl, dass das irgendeine Art Code ist und ich muss an die ‚5 Freunde‘ denken. Was soll ich jetzt aber mit den fünf mal zwei Ziffern machen? Mein Blick fällt auf die Drehscheibe und ohne weiter nachzudenken nehme ich den Hörer ab und wähle.

Und! „Duud“ – Pause – „Duud“ – „Klick“

„Kontaktaufnahme verspätet. Hatten Sie Erfolg?“ Die Stimme am anderen Ende ist hoch, weiblich, schön und irgendwie stark verzerrt.

„Erfolg mit was?“

„Verstehe, Sie denken, die Leitung ist nicht sicher. Wir holen Sie ab, in – sagen wir – drei Minuten, am 21. Juli 1928, um 11.45.“ – „Dud, dud, dud, dud, …“

Ich hänge auf. Was war das? Das war doch keine Tonbandaufnahme. Versteckte Kamera? Träume ich? Plötzlich dreht sich die Wählscheibe wie von Geisterhand: Eins-Neun-Zwei-Acht-Null-Sieben-Zwei-Eins-Eins-Eins-Vier-Zwei.

Schlagartig ist mir warm, ja heiß. Mir wird schwindelig. Ich will wieder gehen, taste mich an den Bretterverschlägen im warmen Licht der alten Glühbirnen nach vorne. Ohne Probleme komme ich zur Holztreppe und gehe hinab. Im Treppenhaus, in dem der Staub im Tageslicht wunderschön flirrt, kommt mir eine alte Frau entgegen, die eine elegante Stehlampe mit blauem Schirm, dessen goldene Quasten, als sie die Lampe an einem Fenster vorbei trägt, glitzern. Mir ist, als hätte ich die Lampe schon einmal gesehen. Ein Déjà-vu. Sie ruft:

„Wir wollen keine Zigeuner hier!“

Normalerweise hätte ich ihr gesagt, dass sie eine Rassistin ist; aber mir ist schlecht. Ich gehe weiter. Erster Stock. Unsere Wohnungstür steht offen. Wer ist diese Frau überhaupt gewesen? Keine Mieterin… Warum hat Sara die Tür nicht zu gemacht? Ich gehe in die Wohnung. Da steht eine Tasse Kaffee. Stimmt ja, Sara hatte Kaffee gemacht. Beim ersten Schluck erschrecke ich: Malzkaffee? Warum? Und wo sind unsere Sachen? Die Möbel sind auch falsch. Oh Gott! Ich bin in der falschen Wohnung. Habe ich mich in der Aufregung im Stockwerk geirrt und bin in die Wohnung der alten Dame gelaufen? Als ich mich umdrehe und zur Tür gehen will, sehe ich es: menschlich, sehr groß, grünlich schimmernd, entfernt weibliche Formen, schlank, haar- und geschlechtslos, nackt; große, runde, schwarze Augen und eine Haut wie aus Wachs. Eine hohe Frauenstimme sagt wie zu sich selbst und fast erotisch:

„Identität der Zielperson inkorrekt.“

Es deutet mit dem Finger auf mich.

Ein grüner Blitz.

Aus.

Beitragsbild von pixabay

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7 Gedanken zu “Gastbeitrag von Michael (michaelmagwein, hutkrapfenundkaesspatzen): „App. 13“

  1. Schöne Story, sprachlich noch nicht ganz perfekt („Ich habe jetzt schon die zweite Beerdigung organisieren gemusst“) und natürlich mit dieser frechen, rein erzählperspektivisch so spannenden wie schwierigen Problematik: Wie funktioniert das, wenn der Ich-Erzähler stirbt? Ich mag jedenfalls solche Zeitreise-Storys sehr – meinen Dank fürs Einstellen. Jetzt muss ich erstmal Deine Story lesen – habe ich gar nicht mitbekommen 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Hi
    I really like the story, but I would change the first two sentences. Weil die etwas holprig sind. In vllt…… Seit einer Woche ist meine Muter tot. Mein Vater seid drei. Die Krankheit hat ihn langsam dahingerafft und die Lebenskraft meiner Mutter hatte sie gleich mitgenommen. Sie hatte sich so lange um ihn gekuemmert. But anyway, really good story. I liked the way das man die Situation in the scong scne wieder erkennt. (Sorry for the english german Mix)
    -Missy

    Gefällt 1 Person

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